in das aufgeschmückte Grab zu tragen, und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zurückzubringen, meinten, sie hätten sich immer über die unverhältnismässige Schwere des Kruzifixes verwundert. Einge fragten, wie es doch möglich gewesen sei, dass man nicht früher den Falz in dem Holze gesehen habe? Darauf erwiderten andre, dass, solange der Stoff noch einigermassen haltbar gewesen, beide Hälften fest aufeinander geschlossen hätten, erst durch Alter und Zerstörung sei das Volumen verringert, und dadurch ein Zurückweichen der Teile hervorgebracht worden.
Was mich betrifft, so hatte ich während alles dieses Fragens, Verwunderns und Erklärens nur einen Gedanken. Mir war die Decke von der Gestalt hinweggetan, der Katolizismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung göttlich, hüllen- und makellos gezeigt. Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten geistlichen Vater, sagte ihm, wie es mit mir geworden sei, und empfing bald darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen! Himmel und Erde lagen jungfräulich, wiedergeboren vor meinen Blikken. Nein! es kann keine Täuschung gewesen sein! Diese Momente überströmender Seligkeit, diese Gefühle leiblicher Gemeinschaft mit dem Allmächtigen, sie waren nicht Lüge, sie trugen auf ihren Flügeln den Lichtglanz der Urwahrheit."
Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage, womit seine geschichte begann, sich bis zu dem Ausdrucke der höchsten Begeistrung erhoben. Er schaute mit glänzenden Blicken in die Sonne, die hinter den Hügeln hinabsank. Sie standen auf einer kleinen Anhöhe. Hermann hatte die Erzählung des Proselyten voll Teilnahme gehört. Erinnrungen schöner Art waren in ihm aufgewacht. Von diesen bewegt, drückte er dem Geistlichen die Hand, und sagte leise: "Rom!"
"Rom! Rom!" rief jener ausser sich, und warf sich dem Erstaunten leidenschaftlich an die Brust. "Ja, Rom! Und ist Rom nur über den sieben Hügeln? Du Unglücklicher, Armer, Darbender! Komm herüber zu uns, wir haben der Speise die Fülle auch für dich! Sei der unsre; du bist dessen wert!"
Hermann erschrak über diese unerwartete Wendung. Gegenüber in einem Fenster des Schlosses erschien die Herzogin. Ihr blick ruhte lange und durchdringend auf der Gruppe. – "Wir sind nicht unbemerkt", sagte er ängstlich, und machte sich los. "Die Herzogin sieht uns!"
"So sieht dich der Engel deiner Tage!" rief der Geistliche. "Auch ihre Wünsche steigen für deine Rettung empor. Auch sie fleht mit den unschuldigen Lippen: 'Erlöse ihn aus seiner Unseligkeit, o Heiland, dass wir ihn haben und behalten, diesseits und jenseits!'"
Drittes Buch
Die Verlobung
Die Ehen werden im Himmel geschlossen.
Erstes Kapitel
Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein Ziel erreicht. Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah, überdachte er seinen Plan, beschloss im haus des Pädagogen zuerst pseudonym aufzutreten, und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen. Auf diese Weise hoffte er die Sache in der für ihn leichtesten Art zum Ende zu führen.
Das Gymnasium war aus den Überbleibseln einer Stiftung entstanden. Alte Linden umgaben den Schulhof; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter angestrichnen wohnung des Rektors. Er erfuhr von der Magd, dass dieser verreist sei, und musste sich daher bei der Frau anmelden lassen.
Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig – diesen Namen und Stand hatte er sich gegeben – mit lebhafter Freundlichkeit. Als sie ihn zum Sitzen nötigte, wollte er ihrem Sofaplatze gegenüber auf einem stuhl sich niederlassen. Sie verhinderte es aber, zog ihn auf das Sofa und sagte: "Wir leben hier nicht steif und vornehm. Seine Feinde fasst man ins Antlitz, seine Freunde hat man gern neben sich."
Er eröffnete ihr, dass er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde, deren vorzüglichster Zweck sei, die ersten Männer des Fachs kennenzulernen. Schon lange habe er sich gesehnt, dem ausgezeichneten Erzieher, dessen Metode man weit und breit rühme, seine Verehrung zu bezeugen.
Das Mütterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlürfen. "Er benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S., wo wir leider einen verdriesslichen Handel abzumachen haben", versetzte sie. "Indessen erwarte ich ihn morgen oder übermorgen zurück, und wenn Sie einige Tage hier verweilen können, so soll es mir lieb sein."
Sie gehörte zu den Personen, mit denen man in fünf Minuten bekannt ist. Die gutmütigsten Augen sahen unter dem weissen Spitzenhäubchen hervor; ihr Herz schwebte auf der Zunge. Sie schien nicht viel Ruhe zu haben, stand öfters auf, quirlte hin und her, setzte ihm ein Frühstück vor, und er musste, ungeachtet aller Versichrungen, dass er schon im Gastofe das Nötige genossen habe, wenigstens davon kosten. "Wer in unser Haus tritt, isst von unsrem Brote und trinkt von unsrem Weine", sagte sie. "Wir ahmen darin den Erzvätern nach, und dem edlen Alkinoos, wenn wir gleich keine phäakische Schmauserei anstellen können." Diese und ähnliche Anspielungen, welche bald darauf zum Vorschein kamen, deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an, in welchem er sich hier vernehmen lassen müsse. Das saubre Zimmerchen, dem aber jede Eleganz fehlte, war mit den Porträts berühmter Gelehrten verziert. Der besten Rähmchen erfreuten sich die Philologen. Heine, Wolf, Ernesti, Gesner, Bentlei, Ruhnkenius zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter, Voss war dreimal vorhanden, gezeichnet, im Kupferstich