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Haar, welches leicht zu einer Entdeckung führen konnte, habe abscheren lassen. Als Schwedenkopf geht er schon eher mit durch."

"Um Gotteswillen, urteilen Sie nicht übel von mir!" rief Hermann. "Ich brauche mich des Verhältnisses zu jener Unglücklichen nicht zu schämen."

"Ich bin kein Richter, und am wenigsten ein Sittenrichter", erwiderte der Arzt etwas spöttisch. "Die Moralität unsrer Kranken geht uns nichts an. Aber mein tugendhafter Freund, hier in diesem ehrbaren Altvaterschlosse darf der Skandal nicht fortgesetzt werden. Denn ein Skandal bleibt es doch immer, wenn ein verkleidetes Mädchen, welches die Kinderschuhe vertrat, sich bei einem jungen mann aufhält. Nur unter der Bedingung schweige ich, dass Sie diesen Zwitter so bald als möglich fortschaffen."

Hermann erklärte dem arzt, dass es sein eigner sehnlichster Wunsch sei, Flämmchen irgendwo sicher unterzubringen. Er wollte ihn über das Mädchen ausholen, bekam aber anfangs nur ziemlich ironische Antworten zu hören, welche deutlich anzeigten, wofür er gehalten werde. Zuletzt gab der Arzt dem Andringen Hermanns verwundert nach, und rief:

"Entweder sind Sie ein vollendeter Heuchler, oder hier ist etwas, was mir mein Konzept über die Menschen verrückt! Wie? Sie sollten von ihr so wenig wissen, und doch wäre sie bei Ihnen? Sie hätten sie nicht ihrem Vater entführt! der alte Johanniter hätte Sie nicht für dieses Unterfangen verwundet?"

"Wer kann das behaupten?"

"Die beiden Alten haben es überall ausgesagt. Ich hatte Mühe genug, die Sache zu stillen."

"In welcher schrecklichen Verlegenheit befinde ich mich!" seufzte Hermann. – Die Mitteilungen des Arztes flössten ihm ein Grauen gegen das Wesen ein, welches sich so gewaltsam so seinen Spuren nachdrängte.

"Sie ist", berichtete jener, "durchaus und bis in die letzte Faser ihrer natur Aberglauben, und nie habe ich diese geistige Krankheitsform so rein auftreten sehen. Ich habe jetzt über alles, was uns das Mittelalter von Hexen, Besessenen, Doppelgängern und ähnlichen Fratzen erzählt, durch sie eine andre Meinung bekommen; diese Dinge waren keineswegs Pfaffentrug; ich sehe an einem lebendigen Beispiele, dass eine verstörte Einbildungskraft alles das hervorrufen kann. Sie tut keinen Schritt, ohne irgendein willkürliches Orakel zu fragen, sie hat Visionen, sie führt im Mondschein sonderbare gespräche mit ihrem Schatten, dabei ist sie durchaus nicht heimlich und verschlossen, nein, man kann ihre ganze Verkehrteit in jedem Augenblicke von ihr erfahren, weil die abenteuerlichsten Dinge ihrem geist so gemein erscheinen, wie uns der Wechsel der Tageszeiten. Ihr Verderben wäre sie gewesen, kam ich im rechten Augenblicke nicht noch dazu. Gerade, als Sie in der heftigsten Fieberhitze lagen, fand ich sie im Begriff, Ihnen einen Trank einzugeben, der, wie mich die Untersuchung des Gemisches lehrte, Sie in wenigen Stunden getötet haben würde. Woher sie die Spezies bebkommen? Von wem das Zeug bereitet worden? habe ich nicht ausmitteln können. Zufälligerweise geriet mir kurz nachher eins jener alten verworrnen Büchelchen aus dem siebenzehnten Jahrhundert in die hände, worin allerhand Phantastereien als Naturkunde prunken, und darin fand ich das Arkanum Ihrer unberufnen Helferin als allgemeinen Lebensbalsam Gran für Gran verordnet."

"Aber wie ist nur eine solche Verbildung möglich geworden?"

"fragen Sie mich in Ernst, so kann ich darauf nur Mutmassungen mitteilen. Sie wuchs auf unter Leuten, deren eigentliches Geschäft es ist, alle ihre Stunden in Schein und Schaum zu verzetteln. Denken Sie sich lebhaft das Innere einer Komödiantenwirtschaft, und Sie haben das Bild der Gemeinheit und faselnden Dämelei, von welcher das Kind immer umgeben war. Die Einbildungskraft überragt in ihr alle andern Vermögen, dabei fehlt ihr das Talent der Nachahmung, woraus die Schauspielkunst entspringt. Es mangelte ihr also in jenem Kreise die Möglichkeit, mit dem Äusseren, Wirklichen anzuknüpfen. Sie ist sehr unwissend, Lesen und Schreiben hat man sie zur Not gelehrt, übrigens weiss sie von dem Zusammenhange der Dinge nichts, und alles Überirdische ist ihr völlig fremd.

Gleichwohl will ein lebhafter Sinn, eine entzündliche Phantasie Beschäftigung. Früh mögen ihr manche Sachen in die hände gefallen sein, die im verflossenen Jahrzehnt Mode waren; jene talentvoll-bizarren Ausgeburten eines vielgelesenen Autors, worin das Märchenhafte, ja das ganz Unmögliche und Widersinnige dicht an die tägliche Umgebung geschoben wird. Fabeln, die aus fabelhaftem Rahmen blicken, wären wohl kaum imstande gewesen, die junge Törin so zu verwirren, aber diesen alten Weibern, welche so vertraut an der und der Strassenecke sitzen, und dann plötzlich Gott weiss was? werden, diesen Koboldchen und Diavolinis in Schlafrock und Pantoffeln, vermochte das Gehirnchen keinen Widerstand zu leisten. Sie hat sich eine Art von Fetischismus gebildet, und es ist mir oft merkwürdig gewesen, an ihr dasselbe wahrzunehmen, was man uns von den Völkern erzählt, die sich noch auf der Stufe der Kindheit befinden. Im ganzen bemerkte ich nämlich auch an ihr, dass alle Religion aus dem Schrecken entspringt, und dass der Mensch das Gute und Angenehme als sich von selbst verstehend, hinnimmt. Der grosse Stein im Schlosshofe, an dem sie sich im Sprunge den Fuss verletzte, ein alter fauler Weidenbaum, der ihr, als sie sich eines Abends verspätet hatte, zum Entsetzen ins Auge glühte, die verwitterten, in den dunklen gang nach dem Archive beiseite geschafften Gartenstatuen, sind die Gegenstände ihrer heimlichen, fürchtenden Verehrung; während sie bei keiner Blume an etwas andres denkt, als dass sie