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Ecke, wo sein Hut und Degen sich befand, und nur meine Zuredungen konnten ihn alsdann bewegen, Aufsehn zu vermeiden und zu bleiben. Denn schon war ich sein Vertrauter geworden. Als junger Arzt musste ich mir auf jede Weise zu helfen suchen. Ich machte damals in Herzenssachen den Rat und Beistand, um stärkere Praxis zu bekommen.

Der Lieutenant bekannte mir seinen ganzen Kummer. Er könne seiner Geliebten nichts mehr recht machen. Jede Laune werde an ihm ausgelassen. Bald solle er erkaltet sein, bald sich ohne Gemüt betragen haben, neulich habe sie ihm vorgeworfen, er verstehe sie nie. Er sei wirklich noch ganz und gar der alte, gehe im Frühlinge mit dem ersten Märzenveilchen zu ihr, im Junius komme der Rosenstock, im Herbst ein Almanach an die Reihe der Geschenke, wie sonst; zum Geburtstag mache er seinen Vers, die Weihnachtsbonbonnière fehle nimmer. Aber alles werde jetzt kaltsinnig oder schnöde aufgenommen. Was er denn nur in dieser Not beginnen solle?

Ich konnte ihm freilich als einziges Mittel nur die Heirat nennen. Er versetzte, dieses stehe nicht in seiner Gewalt. Sich selber könne er nicht avancieren, und das Kriegsdepartement wolle es noch nicht.

Indessen sind solche ruhige Charaktere nur bis auf einen gewissen Punkt zu treiben, und dieser fand seinen Gleichmut

wieder, als er vor seinem Gewissen sicher war, im Dienste der Liebe nicht lässig geworden zu sein. Nun verwies er seine Braut, wenn sie ohne Grund klagte, an die Vernunft. Von dieser wollte sie nichts hören. Darauf kam er mit der notwendigkeit hervor, sich zufriedenzugeben, wenn die Dinge einmal nicht anders gehen wollten. Worauf sie ihm sagte, er sei unausstehlich. Endlich, da alle Trostgründe niedrer Schicht nichts helfen wollten, wählte er als letzte Arznei die Fügungen des himmels. Wenn sie über ein Fältchen zuviel oder zuwenig im Kleide sich ungebärdig anstellte, sprach er, man könne nicht

wissen, wozu ein Missgeschick fromme. Wenn der Regen eine Spazierfahrt vereitelte, lehrte er, die Vorsehung lasse Tropfen fallen, damit die Sonne nachher um so herrlicher scheine. Und als sie einst weinend auf ihrem stuhl sass, weil man den Gesang einer Mitschwester stärker beklatscht hatte, als den ihren, gab er, zu ihr tretend, den Spruch zu vernehmen: "Wen der Herr liebt, den züchtiget er!" Er war ein ordentlicher Kirchengänger, und hatte wirklich den Glauben, dass dem Geduldigen alle üblen Sachen zum Heile ausschlagen müssen.

Zuerst war ihr dieser Ton neu, und es vergingen einige Wochen unter solchen Tröstungen ganz leidlich. Indessen wollte das Gute, zu welchem nach ihrer Meinung das Schlechte führen musste, nämlich das Avancement, immer noch nicht erscheinen. Da ward sie böser als je, und der arme Phlegmatikus geriet in ein Fegefeuer, welches nicht läuternder sein konnte. Zu gleicher Zeit begann ein Einfluss auf sie zu wirken, welcher den Frieden zwischen beiden bald ganz aufhob.

Eine jener alten Jungfraun, welche, weil sie sitzengeblieben sind, es gern sähen, wenn das Heiraten abkäme, hatte sich des verdüsterten Sinns unsrer schönen Ärgerlichen bemächtigt. Sie liess in ihre gespräche einfliessen, dass sie schon längst mit Kummer bemerkt, wie der Lieutenant immer gleichgültiger geworden sei, wie seine Neigung wohl keine probe bestehen werde, und was dergleichen mehr war. Diese bösartigen Worte fanden ein offnes Ohr. Verdriesslich, von Missstimmungen geplagt, liess sich die Getäuschte zu dem Schritte hinreissen, dessen gefährliche Albernheit schon so viele beklagt haben. Sie wollte den Sinn ihres Liebhabers prüfen.

Eines Morgens wurde ich an das Krankenlager des Fräuleins berufen. Sie lag, anmutig gekleidet, allerdings im Bette, und klagte fast über jegliches, was den Menschen schmerzen kann. Die Mutter stand untröstlich daneben, sie liebte das Kind, vielleicht zu sehr. Man kann denken, dass mir, als jungem arzt, eine Krankheit in einem geachteten haus, welches selbst einigermassen in der Mode war, höchst angenehm sein musste, ich strengte daher die ganze Kraft meiner Diagnose, deren Feinheit man stets auf der Klinik gerühmt hatte, an, um die natur des Übels zu entdecken. Aber der Puls ging vortrefflich, die Augen strahlten vom gesundesten Feuer, die Wangen lachten im reinen Rote der Jugend, die Zunge war unbelegt, alles, ohne Ausnahme alles befand sich leider im wünschenswertesten Zustande. Ich entschied mich, dass hier Verstellung sei, verordnete die unschuldigen Mittel, welche Hippokrates uns für einen solchen Fall an die Hand gegeben hat, äusserte indessen natürlich meine wahre Meinung nicht, sondern sagte der Mutter draussen, auf ihre ängstliche Frage: ob es auch keine Gefahr habe? mit Ernst und Nachdruck, dass man noch grade zur rechten Zeit nach mir geschickt habe, und dass eine Stunde später für nichts mehr zu stehen gewesen sei.

"Sie glauben nicht, welches Zutrauen sie zu Ihnen hat", sagte die Mutter. "Den Geheimen Rat durfte ich nicht holen lassen." – "Nein", dachte ich. "Der alte grobe Heros würde wenig Umstände gemacht haben, meine blöde Jugend ist für dergleichen Leiden geeigneter."

Auf der Strasse fand ich den Liebhaber, dem man schon durch die dritte Hand dieses Siechtum zu wissen getan hatte. Er war so bestürzt, wie es einem Seladon geziemt, und in Verzweiflung, dass er nicht gleich nach dem haus seiner Braut eilen könne, aber er müsse auf die Parade. Ich beruhigte ihn, und verpfändete mein Ehrenwort, dass die Sache