ist böser als Worte sagen können. Dieser Mann hat gewiss noch niemand ermordet, aber er wäre imstande, das Menschengeschlecht zu vergiften, um den Raum für seine eingebildete Schöpfung zu gewinnen. Ich schelte Sie nicht, dass Sie in seine Schlingen gefallen sind – musste ich doch selbst meinen Kopf zusammennehmen, um nicht von ihm bezaubert zu werden. Aber als ich an hundert kleinen untrüglichen Zeichen sah, dass er nur ein Schauspieler, wiewohl ein überaus grosser war, dass er mit Wissen, geschichte, Religion, mit dem Ideellen seiner ganzen Erscheinung immer auf Effekt abzielte, da ergriff mich auch ein Widerwille gegen ihn, wie ich ihn noch nie gegen einen Menschen gefühlt hatte.
Mit Entsetzen bemerkte ich, dass Ihre Seele einem solchen Eindrucke nicht zu widerstehn vermochte. Ich sah Ihr wachsendes Zutrauen, ich sah, – verzeihen Sie mir, dass ich es ausspreche – wie er mit Ihnen spielte. Leider sind wir ja immer am schwächsten, wenn wir nicht schwach sein wollen. Der Herzog teilte meine Besorgnisse, die Sie freilich von uns nicht hören mochten. Wir waren nun einmal in Ihren Augen prosaische Naturen. Ich sah Sie dem Abgrunde zuhüpfen, und Sie stiessen mich zurück, als ich Sie aufhalten wollte.
Was ich lange geahnet, erfolgte endlich: ein auffallender Bruch aller Verhältnisse. Medon nahm Abschied und reiste; Sie entfernten sich gleichzeitig ohne Abschied, und ein zurückgelassnes kurzes höfliches Billet sagte uns, dass Sie es Ihrer Neigung angemessen fänden, einen andern Aufentaltsort zu wählen. Seit dieser Zeit waren Sie für uns verschwunden. In der alten Burg, wo wir uns auf unsrer Rückreise aus Osterreich nach Ihnen erkundigten, haben Sie mit ihm unter fremden Namen einige Monate lang gelebt.
Betrachtungen über diese geschichte anzustellen, halte ich für überflüssig. Redet sie selbst nicht zu Ihnen, so würde mein Wort auch kraftlos sein. Nur noch eins: Nicht die Liebe hat Sie hingerissen. Die Liebe macht still und weich; so sah ich Sie nie, Sie waren aufgeregt, nicht bewegt. Ihre Unzufriedenheit mit dem, was Ihnen das Schicksal zugemessen hatte, Ihre sehnsucht nach der Ungebundenheit, die nun einmal dem weib nicht beschieden ist, fand an Medons grösserer Unzufriedenheit mit den Menschen und mit der Gegenwart, an seinem Fanatismus für einen erträumten besseren Zustand der Dinge, gleichsam die Beglaubigung, den Anhalt. Aus dieser Sympatie des Missvergnügens ist Ihr Verderben gewoben worden. Die Hand auf das Herz, Johanna, habe ich unrecht?
Man nennt Sie vermählt. Das glaube ich nicht. Ein Medon verheiratet sich nicht. Sie haben Ihr Los jemandem vertraut, der bei seinen Handlungen sehr wenig an Sie denken wird.
Kehren Sie zurück, Johanna! Sie wandeln einen schmalen gefährlichen Weg; lenken Sie ein in die gebahnte Strasse! Kein blick des Vorwurfs wird Ihnen hier begegnen. Der Herzog ist Ihnen brüderlich gesinnt; die Bitte des sterbenden Vaters bleibt ihm ein Befehl für das Leben. Gern wird er Ihnen das Landhaus, welches Sie liebten, so lange Sie wollen, einräumen. Da können Sie in der Stille, fern von unangenehmen Erinnrungen, sich zurechtfinden, können mit uns wieder anknüpfen, wann und wie Sie mögen. Ihr Ruf ist bewahrt; die Freunde wissen nicht anders, als dass Sie eine Reise gemacht haben. Mich sehen Sie erst, wenn Sie selbst es wünschen. Kehren Sie zurück, Johanna!" Diesen Brief, so freundlich er klang und so innig er gemeint war, hatte die Herzogin dennoch mit grossem Widerstreben geschrieben. Beinahe hätte ein Zufall das mühevolle Werk vernichtet. Sie besass einen zahmen Papagei, der frei im Zimmer umherspazierte, und von der Gebieterin verzogen, nach der Weise dieser affenähnlichen Vögel, tausend Possenstreiche ausgehn liess. Er pflegte in der Regel ernstaft auf der Lehne ihres Stuhls zu sitzen, wenn sie arbeitete oder schrieb. Als sie eben mit dem Briefe fertig geworden war, schoss er von seinem platz auf die Klappe des Sekretärs, hatte den Brief im Schnabel, und war damit im Umsehn weg. Schon sass er in einer Ecke, bereit, das Papier mit Schnabel und Krallen zu zerarbeiten. Sie jagte ihm den Raub zwar wieder ab; ob sie aber sehr gezürnt haben würde, wenn der Vogel die Vernichtung vollendet hätte, steht dahin.
Siebentes Kapitel
Während seine Wohltäter auf so verschiedne Weise beschäftigt waren, lag Hermann noch immer in der Bewusstlosigkeit des Fiebers. Beinahe etwas zu hart war er für seinen irrtümlich verwendeten Eifer bestraft worden. Denn der Degen des alten Raufbolds hätte nur noch einen Zoll tiefer zu schneiden gebraucht, so wäre die Leber verletzt gewesen. Eine geraume Zeit lang hatte er ohne Hoffnung gelegen. Nach und nach kehrte die Besinnung zurück, anfangs wie ein dämmernder Traum, dann wie ein blasser, zarter Tag.
Als er die Augen aufschlug, sah er einen ernstaften Mann an seinem Lager sitzen, der ihm die Medizin reichte. Er kannte den Mann nicht. Ein andrer Unbekannter, schwarzlockig, kam und fühlte den Puls. "Wo bin ich?" fragte er mit matter stimme. "Bei Freunden", versetzte der Arzt; "halten Sie sich ruhig."
Die nächsten Tage vergingen unter der treuen Obhut jener Männer. Er hatte das Gedächtnis eingebüsst. Als man ihm den Herzog nannte, die kleine Stadt, in deren Nähe man ihn verwundet gefunden, wusste er von nichts. Seine Sinne litten an krankhafter Reizbarkeit, wenn er etwas Rauhes anfasste, schmerzten ihm die Fingerspitzen, ein hartes