und sah mich in einer Verlegenheit, die ich mit allem Aufwande meines bisschen Verstandes nicht zu besiegen vermochte, und von welcher ich mir doch gestehn musste, dass ein kluger Mann sie spielend gelöst haben würde. An jenem Tage gelobte ich mir, nie mich als Opfer meiner Täuschungen bekränzen zu lassen, nichts sein und vorstellen zu wollen, als eine untergeordnete, hülfsbedürftige Frau. Welches Glück, welchen Frieden hat mir diese Erfahrung bereitet!
Ich erzähle Ihnen dieses nur, um Sie womöglich zu überzeugen, dass die Einkehr in uns selbst uns nicht dem Leben entfremdet, uns vielmehr mit freierem Blicke dem Leben zurückgibt. Was haben wir denn eigentlich, wenn wir nichts haben, als unsre Irrtümer und den kühnen Willen, sie, koste es, was es wolle, festzuhalten? Ein Tröpfchen Wahrheit ist ja mehr wert, als der ganze Strom selbstgeschaffner Einbildungen, auf dem wir, vertrauen wir demselben unser Schiff an, wer weiss? zu welchen öden Küsten geführt werden. Könnte ich Sie überreden, einmal das, was Sie Unmöglichkeit nennen, zu besiegen! In jedem Menschen ist ein grauer Fleck, den wir doch ja nicht mit Blumen überdecken sollten! Jenseit dieser dunklen Stelle liegt erst unser bessres Selbst. Alles, was Sie, wie Sie sich auszudrücken pflegen, hemmt, empfängt Ihren Hass, aber wenn ich Ihnen die Frage vorlegte: ob Sie wohl je erforscht haben, was in Ihnen gehemmt werde? würden Sie mir Antwort geben können, Johanna?
Die Gegenwart umfängt uns mit den Nebeln augenblicklicher Täuschungen. Dagegen ist die Vergangenheit ein fester Spiegel, in dem wir unser Antlitz erblicken können. Diesen Spiegel will ich Ihnen vorhalten, so gut ich es vermag. Vielleicht zeigt er Ihnen, dass an Ihrem Anzuge etwas zu ändern sei.
Als der Herzog mich nach dem tod seines Vaters heimführte, fand ich Sie im schloss. Sie waren der Mittelpunkt des häuslichen Lebens gewesen. Die Dienerschaft hatte Ihnen zu gehorchen, jeder Fremde sah in Ihnen die Dame des Hauses. Was für alle Umgebungen seit lange offenbar sein musste, das Geheimnis Ihrer Geburt, hatte erst kurz vor dem tod des Vaters aufgehört, für Sie verborgen zu sein. Die Schwachheit entriss dem Greise das Wort, welches seine Liebe zu Ihnen, und den Platz, den er Ihnen eingeräumt, erklärte. Er wollte in Ihnen vor dem letzten Abschiede nicht bloss die Tochter seiner Wahl, er wollte in Ihnen auch das Kind seines Bluts umarmen.
Ich kam nun an, die junge Frau; in strenger Regel erzogen. Meine Lage war nicht angenehm. Hätte der Vater doch lieber sein Geständnis mit in die Gruft genommen! Mich dünkt, es ist nie gut, zu erfahren, dass unser Dasein mit den Einrichtungen der Welt in Widerspruch steht. Sie fühlten sich; was war verzeihlicher, als dass Sie sich in Ihrem natürlichen Rechte zu behaupten suchten? Sie sind grossmütigen Sinns; vielleicht wirkt es auf Sie, wenn ich Ihnen bekenne, dass ich in den ersten zeiten meines Ehestandes viel gelitten habe. Ich machte keine Ansprüche, aber ich war denn doch die Gattin des Herrn. Und nichts um mich her war so, wie ich es mochte. Jener Kreis, den Sie herbeigezogen hatten, er war der nicht, in dem mir das Herz aufging, er konnte nie der meinige sein. Grosse Gaben hat mir der Himmel nicht beschert, aber ich vermag das Wahre vom Falschen zu unterscheiden, und in Ihrer Gesellschaft, bei dem Anblick der allgemeinen Kälte wehte mich oft ein Schauder des Todes an. Ich beschloss, diese Menschen zu dulden, aber ihnen entgegenzukommen, mit dem Wunsche, sie zu fesseln – dazu war ich ausserstande. Sie verstanden mein Benehmen unrecht; ich fühlte, dass ich bei Ihnen für eine stumpfe, neidische Seele zu gelten begann.
Am besten kommen wir mit denen, die uns nahegestellt sind, aus, wenn wir uns geradezu entschliessen, sie zu lieben. Ich nahte Ihnen mit dem aufrichtigen Verlangen nach Ihrer Freundschaft. Ob Sie hierunter irgendeine künstliche Absicht suchten, weiss ich nicht. Genug, ich wurde wieder missverstanden. Sie wichen mir mit der ganzen Gewandteit Ihres Geistes aus. Nun konnte ich freilich nichts weiter tun, als mich auf meinen Gatten und micht selbst beschränken. Es kam jene Zeit des gegenseitigen Beobachtens und Deutens, die uns beiden wohl immer eine trübe Erinnrung sein wird.
Inzwischen setzte der Herzog, welcher, mit wichtigeren Dingen beschäftigt, auf den geheimen Zwiespalt seiner Frauen nicht achten konnte, die Reformen fort, welche er nach des Vaters tod begonnen hatte. Unter den Klagen entlassner Müssiggänger, die auf meiner Schwelle lagen, umgeben von verdriesslichen Gesichtern derer, die auf schmalere Bissen gesetzt worden waren, sollte ich ihm mit Meinung und Rat beistehn, ich, die ich mir selbst nicht zu raten wusste, ich, unter deren Füssen der Boden schwankte!"
(Einige Tage später)
"Am tröpfelnden Tage wünschen wir uns klaren Himmel, und wenn dann der schwüle Druck des glühenden Sonnenbrandes auf uns lastet, so hätten wir gern die kleine Unbequemlichkeit wieder. – Jene, mindestens unschuldige Gesellschaft hatte sich weggewöhnt, dafür kam der Verderber ins Haus, und bemächtigte sich Ihrer. Wie oft wünschte ich, von seiner unheimlichen Nähe bedrückt, mir den Schwarm zurück!
Ich rede von Medon. Ich fürchte ihn nicht, und nichts in der Welt soll mich abhalten, über ihn zu sprechen, wie ich denke. Er ist böse, grundböse; er