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die Augen. Dieser wusste nicht, ob er mit etwas Menschlichem oder ob er mit einem neckischen Waldgeiste zu tun habe. Er strich dem kind die braunen Haare, die, ungefesselt von Kamm und Nadel, in üppiger Fülle bis zu den Hüften niederwogten. Er wollte fragen, und doch unterliess er es, aus Furcht, einen anmutigen Zauber zu zerstören. Das Kind setzte sich auf seinen Schoss, streifte ihm die Weste auf, legte die Hand auf sein Herz, lehnte den Kopf an, horchte, und sagte dann: "Das klingt, wenn man nur so obenhin zuhört, wie:

'Vorbei! Vorbei! Vorbei!' wenn man aber genauer acht gibt, so klopft es: 'Aufs neu! Aufs neu! Aufs neu!' – Komm, du schöner Prinz, nach meinem Palaste, du sollst sehen, wo Flämmchen dieser Tage gesteckt hat."

Sie zog ihn tänzelnd und singend vom Stamm auf, und den Erdwall hinunter, an dessen Kante jener lag. Rasch schlug sie ein wucherndes Gesträuch auseinander, und der Eingang zu einer Art von Grotte wurde sichtbar. Man schien dort früher Ton gegraben zu haben, dadurch mochte die Aushöhlung entstanden sein. Hermann sah bei dem Scheine des gedämpft einfallenden Lichts ein Mooslager, und einen Sitz, aus Steinen zusammengefügt. – Er versuchte, das Mädchen auszuforschen, erfuhr aber nichts weiter, als dass ihr wahrer Vater, wie sie sich ausdruckte, längst gestorben sei, dass sie darauf viele Jahre bei dem falschen Vater zugebracht habe, der in dem Städtchen nahebei haus. Dieser habe sie an einen hässlichen alten Ritter verkaufen wollen, da sei sie ihm entsprungen.

"Und wo hast du dich denn seitdem befunden?" fragte Hermann.

"Hier, im wald, in der Höhle, du siehst es ja. Da ist mein Lager, und hier mein Sitz. Heute morgen hungerte mich, da fiel mir der Mut, ich weinte und rief meinen toten Vater. Der muss mich gehört haben, denn er schickte mir die Alte, die versprach mir hülfe, und nun ist die hülfe da."

Hermann redete ihr jetzt mit guten und bösen Worten zu, ihm zu folgen, er wolle sie zu dem Vater zurückbringen, und dafür sorgen, dass sie freundlich empfangen werde. Alles Bitten war jedoch vergebens. Endlich beschloss er, Gewalt zu brauchen, da er die Verirrte sich nicht selbst überlassen zu dürfen meinte. Er nahm sie auf den Arm und wollte sie forttragen. Aber heftig riss sich das Abenteuer von ihm los, stiess ein Geschrei aus, welches ihm durch Mark und Bein drang, warf sich gewaltsam zu Boden, und rief, die hände vorgestreckt, in einem wunderbar schneidenden Tone: "Du willst mich verraten? Du?" Darauf sprang sie empor, der junge knospende Busen flog, ein blutiges Rot überlief ihre Augäpfel, sie schien ausser sich zu sein, und nicht zu wissen, was sie begann. Wie eine Wütende zerriss sie das seidne Fähnchen, welches sie trug. Es glitt von ihren Schultern, das Hemd glitt ihm nach, oder warf sie es ab? er konnte es nicht unterscheiden, so rasch waren ihre Bewegungen. Nun stand sie, nur von ihren langen Haaren umflogen, Hermann gegenüber, und unaufhörlich ertönte aus ihren zitternden, dunkelgeröteten Lippen jener Ruf: "Du willst mich verraten? Du?"

Endlich gelang es ihm, sie durch Liebkosungen und Schmeicheleien zu beruhigen. Sie legte die Hand an die Stirne, sah betroffen an sich herab, huschte, schnell wie ein Wiesel, in die dunkelste Ecke der Höhle, und hockte dort in der Stellung nieder, welche die Alten, die jedes Ding am besten verstanden, dem weiblichen Gefühl in einer solchen Lage für alle zeiten geliehen haben.

Hermann war in der grössten Verlegenheit. Was sollte der Unsinn nun anziehn? Das rote seidne Kleidchen war von oben bis unten zerrissen. "Es ist kein andres Mittel", rief er dem Mädchen zu, "du musst dich als Knabe kleiden, bis man für dich anderweit gesorgt hat."

Er klomm aus der Grotte den Erdwall hinauf, zu dem Stamme, auf welchem seine Reisetasche lag. Vorsorglich hatte er Collet und Pantalons für den Fall der Not auf dieser Fusswanderung eingepackt; beides warf er von der Erhöhung dem nackten kind hinunter. –

Oben rieb er seine Augen, und fragte sich, ob er wache oder träume? Dann ging er mit grossen Schritten unter den Bäumen auf und nieder, denn er fühlte, dass ihm hier ein kräftiges Eingreifen obliege. Er ahnete ein Bubenstück, und beschloss, das Seinige zu tun, die gekränkte Unschuld zu schützen. Als er mit solchen Gedanken einige Male unter den Bäumen auf und nieder gegangen war, sprang ein allerliebster Junge durch das Gesträuch, dem das veilchenblaue Jäckchen und die gestreiften Hosen sehr hübsch standen.

Der Grundtrieb des Geschlechts hatte sich tätig erwiesen. Aller Überfluss an den Kleidungsstücken war so weggebunden, weggesteckt und weggenestelt, dass sie knapp, wie angegossen, sassen.

Flämmchen nahm seinen Arm, und sagte: "Ich will dich nun auf den Weg bringen." Sie führte ihn durch den Wald, und zwar entgegengesetzt der Richtung, welche er, seinem Reisezwecke gemäss, einschlagen musste. Jede Spur der leidenschaft, in welcher Hermann sie gesehen hatte, war verschwunden. "Du hast nichts weiter zu tun", sagte sie gleichmütig, "als in der Stadt