und in Gips. Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und Griechisch zusammen, sprach von der hehren Göttin Kalypso, besann sich zum Glück auf ein paar Horazische Verse, die er ohne wesentliche Verstümmlungen herausbrachte, und bemerkte, dass die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm gewann. Mit Erstaunen hörte er im Verlaufe des Gesprächs völlig regelrechte Hexameter aus ihrem mund tönen, die nur durch gehäufte Spondeen etwas Unbeholfnes erhielten. Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde miteinander.
Indessen entstanden doch, wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen pflegt, Pausen. Hermann erhob sich daher und wollte gehen. Sie fasste ihn bei der Hand und sagte, ihm treuherzig ins Gesicht sehend: "Ihr Herrn habt es im kopf, aber selten viel im Beutel, und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen, als die Kandidaten, welche uns sonst besuchen, so dächte ich doch, dass frei Quartier bei guten Leuten besser wäre, als teure Gastofszeche. Ich will Ihnen Ihr Zimmerchen zeigen, und Sie können nur gleich Ihre Sachen vom wirtshaus herüberbringen lassen." Ohne seine Antwort zu erwarten, nahm sie ihn mit in das obere Stockwerk, wies ihm unterwegs verschiedne wirtschaftliche Einrichtungen, namentlich den Ofen, der zwei Stuben zugleich heizte, und den neuen Wandschrank, und führte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen, von welchem man das ganze Flusstal übersah. Er fragte nach dem Namen eines Dorfs, dessen Turmspitze am Horizonte hervorragte, und erfuhr nicht nur diesen, sondern lernte auch auf der Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten, Freunden und Gevattern, die da und dort wohnten, kennen.
"Sind Sie versprochen, Herr Schmidt?" fragte sie plötzlich. "Nein!" – "Rauchen Sie Tabak?" – "Auch nicht." – "Dann sind Sie auch kein ordentlicher Kandidat!" rief sie lachend. "Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt, der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte. Sie müssen sich beides bald anschaffen." Er erwiderte ihren Scherz, der halb wie Ernst klang, und wurde von ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen, welches er unten in das Esszimmer tragen sollte. Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten, dass ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers nötigenfalls dienstbar sein müsse.
Unten sagte er, um seinem Zwecke etwas näher zu kommen: "Es ist so still in Ihrem haus, und ich sehe keinen Ihrer Pensionäre oder Pensionärinnen." – "Pensionäre? Pensionärinnen?" fragte sie erstaunt. "Wir haben bloss unsre Knaben in Pension. Man hat mit den eignen Kindern Last genug, wer wollte sich noch die Mühe mit fremdem liebem Gute machen?" Da sie nun merkte, dass diese Worte ihn befremdeten, fuhr sie nach einigem Besinnen fort: "Ach, gewiss ist da wieder eine Verwechselung vorgefallen, und Sie meinen, bei dem Edukationsrate zu sein. Wir werden noch an das Stadttor schreiben lassen müssen: 'Da wohnt der Philologe und da der Realschulmann.'"
Bei näherer Erkundigung hörte er nun, dass sich noch ein Namensvetter des Rektors am Orte befinde, welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei, sondern eine Privaterziehungsanstalt habe. Er sei in allem der Gegner ihres Alten, sagte die Rektorin, halte nichts auf Römer und Griechen, wolle vielmehr die ganze Bildung der Jugend auf das Praktische richten. "Dies hindert aber nicht", fügte sie hinzu, "dass wir gute Freunde bleiben. Wir kommen zusammen, die beiden Alten zanken sich tüchtig ab, wenn der Konrektor dabei ist, so spricht auch das Mittelalter noch ein Wort darein, am Ende sind sie müde, der Edukationsrat ruft: 'Die Gegenwart gehört der Gegenwart!' das ist mein Stichwort; ich sage dann: 'Es ist angerichtet', wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz verträglich und lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander."
Hermann überzeugte sich im stillen, dass der Arzt ihm jenen Edukationsrat habe empfehlen wollen und dass er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei. Indessen würde es unartig gewesen sein, das Missverständnis zu bekennen, und er erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin, sich nunmehr zwischen dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden, dass seine Nachfrage nur eine zufällige gewesen sei, und dass er niemand hier habe kennenlernen wollen, als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop.
"Nun wohl", sagte die Rektorin, "ich glaube Ihnen, aber nehmen Sie sich in acht; Sie werden auf den Zahn gefühlt werden. Und jetzt lassen Sie uns voneinander scheiden. Sie können den näheren Weg durch den Garten nach Ihrem wirtshaus nehmen; schicken Sie mir mein Cornelchen daher, wir wollen einen Topf mehr zum Feuer rücken, damit es heute mittag heissen kann:
Und sie erhoben die hände zum lecker bereiteten Mahle; worauf es dann ferner lauten soll:
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der
Speise gestillt war,
Gingen sie alle gesamt zu dem göttlichen Hirten
Eumäos,
Dort des Kaffees Gebräu zu schlürfen aus
blumiger Tasse."
Zweites Kapitel
Indem Hermann über den Hof und durch den Garten ging, war es ihm nicht unlieb, dass er sich in der person des Schulmanns geirrt hatte. Nach dem Wesen der Frau, nach dem Begriffe, den er durch ihre Reden von dem mann erhalten, bei dem Anblicke der philologischen Bildnisse, der engen Häuslichkeit, der schmalen Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen hätte er nicht erwarten