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dich nach meinem falschen Vater zu erkundigen, und ihm zu sagen, dass du mich heiraten wollest, dann hat er keine Gewalt mehr über mich, und der alte hässliche Ritter muss von mir ablassen."

Hermann sah sie mitleidig an. "Die Misshandlungen, die sie erdulden musste, haben ihr den Verstand genommen", dachte er bei sich. Er legte die Hand auf ihr Haupt und sprach: "Ich schwöre dir, du armes Kind, dich nicht zu verlassen."

Sie standen am Ausgange des Waldes. In einiger Entfernung ragte eine Turmspitze empor. "Das ist das Nest!" rief Flämmchen. Sie fasste ihren Beschützer schmeichelnd bei der Hand, strich hätschelnd mit dem kleinen Finger über den Ballen und die innere Fläche, und sagte: "Höre, wenn wir erst in deinem Fürstentume sind, und du mein Herr Gemahl bist, dann lassen wir auch die Alte kommen, damit wir immer wissen, was uns begegnet, nicht?"

"Hältst du mich für einen Fürsten?" fragte Hermann verwundert.

Das Mädchen wollte sich vor lachen ausschütten. "Nun tut er, als wisse er nichts davon!" rief sie. "Aber alle deine Verstellungen werden ein Ende nehmen. Gib mir deinen Hut! Die Sonne und die Kälte in meinem wald machen mir Kopfweh." Ohne eine Antwort zu erwarten, hatte sie ihm den Strohhut vom kopf gestreift, und sich aufgesetzt. Sie gaukelte in den Wald zurück. Hermann sah ihr eine Weile stutzig nach, dann ging er der Stadt zu. Alles dieses begab sich in der ehrbarsten Provinz unsres Vaterlandes, nämlich in Westfalen, auf einer bekannten Heide. Woraus zu entnehmen, dass auch der trockenste Boden mitunter seine Früchte trägt.

Drittes Kapitel

Vor der Tür des Gastofs im kleinen Städtchen stand der Gastwirt, wie es schien, erhitzt von der Anstrengung des Tages. Hermann trat zu ihm, und fragte: ob er bei ihm Unterkommen finden könne? Der verständige Mann, welcher einen sichern blick für den wahren Wert seiner Gäste hatte, betrachtete unsern hutlosen Wandrer und sein schmächtiges Reisetäschchen prüfend, und schien auf eine abschlägige Antwort zu sinnen. Endlich aber sagte er zum Hausknecht, der mit eingeknickten Beinen, die hände in den Hosentaschen, gähnend unter dem Torwege stand: "Führe den Mann nach Nummer zwölf."

Der Hausknecht schlenderte voran, ohne dem gast das Bündel abzunehmen. Sie gingen über den Hof, durch einen langen Garten, und betraten eine Remise, worin der Wirt seine Felle trocknete, denn er war zugleich ein Lohgerber. Eine schmale Treppe, die sich zuletzt in eine Leiter verlor, führte zum obern Teile dieses Fellmagazins. Als die Leiter erklommen war, machte der Hausknecht einen bretternen Verschlag auf, und sagte: "Dieses ist Seine stube." – "Das ist ein Taubenschlag!" rief Hermann. "Nein, der ist darüber", versetzte der Hausknecht kaltblütig, und kletterte die Stiegen hinunter.

Hermann sah sich in diesem Wohnorte um, und musste laut lachen. Hierauf machte er die Runde durch denselben, was nicht viel Zeit erforderte, da er, genau gemessen, sechs Fuss im Gevierte hielt. Die Wände waren unschuldig weiss, und nur mit jenen Spielen der Laune bemalt, welche die Bedienten- oder Soldatenkammern zu schmücken pflegen. Es fehlte nicht an Nasen verschiedner Grösse; Zöpfe und Grenadiere wechselten mit Störchen und Blumen ab. Ein beständiges Piepen, Sand und Federn, die von Zeit zu Zeit durch die ritzenvolle Decke fielen, diese Umstände überzeugten unsern Freund, dass der Hausknecht recht gehabt habe. Der Taubenschlag war wirklich über seinem Sorgenfrei vorhanden.

Der Wirt hatte unterdessen überlegt, dass heutzutage manche Personen von stand zu Fuss reisen (in seinen Augen eine sonderbare Liebhaberei!), und dass ein solcher Querkopf auch wohl einmal den Einfall gehabt haben könne, die Welt barhaupt zu durchstreifen. Um daher nicht etwa einen der achtung werten Ankömmling zum Nachteile des Gastofs zu beleidigen, entschloss er sich, durch Höflichkeit mit Worten gutzumachen, was er in der Tat verbrochen hatte; denn jenes so üble Quartier, welches dem Eingekehrten gegeben worden war, stand selbst bei den Wirtshausleuten in Verachtung und hiess gemeiniglich bei ihnen nur das Loch. Er nahm sich in der Stille vor, dem Fusswandrer ein bessres Stübchen abzulassen, sobald er nur erst die moralische Überzeugung von dessen Zahlungsfähigkeit geschöpft haben würde. übrigens war der Raum in dem Gastofe wirklich beschränkt. Ein Herzog, der zu den Mediatisierten gehörte, hatte mit Gemahlin und Gefolge fast alles in Beschlag genommen.

Der Wirt trat unter Entschuldigungen über das etwas enge Logis in das sogenannte Loch, welches er, da niemand das Seinige beschelten soll, in seinen Reden zu einer Pièce erhob. "Wahrhaftig!" rief er, "es tut mir leid, einen solchen Herrn nicht ganz nach Wunsch aufnehmen zu können. Das Hotel steckt aber heute so voll von Fürsten, Grafen und Freiherrn, dass, mit Respekt zu sagen, kein Apfel zur Erde kommt."

"Lassen Sie das gut sein", versetzte Hermann. "Ein Reisender von Profession ist an dergleichen gewöhnt. In Dijon hat man mich einmal in einem Stalle untergebracht."

"In einem Stalle!" rief der Wirt, mit einer Miene, die das Entsetzen ausdrücken sollte. "Nein, da ginge ich selbst lieber in den Stall, und gäbe einem solchen Herrn meine Schlafkammer."

Hermann fand an diesen unnützen Reden kein Behagen