als ich Sie baden liess, dass Sie den schönsten normalsten Körper besitzen, den ich je erblickte. Ich muss gestehn, dass mir ein solcher Leichnam noch nie auf dem anatomischen Teater vorgekommen ist."
Hieraus merkte denn Hermann freilich, dass er dem arzt mehr ein patologisches Objekt sei, als ein Gegenstand der Zuneigung. Verstimmt und traurig fand ihn Wilhelmi, der in der Regel gegen Abend kam, mit ihm Schach zu spielen. Zu diesem zog ihn die Sympatie in dem Masse hin, als ihn der Arzt abstiess. Auch hier trat ihm eine verzweifelnde Ansicht des Lebens entgegen, aber die Verzweiflung entsprang aus dem fruchtlosen Suchen nach der irdischen Erscheinung der himmlischen Urania. Wilhelmi gehörte zu den vielen Deutschen, bei denen der Sinn die Tatkraft überwiegt. Es scheint fast, dass man mit einem gewissen Leichtsinn handeln müsse, um eigentliche Resultate zu erblicken. Er war mit seinem bedeutenden verstand, mit seinen Kenntnissen und Gesinnungen doch nur in kleinliche Verhältnisse geraten; unter Zaudern und Wählen waren ihm die besten Lebensjahre verstrichen. Nun war er der Diener eines abgelegen hausenden Dynasten, und konnte sich in dieser Stellung unmöglich gefallen. Aus dem Missverhältnis, in welchem er sich zu seinem Geschicke fühlte, erwuchs ihm das Gefühl für das allgemeine Missverhältnis in der Welt, ein Gefühl, welches durch körperliche Leiden noch geschärft wurde. Unzufrieden mit allem, was er in der Wirklichkeit sah, erbaute er sich eine Art von Traumwelt, und suchte sich in allerhand Willkürlichkeiten eine problematische Existenz zu gründen, da das Leben ihm die Mittel zu einer andern nicht bieten wollte.
Die Jugend hat einen natürlichen Hang, die Welt anzuklagen, um das Recht zu bekommen, sie zu verbessern, und wer diesen Ton voll und stark erklingen lässt, wird ihr immer angenehm sein. Hermann hatte von dem ernsten verdriesslichen mann eine hohe Meinung gefasst, und überbot sich mit ihm in Reden gegen die Menschheit und Zeit, wo es sich denn oft ergab, dass er über das Ganze grade das Gegenteil von dem sagte, was er kurz vorher dem arzt gegenüber im Einzelnen aufrecht zu erhalten versucht hatte. Der Schimmer des Geheimnisvollen, welcher Wilhelmi umwebte, vermehrte nur den Eindruck seiner Persönlichkeit. Hermann hatte bemerkt, dass wenn er jenen nach seiner wohnung im ältesten Teile des Schlosses begleitete, er nicht in das eigentliche Arbeitszimmer des Freundes gelassen, sondern in einem Vorgemache abgefertigt wurde. Die Spöttereien des Arztes über die Höhle des Sehers, welche kein Profaner betreten dürfe, reizten seine Neugier nur noch stärker, und er spürte mehrmals die Versuchung, wenigstens durch das Schlüsselloch in das Mysterium zu blicken, wenn Wilhelmi, ihn zurücklassend, durch die Pforte abschritt, um ein Buch, oder sonst etwas, worauf die Unterhaltung geführt hatte, zu holen.
Wilhelmi seinerseits erfreute sich endlich eines geduldigen Zuhörers, ja einer zweiten stimme in dem Konzerte, welches er so gern anstimmte, und in dem er bisher fast immer nur Solo hatte spielen müssen. Aus dem Zusammenreden entstand bald ein Zusammenempfinden, und da Hermann ihm mit wahrer Liebe entgegenkam, so konnte ein aufrichtiges Wohlwollen des älteren Mannes nicht ausbleiben. Dieser nahm sich im stillen vor, eine Lieblingsgrille, welche er noch niemand zu eröffnen gewagt hatte, mit seinem jungen Freunde auszuführen.
Als einige Partien gemacht worden waren, in denen sich Hermann heute ziemlich schwach verhalten hatte, stand Wilhelmi auf, ging mit feierlichem Anstande durch das Zimmer, trommelte sodann auf den Fensterscheiben, und sagte und tat hiernächst gewisse Dinge, die nicht verraten werden dürfen. Seine Mutmassung bestätigte sich. Hermann antwortete, wie er musste, und beide schüttelten einander als Brüder einer weit verbreiteten Genossenschaft herzlich die Hand. "Kommen Sie", sagte Wilhelmi, "ich habe Ihnen etwas zu vertraun." Erwartungsvoll folgte Hermann seinem Verbündeten durch die langen Gänge des Schlosses. Es war schon spät, und die Fusstritte hallten auf dem Estrich. Wilhelmi nahm in seinem Vorzimmer zwei Armleuchter vom Tische, zündete die Kerzen an, und hiess mit dem Ernste eines Magus Hermann in das Allerheiligste treten.
Wir meinen das Studierzimmer. Hier wurde freilich die Erwartung des Gastes enttäuscht. Er sah nichts, als eine Art Faustischer Zelle, wie sie zu jedem deutschen Gelehrten herkömmlich gehört. Bücher standen auf Brettern, die vom Fussboden bis zur Decke emporreichten, Glasschränke mit Antiquitäten und allerhand Seltenheiten nahmen den übrigen Raum ein, jede etwa noch leere Stelle an der Wand war mit einem Kupferstiche, einer Zeichnung, oder einem Risse zugedeckt. Man konnte sich kaum umdrehn. Vergebens aber spähte Hermann nach Geheimnissen. "Warum halten Sie dieses Zimmer so verborgen?" fragte er ungeduldig seinen Wirt, der mit ängstlicher Sorgfalt einige Federn, die von dem ein für allemal angewiesenen Orte gewichen waren, zurechtlegte.
"Hier ist der einzige Raum auf der Welt, wo ich frei Atem hole", versetzte Wilhelmi. "Zwischen diesen vier Wänden liegt mein Asyl; hier kann ich sein, wie ich will, und nur mein innigster Freund soll dieses kleine Königreich mit mir teilen. Kein kaltes, kein freches Gesicht störe den Frieden, der hier mich umsäuselt! Hier bleibe es Ordnung, wenn die Unordnung draussen auch noch so gross wird."
Wirklich schien dieses Gemach, so überfüllt es war, ein Heiligtum saubrer Genauigkeit zu sein. Kein Stäubchen wäre wegzublasen gewesen, denn Wilhelmi fegte selbst mehrmals des Tages alles ab, und dem Diener war nur erlaubt, den Grund zu kehren. Symmetrisch geordnet lagen und standen auf dem Schreibtische