Auftreten dröhnte ihm im Ohr, das helle Tageslicht hätte er nicht zu ertragen vermocht. Bei der Dämmrung verhangner Fenster bekam er Zeit, seine Lebensgeister wieder zu sammeln.
Er fand sich in einem hohen ernsten Zimmer. Alte Stukkatur verzierte die Decke, von den Wänden hingen schwere, rote Tapeten herab, massive, vorzeitliche Meubles standen umher. Grosse eichne Flügeltüren wiesen nach andern Gemächern. Kaum hallte ein Fusstritt durch den gang. Man hatte den Verwundeten absichtlich im stillsten Teile des Schlosses untergebracht.
Die Einsamkeit und die altertümliche Umgebung machten einen angenehmen Eindruck auf ihn, welcher durch die Töne der Orgel, zu bestimmten Morgenund Abendstunden aus der nahen Kapelle herüberklingend, noch verstärkt wurde. Wilhelmi und der Arzt erschienen pünktlich mehrmals des Tages, der alte Erich versah die Aufwartung. Nach und nach traten die Bilder der Tage, welche diesem einförmigen Zustande vorhergingen, aus dem Dunkel, aber wie Schatten, ohne rechten Zusammenhang. Er suchte nach einem festen Punkte, er hätte sich um sein Leben gern auf eine Gestalt besonnen, die ihm nicht erinnerlich werden wollte.
Einst brachte ihm Wilhelmi eine Schale voll der schönsten Pfirsichen. "Diese Früchte schickt Ihnen die Herzogin", sagte er.
Die Herzogin! Der Name durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl. Sie war es, die Gestalt, nach welcher er vergebens bisher gesucht hatte. Nun sah er sie, nun stand sie vor ihm, in dem feinen, braunen, englischen Kleide; er hörte sie in der Kapelle ihn zurückweisen, er half ihr vom Zelter, er empfing von ihr das Geld, Flämmchen zu retten. Alles, jeder Moment war ihm mit einem Schlage gegenwärtig.
Wilhelmi lächelte über die Ausrufungen, welche bei dieser gelegenheit laut wurden. "Unsre Fürstin verdient Ihren Entusiasmus", sagte er. "Sein Sie nur recht dankbar, wenn Sie Ihr Zimmer wieder verlassen haben werden, sie hat grosse Teilnahme an Ihnen bezeugt. Man hat Sie uns grade zur rechten Zeit ins Schloss getragen. Wir andern sind mit unsern Geschäftsgesichtern jetzt wenig geeignet, sie zu unterhalten, wie sie es verdient.
Er liess Hermann allein, der sich in diesen süssschmerzlichen Fall nicht zu finden wusste. "Aufgedrungen bin ich hier. Welches Geschwätz, dass sie teil an mir nehme? Ja, den Almosenanteil eines gewöhnlichen Mitleids!" rief er aus. Nicht lange konnte er dieser Wehmut nachhängen. Die tür flog auf, und Flämmchen herein. Tränen im Auge fiel sie ihm zu Füssen, drückte und küsste seine Hand, und war wie ausser sich vor Freude, dass man sie wieder zu ihm gelassen habe. – "Ich hatte das beste Mittel, dich in drei Tagen gesund zu machen, das wollte ich dir eingeben, da rief mich der böse Doktor von dir, und sie haben mich abgesperrt gehalten. O, hier ist es sehr hässlich, alles so gleich und langweilig, wie im grab, lass uns bald fort!"
Sie drückte seine Hand so, dass er sie unter empfindlichem Schmerze zurückzog. Langsam kehrte ihm die Erinnrung an diese Figur wieder. "Ich habe meine Wunde um dich bekommen, welche Not wirst du mir noch sonst verursachen?" sagte er. "Wie konntest du so unbesonnen sein, mir als Knabe zu folgen?"
"Es war doch gut, dass der Knabe bei der Hand war", versetzte sie trotzig. "Du hättest sonst unter den Fichten verbluten müssen. Wie sprichst du denn? Ich dachte, die Schmerzen hätten dich vernünftiger gemacht. Wo soll ich anders sein, als bei dir?"
"Es ahnet doch wohl niemand hier dein Geschlecht?" Sie sah ihn starr an. "Geschlecht? Was ist das?"
Hermann befahl ihr streng, sich ordentlich zu betragen, und nicht aus dem Vorzimmer zu weichen. Er drohte ihr mit augenblicklicher Verstossung, wenn sie mit irgend jemand, ausser mit ihm spräche. Traurig, den Kopf hängend, schlich sie fort. Der Arzt, der ihn schon für geheilt erklärt hatte, fand ihn gegen Abend verändert. Gemütsbewegung und sorge hatten ihn aufgeregt, es meldete sich wieder ein kleines Fieber. Auf seine fragen wollte Hermann mit der Sprache nicht heraus.
Die Tür zum Vorzimmer war offen geblieben, Flämmchen sass am Tische und studierte in einem Punktierbuche. Ein verlegner blick Hermanns auf sie verriet, woher das Fieber rühre. Der Arzt zog die tür zu. "Beruhigen Sie sich", sprach er, "Ihr Geheimnis mit dem Mädchen ist unentdeckt, und soll unentdeckt bleiben, wenn Sie vernünftig sind."
"Geheimnis? Mädchen? Ich verstehe Sie nicht", stotterte Hermann.
"Gemach, mein Freund, nur keine Maske. Vor seinem arzt muss man offen sein, auch sind wir in solchem Punkte nicht so leicht zu täuschen. Sein Sie unbesorgt, ich weiss es, sonst niemand. Unser Wilhelmi sieht vor der Verderbnis des Zeitalters im allgemeinen, das besondre Fleckchen zu seinen Füssen nicht, dem Herzog sind alle romantischen Dinge Allotria, um welche sich ein Mann, der Geschäfte hat, nicht bekümmert, und unsre schöne fürstliche Tugend glaubt an nichts Schlimmes, weil sie selbst nie einen bösen Gedanken gehabt hat. Die Kammerjungfer, welche etwas erlauscht haben musste, hat Sie anschwärzen wollen; sie ist heute als Verleumderin des Dienstes entlassen worden. Dass ich es treu mit Ihnen meine, können Sie daraus abnehmen, dass ich Ihrem Fritz, oder wie dieser Jüngling sonst heissen mag, sein langes