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konnte, und dieses ungewisse Wort galt bei den Leuten mehr als ein Eidschwur andrer.

Ich liebte meine Eltern herzlich. Mein Vater war mir eine Art Gotteit, die sich in heiliges Dunkel verbirgt. In mancher Nacht lag ich auf meinen Knien, und bat den Himmel, es so zu fügen, dass meine Eltern einander doch auch so liebhaben möchten, wie ich sie liebte. Aber mein Naturell war munter und beweglich; alle diese finstern Dinge konnten seine Fröhlichkeit nicht zerstören. Ich war viel ausser dem haus, viel unter andern Menschen, man mochte mich gern leiden, eine Antwort fehlte mir nie, und mehrere meiner jüngern und ältern Bekannten schienen ein Vergnügen daran zu finden, wenn sie meine Geistesgegenwart auf die probe stellen durften. Was sonst einem kind so natürlich ist: dass es seine Eltern für einen Wall und Rückhalt in jeglicher Not ansieht, blieb mir immer fremd. Sie waren von einem mir unbekannten Leide schon so sehr bedrückt; sollte ich ihre Verlegenheiten vergrössern?

Nun erschien das Jahr 1813. Als Siebenzehnjähriger stand ich in den Donnern von Lützen. Da lernte man sich erst recht fühlen, den Schanzen und Kolonnen gegenüber, sich selbst und seinem Schicksale überlassen. nachher habe ich meine Eltern immer nur auf kurze zeiten wiedergesehn. Ich studierte, reiste viel, war hier und dort. So bin ich das unruhige, unstete, ach und leider zu früh mit der Welt und ihrem Laufe bekannt gemachte Wesen geworden, welches Sie mit solcher Nachsicht angehört haben. Bringen Sie mich nicht in eine Klasse mit den eiteln, vorlauten, zerstreuten Jünglingen unsrer Tage; ich stehe vielleicht an Geist in keiner Beziehung über ihnen, aber mein Sinn ist anders. Sie sind so höchst zufrieden mit sich, ach! und ich bin leider so höchst unzufrieden mit mir! Ich habe keine Jugend gehabt. Ist das vielleicht die Krankheit und der Mangel meiner natur? Die Dinge gewähren mir keine Resultate. Alles, was ich anfasse, löst sich unter meinen Händen in ein Abenteuer auf, welches sich immer in die Gestalt meines Vorteils verwandelt. Wer aber wird nicht müde, vom Leben nur die sogenannten Annehmlichkeiten zu erbeuten? Wer wünschte nicht, dass ihn eine milde Fügung mit gütiger Hand in die Mitte des Dasein stellen, und in dessen Geheimnisse einweihen wollte?"

Die Herzogin hatte mit grösserem Interesse zugehört, als sonst den Erzählungen und Klagen der Jugend zuteil zu werden pflegt. "Milde Fügung! Gütige Hand!" sagte sie lächelnd. "Es ist schlimm, dass sich die Fügungen nicht bestellen lassen. – übrigens glaube ich, dass Sie empfinden, was Sie aussprechen. Und daher denke ich, dass die Schicksale nicht ausbleiben werden, nach denen Sie sich sehnen."

Hermann erhob sich. "Mir ist eben von der dunklen Macht, welche unsre Tage beherrscht, eine Frage vorgelegt worden, und wenn ich nicht gar zu unbescheiden erschiene, so möchte ich mir die Antwort wohl hier erbitten."

Er zog ein kleines Portefeuille hervor. "Diese Brieftasche sendet mir mein Oheim", sagte er. "Ich soll dieselbe nach dem Willen meines Vaters öffnen, wenn ich das vierundzwanzigste Jahr zurückgelegt habe. Die Worte des Verstorbnen besagen, dass ich nicht eher mich ankaufen, nicht eher ein festes Amt übernehmen und hauptsächlich nicht eher mich verloben soll, bis ich den Inhalt kennengelernt. Vor einigen Tagen erreichte ich jenes Lebensalter. Was soll ich tun?"

Die Herzogin sah ihn betroffen an. Dann beschaute sie aufmerksam das Portefeuille. Es war alt, mit kostbarer eingelegter Arbeit von Goldstäbchen, Perlemutter und Steinen geziert. Auf der hintern Fläche war etwas, wie ein grosses Wappen eingebrannt, dessen Embleme sich aber nicht mehr entziffern liessen. Es schien viel gebraucht worden zu sein.

Sie hakte an dem silbernen Schlösschen; sie schien auf einen passenden Ratschlag zu sinnen. "Hat Ihr Vater in seinen Angelegenheiten etwas ungeordnet zurückgelassen?"

"Nein, sein Leben war dem Gange einer wohlgestellten Uhr gleich."

"Sie lieben Ihre Eltern, nicht? Sagten Sie nicht so?"

Er neigte sich, stumm bejahend.

"Lassen Sie das Portefeuille uneröffnet!" rief die Herzogin. "Alle Geheimnisse sind verderblich, alle ohne Ausnahme."

Er zauderte, es aus ihrer Hand zurückzunehmen. "Die Neugier ist der unüberwindlichste Fehler unsrer natur." Er wagte nicht, mehr zu sagen.

"Sie haben es so gewollt!" versetzte sie, indem sie es hastig in den Schreibtisch legte. "Nun ist es für Sie verloren, denn mit meinem Willen lesen Sie kein Blatt darin."

Dreizehntes Kapitel

Von diesem Tage an war Hermann auf dem schloss einheimisch. Der Herzog beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzählung über dessen Geschick unter den Tannen, und schien an dem gesitteten, wohlunterrichteten jungen mann immer mehr Geschmack zu finden. Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte, so brauchte er ihn bald zu verschiednen Expeditionen, welche jener unter Wilhelmis Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausführte.

Nur bei einem Geschäfte gelang es ihm nicht, Beifall zu gewinnen. Die Kriegsschäden waren noch zu liquidieren, welche der herrschaft vom staat ersetzt werden sollten. Hermann hatte alle Papiere, die sich auf diesen Gegenstand bezogen, erhalten, und nach deren Einsicht eine billige Rechnung aufgestellt, solche Posten, die bestritten werden konnten, aus derselben weglassend. Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch, und fragte kopfschüttelnd, womit er es denn verdient habe, dass Hermann gegen ihn Partei