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gehabt. Dem Eingeweihten war das animalische Leben die Hauptsache geworden. Von natur zweiflerisch gesinnt, hatte er durch ein wundes Verhältnis welches ihn heimlich peinigte, einen noch schärferen blick für den Zwiespalt der einzelnen Dinge bekommen. Alles Geistige und Gemütvolle fand an ihm einen entschiednen Verneiner, der die ätzendsten Einwürfe im ruhigsten Tone vortrug.

Jene trostlose Meinung, dass der Mensch sich nur durch eine Art von höherem Instinkt über das Tier erhebe, trat hier in reiner ausgeprägter Gestalt auf. Der Arzt war unerschöpflich in Beispielen, welche beweisen sollten, dass alles ideelle Streben der Menschheit und des Menschen immer nur zur Torheit oder zum Verbrechen geführt habe, dass der Kreis, in welchem sich die Geschlechter umherdrehn, ein überaus kleiner sei, und dass nur die unermüdliche Einbildung der Selbstgefälligkeit ihn zu einem grossen erweitre, oder seine Peripherie in die beliebte grade Linie nach dem sogenannten Ziele der Vollkommenheit verwandle.

Hermann hatte sich, wie wir wissen, selbst für einen frühreifen Propheten des Nihilismus gehalten. Wie aber das Licht der Kerze neben der Strahlenglut der Sonne erbleicht, so schmilzt die Spielerei eines angeeigneten Wahns am Feuer einer echten Gesinnung. Er bestritt den Arzt mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen, und führte die Sache der Begeistrung, so gut er konnte. An Eifer fehlte es ihm nicht, aber die Rüstkammer, welche für solchen Streit nur in der geschichte oder in dem eignen, auf grosse Weise geführten Leben anzutreffen ist, war ihm verschlossen. Sein Leben, wenn er es gründlich untersuchte, erschien ihm ziemlich dünn, und die geschichte hatte er, wie er zu seinem Schrecken bemerkte, über der Beschäftigung mit den Zeitungen bis auf einige allgemeine Umrisse fast vergessen. Der Fülle von Stoff, welche der Arzt phalanxartig ihm entgegensetzte, wusste er selten auslangend zu begegnen, und musste sich eines Tages, als jener jede eigentliche Freundschaft bestimmt leugnete, und mit grausamer Deutlichkeit alle Verbindungen unter Männern aus dem Interesse ableitete, mit dem Argumente der Frauen helfen; dass er trotz allem Gesagten doch fühle, es sei anders und besser.

"Orest und Pylades, Damon und Pytias gehören in das Reich der Fabeln", sagte der Arzt. "Wenn es wahr ist, was man von Jonatan erzählt, so sehe ich darin nichts Grosses. Er wusste recht wohl, dass er von seinem Vater Saul wenig zu befürchten habe, und dass es immer vorteilhafter sei, sich zur aufgehenden Sonne zu halten, als zur sinkenden. Und so geht es noch heutzutage. Wie empfindsam wurde der Göttingische Dichterbund ausgeputzt! Die Jünglinge umarmten einander unter der Bundeseiche unweit der Leine, hoben die Finger empor und leisteten den Schwur ewiger Treue, Klopstock erschien in ihren Versammlungen als Oberpriester und Erzdeutscher; wie schön, wie erhebend! Die Treue hielt auch vor, solange einer vom andern regelmässig seine Ode empfing; als aber dieser Tauschhandel wechselseitiger Begeistrung flau ward, schlief die Liebe allgemach ein, und an ihrer Stätte erwachte ein grimmiger Hass, der noch nach Jahren gedruckt hervorbrach, und von dem wenigstens ich den Grund nur darin finde, dass Voss Stolberg und Stolberg Voss zu besingen überdrüssig geworden war. Glauben Sie mir, die Sache steht, nüchtern betrachtet, so: Jugendfreundschaften dauern nie aus, und was in den späteren Jahren Freundschaft genannt wird, bezieht sich auf Sachen und Zwecke, nicht auf die person. Wenn man aufrichtig sein will, so wird man sich gestehen müssen, dass ein Mann immer vor dem andern im letzten Winkel seiner Seele einen geheimen Widerwillen behält. Auch in dieser Hinsicht sollten wir uns von unsern Mitgeschöpfen nicht so weit entfernt glauben. Der Sozietätstrieb lässt sich nicht leugnen; er ist aber auch in den Ameisen und Bienen, in der Wanderratte, und unter den Vögeln, in den Krähen und Staren sichtbar. Die Freundschaft soll, wenn sie echt ist, reingeistiger natur sein, nun frage ich: wie kann sie also uns, die wir in Haut und Knochen, Fleisch und Sehnen hangen, eignen?"

"Mit solchen Reden kann man freilich den Frühling entlauben, die Menschheit entmenschen, und den Himmel entgöttern!" rief Hermann. – "Sie selbst aber sind, wie alle Verkündiger des Nichts, Ihr eigner Widerleger. Sie fühlen sich zu andern hingezogen, ohne Eigennutz; Sie haben Zuneigungen, die um ihrer selbst willen vorhanden sind, ohne Rücksicht auf Vorteil, oder sonstige unedle Motive." – "Was wollen Sie damit sagen?" fragte der Arzt verlegen.

"Ich bin geheilt. Ihr Amt hat bei mir aufgehört", versetzte Hermann warm und eifrig. "Dennoch kommen Sie täglich zu mir. Ich weiss, dass ich Ihnen nichts bieten kann, was Ihren Verstand beschäftigte. Und doch kommen Sie, und wir sind stundenlang zusammen. Soll ich aus dieser Annäherung, wodurch Sie mich höchlich ehren und erfreun, die Folgrung gegen Sie machen, oder übernehmen Sie dies nun selbst?"

"Ich muss ja wohl", erwiderte der Arzt, indem er beruhigt Atem schöpfte, und seine Hand aus der Hand Hermanns, ohne dessen Druck zu erwidern, zurückzog. Er sprach von andern gleichgültigen Dingen, konnte aber ein Lächeln nicht verbergen, womit er hin und wieder unsern Freund von oben bis unten betrachtete. Beim Abschiede sagte er: "Sie glauben nicht, wie unsereinen, jetzt, wo man fast nur eingebildete Kranke unter Händen hat, ein wirkliches grosses Übel, wie das Ihrige war, anzieht. Und dann sah ich,