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wen der Strauss?" fragte ich. "Für Ida", versetzte er.

"Gottlob! So seid ihr versöhnt?"

"Ach nein! Ich habe sie nicht wiedergesehn. Aber es ist heute ihr Geburtstag. Ich will den Strauss unter ihrem Porträt in wasser setzen."

Er sprach diese Worte ruhig, ja kalt. Aber seine Augen waren erloschen, und die Wangen bleich. Ich muss gestehn, dass mich die stummen, geduldigen Patienten immer am meisten zur Teilnahme bewegt haben. Ich sah meinen armen Verstossnen an, ich überlegte hin und her, ob hier nicht mit einem raschen Streiche zu helfen sei? Die natur der Leidenschaften, insbesondre der Liebe, kannte ich aus der Seelenlehre, das fräulein war mit der Mutter in der Stadt, das wusste ich. Ich war jung, verwegen! Ohne an die möglichen Folgen eines tollen Einfalls zu denken, lud ich den Lieutenant ein, sich von mir in die Rettungsanstalten zeigen zu lassen. Das Sträussermädchen wies ich an, vor der tür zu warten.

Der Wächter war ausgegangen; alles begünstigte meinen Plan. Ich öffnete mit dem Hauptschlüssel, wir waren allein im leeren, schallenden haus. Ich erklärte meinem Begleiter jedes Ding: die Einrichtung und Verbindung der Gemächer, die leicht zu bewegenden Glockenzüge, die Wärmmaschinen, die Frottierzeuge, die Bürsten, den Elixier- und Essenzenapparat des Wächters für die ersten Augenblicke des Erwachens aus dem furchtbaren Schlummer. Er fragte, ernst und wissenschaftlich gesinnt, verständig nach allem, und keine empfindsame Betrachtung kam in diesem haus des Todes über seine Lippen. Endlich sagte er scherzend: "Diese reinlichen schimmernden Wände, die bronzenen Lampen, die blinkenden Stahlgriffe, die schönen Teppiche und Matratzen zeigen, wie jetzt alles auch bei den schrecklichsten Dingen zum Bequemen und Geschmückten strebt. Es fehlen nur noch die Tische mit den Journalen, um den Geretteten Unterhaltung zu bereiten, bis die Ihrigen sie wieder abholen."

Ich bat mir seinen Verlobungsring aus. Er stutzte, wusste nicht, was ich wollte. Ich erklärte ihm trocken, dass ich gesonnen sei, noch heute zwischen ihm und seiner Braut dauerhaften Frieden zu stiften, aber dazu des Ringes bedürfe, nahm ihn bei der Hand, und streifte mit freundschaftlicher Gewalt ihm den Ring vom Finger. Er, in plötzlich auflodernder Hoffnung und Freude, rief: ob ich verwirrt sei? Ich, ohne zu antworten, schrieb mit Bleifeder auf ein ausgerissnes Blättchen meines Portefeuilles ein paar Zeilen an die Schwiegermutter, legte den Ring bei, verschloss das Billet mit Oblate, eilte zum Mädchen hinaus, sagte ihr, den Herrn habe ein Nervenschlag betroffen, sie sollte das Briefchen auf der Stelle da und da hintragen.

Mein bestürzter Freund war bis auf den Flur gefolgt, und hatte die Bestellung gehört. Ich nötigte ihn in eine der angenehmsten Sterbekammern zurück. "Um Gotteswillen!" rief er, "was treiben Sie? was machen Sie aus mir?" – "Einen Scheintoten", versetzte ich. Er sah mich an, wie einen, von dem man glaubt, er habe den Verstand verloren. "Idas Krankheit", sagte ich, "führte den Bruch herbei. Ihr Tod soll das Bündnis herstellen; das nennt man einen Klimax, welcher zu den wirksamsten Redefiguren gehört. Sie haben die Wahl, entweder mich zuschanden zu machen und sich jede Aussicht zu verbaun, oder folgsam zu sein, und Ihr Glück im letzten Akt einer Posse zu empfangen." Er stand anfangs starr, dann verwünschte er meine Torheit, und überschüttete mich mit Vorwürfen. Ich behielt indessen Geistesgegenwart, kramte Schnepper und Bindzeug aus, setzte eine Menge Flaschen auf den Tisch, liess den Essigäter duften, verbrannte Federn, kurz, ich richtete das Zimmer so zu, dass es ganz medizinisch aussah und roch. Er, über meine Kaltblütigkeit in Verzweiflung, warf sich auf eine Matratze. Ich erklärte ihm, da könne er liegenbleiben, denn dahin gehöre er in seinem jetzigen Zustande. Ich löste seine Halsbinde, knöpfte die Uniform und Weste auf, und machte mir immerfort zu schaffen, um meine Unruhe zu verbergen, die sich mit dem Nachdenken doch allmählich bei mir einzustellen begann.

Nach einiger Zeit sprang er auf, und rief: "Ich muss fort, ich bin an diesen Dingen unschuldig! Sehen Sie zu, wie Sie aus der Verlegenheit kommen, die Sie angerichtet haben."

Ein Wagen fuhr sturmschnell vor. "Sie kommen", rief ich, "ich wusste das ja!" und ging ihnen entgegen. Sie waren es, Ida und ihre Mutter, meine Berechnung war richtig gewesen. Aus dem Schlage stürzte das fräulein entgeistert, blass, die Augen voll Tränen, und rief: "Wo ist seine Leiche?" – "Er lebt, beruhigen Sie sich, er ist erwacht, meine Furcht war zu voreilig!" rief ich ihr hastig zu. "Wo? Wo?" stammelte sie, flog in das Haus, und wie durch Instinkt geleitet, in das rechte Zimmer.

Ich half der Mutter aus dem Wagen. Sie wusste sich in diesen Wechsel von Trauer und Freude nicht zu finden. "Teuerster, warum erschreckten Sie uns? Man muss bei dergleichen doch erst das Ende abwarten", sagte sie. Ich bat um Verzeihung, ich hätte ganz den Kopf verloren gehabt, sie möchte einem jungen unerfahrnen mann um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen.

Wir traten in die Sterbekammer. Da war die