Zelle, in mir die schwersten Zweifel aufstiegen. 'Ist diese Absondrung menschlich? Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen? Werden sich deine Mitgenossen, wirst du selbst dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter Lust und Zerstreuung erholen? – Vielleicht stirbt dieser einem ein teurer Mensch ab, vielleicht streckt nach einem andern die Not ihre arme flehend aus, sie aber hören nichts davon, sie haben zwischen sich und der natur eine Scheidewand gesetzt; liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge?' – So lauteten ungefähr meine stillen Selbstgespräche.
Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hügel. Ich sass in den Freistunden meistenteils unter der herrlichen Palme, die in der Mitte des Hofes ihre Schatten verbreitet. Über die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die Kaiserpaläste. Aber der Berg und die Trümmer sprachen nicht mehr zu mir, und der Gesang aus der Kirche tönte an meinen Ohren vorüber. Es war völlig finster in mir geworden, und mich verlangte nach dem Ende dieser grabähnlichen Tage.
Eines Abends ging ich in meiner grossen Bekümmernis zur Kirche. Noch hatte der Gottesdienst nicht begonnen; ich war allein. Redlich hatte ich gekämpft, es durchdrang mich, wie ein Schwert, dass Gott solchem Suchen sich zeigen müsse. Ein unendliches Zutraun erfüllte mich; ich wollte am Hochaltare zum Gebete niedersinken, als meine Blicke auf das Kruzifix über demselben fielen. Schon oft hatte ich dieses Bild gleichgültig betrachtet, in meiner damaligen Erregung machte es aber einen äusserst widerwärtigen Eindruck auf mich. In der Tat konnte man sich auch nichts Hässlicheres denken. Gross, plump, von Holz geschnitzt, war es ein getreuer Abdruck der krassesten Vorstellung. In den Zügen des Hauptes die abscheulichste Fratze des tierischen Schmerzes, alles dick mit Farben bestrichen, das Blut in ekelhaften roten Streifen herabrinnend, und mit diesem Jammer in Widerspruch geschmacklose Zieraten auf dem Kreuze in verblichnem Gold und Schmelzwerk eingeschlagen. Meine Gedanken schrumpften vor dieser Missgestalt ein, ich richtete mich empor, und stand straff auf meinen Füssen, missmutig, ernüchtert, verworren. Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite, da sah ich, dass es von Würmern zerfressen war, und es kam mir zugleich so vor, als ob sich in der Seitenfläche eine ganz feine Spalte befinde. Ich trat wieder hinzu, ich erhob mich über die Brüstung des Altars, und konnte nun deutlich sehen, dass es nicht aus einem Stücke bestand, sondern aus zwei aufeinander gelegten Hälften gemacht zu sein schien.
Ich weiss nicht, war es Neugier oder etwas Ernsteres, Besseres, was meine Hand führte, genug, ich fasste das Heiligtum an, wie um ein verborgnes Geheimnis zu erobern. Zu meinem Schreck blieb mir die obere Hälfte, wie eine Schale, in der Hand; ich traute meinen Augen nicht, als mir der wahre Gehalt dieses Bildes erschien. Das Holz war nur Kapsel, nur Futteral für ein Werk der edelsten Kunst. Aus der zweiten stehengebliebnen Hälfte blickte der Gekreuzigte, im reinsten Elfenbein auf tief glänzendem Schwarz sich abhebend, zu mir nieder. Eine göttliche Arbeit! sie musste der besten Florentiner Periode angehören. Nie habe ich einen Christuskopf gesehen, in dem die Pein so geistig und rührend dargestellt war. Und welche Pein! Nicht um die blutigen Fuss- und Handwunden, nein, um die gefallnen Menschen, die sie schlugen.
Überrascht, ergriffen, entzückt, warf ich die rohe hölzerne Decke aus meinen Händen, und stürzte vor dem gefundnen Erlöser nieder. Auf einmal war mir alles klar; meine Lage, meine Pflicht! in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich, körperlich, greifbar, der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche. Meine Seele geriet in eine Verzückung. Das war nicht totes Elfenbein und Ebenholz mehr, was ich vor mir sah; der schwarze Stamm des Kreuzes fing an, sich von innen zu erleuchten, bis er, ganz durchsichtig, in rosenrotem Lichte strahlte, der Leib des Erlösers begann zu pulsieren, Blutstropfen perlten aus den Armen und Füssen, die Wangen färbten sich leicht an, und aus den milden Lippen tönte es mit Geisterlauten: 'Willst du den Kern verachten, der Hülle wegen? Hier bin ich unter allem Tand und Aberwitz; hier, und nirgend anders! Die Toren haben ihr Werk getan, und die Würmer tun ihr Werk an dem Werke der Toren, du aber suche mich nicht draussen, sondern drinnen.'
Wie lange ich mich in diesem erhöhten Zustande befunden habe, ist mir nicht klargeworden. Als ich erwachte, stand der Prior hinter mir, nebst seinen Mönchen und den Andachtsgenossen. Alle sahn verwundert auf mich, auf das entdeckte Heiligtum, auf die Holzdecke, die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfrass zerfallen, am Boden lag. Ich beichtete meinen Vorwitz, man vergab mir um seiner Folgen willen.
Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereignis gestört worden, und sie meinten Gott zu dienen, wenn sie ihren Betrachtungen darüber freien Lauf liessen. Die Ältesten der Kongregation erinnerten sich, dass im Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schönen Kruzifix, welches man vor zeiten besessen, gegangen sei, und dass man auch oft, wiewohl vergebens, Nachforschungen angestellt habe, solches wieder aufzufinden. Nun suchten sie in den Registern und Urkunden zu entdecken, wann, von wem und zu welchem Zwecke dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei? Die Jüngern, welchen das Amt obgelegen, den Leib des Erlösers am Karfreitage