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Alten betrachtet, und ihre stimme gehört hatte, stieg in ihm eine Vermutung auf, die ihn unruhig machte. Um Gewissheit zu erlangen, fragte er den Arzt auf dem Heimritte über sie aus.

Dieser erzählte, dass er sie im Spätsommer des verwichnen Jahrs kennengelernt habe. Sie sei als Zigeunerin mit einem Trupp verlaufnen Gesindels durch den Flecken transportiert worden, habe wegen Krankheit liegenbleiben müssen, hülfe begehrt, und so sei er zu ihr geführt worden. "Die Reden dieser person", fuhr er fort, "erregten meine Aufmerksamkeit. Sie beschrieb mir ihre Leiden, und den Sitz derselben, die Milz, mit einer solchen Deutlichkeit, dass ich daraus schliessen musste, sie sehe gewissermassen das Organ und seinen Zustand. Ich folgerte hieraus eine eigentümliche Stärke der sinnlichen Erregteit, setzte diese Wahrnehmung mit ihrem Gewerbe zusammen, und da es eine meiner Grundüberzeugungen ist, dass jede Abnormität auf einer natürlichen Anlage beruht, so fasste ich den Vorsatz, aus einer verworfnen Herumtreiberin womöglich ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen.

Zur probe hielt ich ihr meine Hand hin; sie sah weniger auf diese, als in mein Gesicht und sagte: 'Ihr wollt mich versuchen.' Ich bemerkte, dass sie mit einem unendlichen Scharfblick für alles Körperliche ausgerüstet war, aus den Lineamenten die geheimsten Seelenregungen las, und mit diesen Kräften, durch Elend und Dürftigkeit gezwungen, auf Prophezeien und Quacksalbern verfallen war, während sie unter günstigen Umständen vielleicht eine berühmte Frau geworden wäre. Ich öffnete ihr die Augen über sich, sagte ihr, dass ich ihr helfen wolle, wenn sie folgsam sei, und fand Zutraun.

Meine homöopatischen Kuren, welche ich, wo die Konstitution dieses Verfahren rechtfertigt, zuweilen vornehme, erfordern Mittel, zu welchen die Substanzen mit der äussersten Sorgfalt eingesammelt werden müssen. Niemand hatte mir bis dahin die Sache zu Dank machen können; ich war genötigt gewesen, selbst stundenlang die Halme und Binsen aus dem eigentlich Brauchbaren zu lesen, um nicht nach grosser Mühe noch endlich einen verfälschten, groben Saft durch die Extraktivpresse zu gewinnen. Ich beschloss, mit der Alten einen Versuch anzustellen, und er ist vollkommen gelungen. Als sie von ihrem Lager erstanden war, lehrte ich sie Botanik d.h. soviel davon zu ihrem Geschäfte nötig schien, mietete ihr das Häuschen in dem Hügelkessel, welcher die seltensten Pflanzen weit in die Runde trägt, und schickte sie auf das Suchen aus. Sie hatte mich wunderbar schnell begriffen, ja sie trug die Kunde, welche ich ihr beibringen wollte, sozusagen, schon vollständig, nur unentwickelt, in sich. Sie hat sich mit dem Pflanzenreiche gleichsam identifiziert, entdeckt, was nur entdeckt werden kann, verfährt mit einer Genauigkeit, die Sie selbst zum teil haben bemerken können, und leistete mir im vorigen Herbste, sowie in diesem Frühjahre schon die wesentlichsten Dienste. Anfangs fürchtete ich für den Winter, weil ich nicht wusste, womit ich sie während desselben beschäftigen sollte. Aber die natur half auch hier, wie gewöhnlich, aus. Sie verfiel nämlich zu meinem Erstaunen in einen Schlaf, welcher der Erstarrung mancher Tierarten ganz ähnlich war, und aus dem sie oft nur je um den zweiten Tag zu einem Halbbewusstsein erwachte, in dem sie dann wie träumend für ihre Bedürfnisse sorgte, um sich, nachdem diese abgetan waren, wieder auszustrecken. Ich glaube, dass eine furchtbare Krankheit, die, wie ich aus einzelnen Reden geschlossen habe, selbst bis zum Scheintode geführt hat, dergestalt ihre Lebenskraft schwächte, dass diese nur während der warmen Jahreszeit vorhält, und sich, sobald es kalt wird, als Fünkchen in das Innere des Organismus zurückzieht. So gewährt sie mir noch nebenbei ein merkwürdiges Studium."

Hermann entdeckte ihm, dass er die Alte für dieselbe person halte, welche er schon einmal im wald gesehen, und welche Flämmchen gewahrsagt habe. Er äusserte seine Besorgnis vor den Folgen, wenn man beide wieder zusammenbringe. Der Arzt teilte dieselbe aber nicht, sondern sagte: "Sie wird eher heilsam auf das Kind wirken, denn sie hegt den grössten Abscheu vor ihrem ehemaligen Gewerbe, und bereut, wie sie sich ausdruckt, jeden Augenblick, wo sie in die Hand und in das Antlitz der Menschen gesehen, seitdem sie erfahren, wieviel Gott auf die Blätter der Pflanzen geschrieben hat."

Er erbot sich, Flämmchen, wenn Hermann abgereist wäre, unter einem Vorwande von Wilhelmi zu entfernen, und jener musste wohl nachgeben, da er keinen andern Ausweg wusste.

Achtzehntes Kapitel

Flämmchen kam dazu, als er packte. "Willst du fort?" fragte sie. Er bejahte es. – "Warum?" – "Um deinetwillen."

Sie zog ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl, kniete vor ihm nieder, und schaute ihm mit einem unbeschreiblichen Blicke in die Augen. "Um meinetwillen!" sagte sie gedehnt. "Ich meinte schon, mit uns sei es aus, und die Alte und der Geist hätten gelogen." Sie wollte lächeln, aber der Schmerz verzog ihren Mund, und ein Tränenstrom floss über Lippen und Kinn.

Er hielt den Augenblick für geeignet, ihr Innres zu erforschen. "Sei einmal recht offen gegen mich, mein liebes Kind", sagte er. "Was hat dir den Gedanken in den Kopf gesetzt, von dem du nicht lassen willst?"

"Ich lag nach meiner Flucht vom falschen Vater im wald, und weinte, denn zurück wollte ich nicht, und um mich waren