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er einen Entschluss gefasst, den auszuführen er für Pflicht hielt. "Wie?" sagte er, "du hast gehorcht, du bist im Besitz der Hälfte eines Familiengeheimnisses, und deine Wohltäter wüssten von diesem Umstande nichts? – Wahr zu sein hast du geschworen, beweise hier auf die Gefahr, in Ungnade zu fallen, dass du deinen Eid halten willst."

Als daher in dem gespräche eine Pause entstand, fing er seine beichte an, in welcher er freilich den Umstand betonte, dass ihn nur der Zwang der Umstände zum unerbetnen Vertrauten gemacht habe. Er beteuerte, dass, was er gehört, für ewig in seinem Busen begraben bleiben werde, und schloss mit der Bitte, ihm zu sagen, ob er auf der Stelle einen Ort verlassen solle, wo sein Anblick vielleicht missfällig sei?

Die Herzogin hatte sich, um ihre Bewegung zu verbergen, anfangs tief auf ihre Arbeit niedergebeugt; bald aber fand sie sich, und noch während Hermann sprach, fasste sie einen Plan. Sie glaubte, vielleicht zu sehr, an einen vernünftigen Zusammenhang der Zufälligkeiten in der Welt, und sah in der Dazwischenkunft des jungen vielversprechenden Fremdlings so etwas von einem Winke der Vorsehung. Ganz beruhigt erhob sie daher ihr Haupt, als jener geendet hatte, und sagte: "Dass es mir nicht angenehm sein kann, von Ihnen belauscht worden zu sein, begreifen Sie selbst. Indessen waren Sie unschuldig daran, und damit ist die Sache abgemacht." Er hoffte, sie werde ihm irgendeine tröstliche Andeutung geben, wie die seine Näherung ablehnenden Worte, welche sie damals zugleich gesprochen hatte, zu verstehen wären, aber vergebens. Schon erwartete er mit Herzklopfen seine Entlassung, als die Herzogin, scheinbar nur, um das Gespräch fortzuführen, einige fragen nach seiner Vaterstadt tat. Mit weiblicher Feinheit wusste sie den Faden von Strasse zu Strasse zu spinnen, bis nach dem haus seiner Eltern, und so war er auf einmal, er merkte selbst nicht, wie, in einer Erzählung von seiner Jugend und von seinen frühesten Verhältnissen begriffen.

"Es ist gewiss", sagte er, "dass dem Menschen nichts mehr schadet, als wenn über dem Gemälde seiner ersten Tage ein verworrnes unruhiges Licht zittert. Das Kind soll, wie die Pflanze, aus festem Boden, unter dem gleichen Scheine der nach ewigen Gesetzen wiederkehrenden Sonne emporwachsen. Ich dagegen bin in einer Lage zum Bewusstsein gekommen, die viel von dem Schwanken des Schiffbruchs, oder vom Stegreifsleben einer Nomadenhorde hatte. Ich war etwa neun Jahre alt, als es dem damals Allmächtigen beliebte, auch unsre gute ehrwürdige Reichsstadt unter die Fürsorge seines Zepters zu nehmen. Nun sollten wir Franzosen werden, blieben Deutsche, und niemand wusste, was bei der Sache herauskommen werde. Auf grossen Tafeln stand mit ellenlangen Buchstaben zu lesen, dass wir jetzt eine Munizipalität, ein Tribunal, und eine Präfektur statt des Rats der Oberalten, des Schöppenstuhls und der Pfennigmeisterei hätten. Die Patrioten zogen sich ins Dunkel zurück, schweigend, wie grollende Titanen, die geschichte der eignen Stadt, womit sonst ein Knabe aufgenährt wird, blieb uns fremd; wer mochte von der Vergangenheit reden, der man das ganze Unglück der Gegenwart aufbürdete? Wir liefen hinter den neuen Mäntelchen, Krägelchen und Schärpen her, bis wir hörten, in den hübschen Kostümen steckten lauter abgefeimte Schelme. Rings um uns zischte es von nichts, als von Bestechungen, Kabalen, Begünstigungen durch die niedrigsten Mittel. Welche Eindrücke für ein junges Alter, worin alles so scharf aufgefasst wird."

"sonderbar", sagte die Herzogin. "Ich lebte damals in Paris. Es war der ruhigste Ort auf der Welt. Niemand fühlte die Bewegung, die den ganzen Erdboden erschütterte. Man sah derselben, wie einem Schauspiele zu; die Bulletins glichen den Reden der Helden in der Tragödie, und die Trophäen, welche von Zeit zu Zeit anlangten, kamen den Menschen nur wie neue Szenerien vor, womit seine Hauptstädter zu ergötzen, der Gebieter die kluge gefälligkeit hatte. Aber Ihre Eltern?"

"Sie ruhn in Frieden! Teuer sei mir das Andenken dieser verehrten Häupter! Sie haben in mir das höchste Vertrauen erweckt; warum soll ich zaudern, von allem zu sprechen, was mich bei dieser Erinnrung bewegt? Ausser dem haus war das Verderben, im haus gab es kein Behagen. Nicht, dass irgendein Zwiespalt hervorgetreten wäre; nein, im Gegenteil, mein Vater bezeugte der Mutter nur achtung und Aufmerksamkeit, und sie war das Muster weiblicher Sanftmut und Unterwürfigkeit. Aber dem Blicke des Kindes blieb nicht verborgen, dass hier doch jene Eintracht der Herzen fehle, die in tausend kleinen unbeschreiblichen Zeichen sich kundgibt. Ernst und still gingen die Urheber meiner Tage nebeneinander her: Wie oft fand ich die Mutter in Tränen! Wie oft sah ich den Vater, wenn ich von der Strasse und meinen Kamaraden kam, trüb und gedankenvoll am Fenster stehen! Sein schwerer blick ruhte in den Wolken, als suche er da etwas, was ihm auf der Erde mangle. Er hatte viele Eigenheiten. So durfte in seiner Gegenwart nie von einer Hochzeit gesprochen werden. Er geriet, geschah dies einmal zufällig, in eine solche Schwermut, dass er dann mehrere Tage lang für jeden unsichtbar blieb. Eine andre Sonderbarkeit war, dass nichts in der Welt ein Versprechen ihm abzulocken vermochte. 'Wir wollen sehen', war alles, was er auf die dringendsten Bitten erwiderte. Dann aber tat er, was er nur