1838_Immermann_044_45.txt

sie am Kinn, hob ihr den Kopf in die Höhe und sagte in einem ruhigeren Tone: "Es ist wahr, dass ich manches verstehe, was kein Mensch sonst weiss. Wenn du aber von dem, was du hier beobachtet hast, eine Silbe verrätst, so dreht dir der Teufel im nämlichen Augenblicke den Hals um!"

Flämmchen legte den Finger auf den Mund, reckte ihn dann wie zum Schwure in die Luft, und sagte: "Wenn ich etwas sage oder merken lasse, so will ich des Todes sein auf der Stelle. Was denkst du auch von mir? Werde ich mich gegen euch auflehnen? Weiss ich nicht, dass, wenn ihr durch das Bild stecht, den Menschen der Schlag rührt, dass ihr eure Feinde totbeten, oder bei lebendigem leib verwesen machen könnt?" – Sie lehnte sich an ihn, und flüsterte mit dem zärtlich-schmeichelnden Ausdruck, der ihr eigen war, wenn sie etwas erlangen wollte: "Lehre mich auch deine Künste! Oder", fügte sie hinzu, "entdecke mir wenigstens, wer mir meine Zaubersachen weggenommen hat? Ach, der böse Mensch! Alles hat er mir gestohlen, und ich bin ganz arm!"

Ihre stimme hatte bei diesen Worten etwas so Tiefklagendes, dass Hermann, der schon in den letzten Tagen ihr verzweiflungsvolles Suchen nach den verschwundnen Kleinodien nicht ohne Bewegung hatte mit ansehn können, gerührt wurde.

Er wandte sich ab, und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus.

Wilhelmi dagegen lachte über die Einfalt des Kindes. "kommt Zeit, kommt Rat", scherzte er. "Wer weiss, was ich tue, wenn du folgsam und gelehrig bist. Aber jetzt leiste mir zuerst einen Dienst, spring hinab zum Haushofmeister und bestelle ein kaltes Abendbrot, mit dem nötigen Getränk aus meinem Keller, und sage dem Philipp, er solle zwei Couverts auflegen."

"Woher haben Sie diesen Knaben?" fragte er Hermann nach Flämmchens Entfernung. "Er ist eine Waise aus guter Familie", versetzte jener beklommen und suchte ein andres Gespräch auf die Bahn zu bringen. Aber Wilhelmi liess sich nicht ablenken, und sagte: "Eine seltsame Erscheinung, der Fritz! dieser Aberglaube! man sollte kaum glauben, dass dergleichen sich in unsrer Zeit noch so ausbilden könnte! Überhaupt scheint die natur es mit ihm auf eine Spielart angelegt zu haben. Seine Haut ist fein, wie aus dem Ei geschält, sein Haar das zarteste, was man nur finden kann, und er ist so eigen gebaut, dass, wenn man ihn zum Scherz in Mädchenkleider steckte, jeder ihn für eine Dirne halten würde."

"Wo denken Sie hin?" rief Hermann roten Antlitzes, gezwungen lachend.

Nachdem, wie vorgedacht, die gesetz des neuen Ordens betätigt worden waren, kam Flämmchen, sich mit einem Korbe schleppend, woraus weisses Gedeck, die leckersten Sachen und einige verpichte Flaschenhälse sahen. "Es geht auf Mitternacht; dein Philipp ist schlaftrunken, er würfe alles entzwei, ich habe es ihm abgenommen, lass mich euch bedienen", sagte sie. "Du bist zu ungeschickt", rief Hermann, der für sein Leben gern das Mädchen entfernt hätte. – "Lassen Sie den Fritz gewähren", sagte Wilhelmi, "mit meinem Philipp ist in diesem Zustande, den ich an ihm kenne, nichts anzufangen."

Die Ritter der Wahrheit setzten sich hierauf zu Tische. Hermann bemerkte, dass, wenn auch sein Wirt die Welt im ganzen schalt, diese Verachtung sich nicht auf das einzelne gute Ess- und Trinkbare ausdehnte, was noch hin und wieder in derselben angetroffen wird. Man sprach den feinen Sachen, die aufgetragen waren, wacker zu, der köstliche Burgunder, mit dem man begann, wurde nicht geschont, und man ging über die erste Champagnerflasche ohne Zagen hinaus. Wilhelmi hatte sich durch seine Mitteilung einer langgetragnen Bürde entledigt und war unbeschreiblich vergnügt. Er konnte nicht viel vertragen, und mit Erstaunen sah sein Gast, wie er nach den ersten Gläsern aus dem Extreme der trübsten Gedanken, womit diese Zusammenkunft begonnen hatte, in das entgegengesetzte der ausschweifendsten Lustigkeit überging. Er nötigte ohne Unterlass, erzählte Schnurren über Schnurren, schwatzte von den Abenteuern seiner Jugend, und nannte Hermann, welcher Grund hatte, sich zu schonen, und sich etwas gelinder verhielt, einen finstern Moralisten. Endlich begann er, Studentenlieder zu singen, in die, da sie alle Freiheit, Bruderschaft und Recht atmeten, Hermann, von dem neugewonnenen Orden entzündet, feurig einstimmte. Nichts exaltiert so, als Singen beim Glase; bald war unser Freund so laut, als sein Genosse.

Flämmchen war unterdessen auch nicht still geblieben. Man hatte ihr in ihrem Winkelchen des Guten, so viel sie begehrte, zukommen lassen, und bald zeigten sich die Wirkungen. Ihr Grauen verschwand, die leichtfertige natur kam zum Vorschein, sie hüpfte in drolligen Sprüngen durch das Zimmer, umarmte den singenden Wilhelmi und schwor unter lachen, er sei der lustigste Teufel, den sie je gesehen habe; schlug Rad, zertrümmerte dabei eine Scheibe an einem Antiquitätenschranke, schlich sich zu den Büsten des Plato und Pytagoras unter dem Spiegel, malte ihnen mit Kohle Schnurrbärte, kurz, sie trieb alle Torheiten, die in einem Zimmer, welches noch vor kurzem ein Tempel der Weisheit gewesen war, nur verübt werden können.

So dauerte dieses Bacchanal unter Singen, Schwatzen und Possenreissen fort, bis des Nachtwächters stimme Zwei