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bestürzt auf den Herzog und entfernte sich. Der Arzt ging, um noch einige Krankenbesuche zu machen.

Die Herrschaften wollten durch den Laubgang nach dem schloss zurückkehren. Ein kleiner Junge trat aus dem Gebüsch, schlug Rad, stellte sich auf den Kopf, und machte noch mehrere dergleichen Kunststücke, um sein Almosen zu verdienen. Die Herzogin verbot ihm die halsbrechenden Possen, reichte ihm Geld, und fragte: "Wie heisst dein Vater?" Als der Junge den Namen eines Bettlers genannt hatte, sah die Herzogin ihn scharf an, und sagte: "Ich möchte für diese Unwahrheit dir das Geld wieder abnehmen. Du bist ein Kind des Waldmeiers, und hast nur aus Übermut gebettelt." Der Junge wurde rot und schlich davon, er gehörte wirklich jenem mann, der für sich und die Seinigen genug zu leben hatte.

"Wie war dir möglich, die Abkunft des Knaben so bestimmt auszusprechen?" fragte ihr Gemahl.

"Du kennst meine unglückliche Gabe, Familienzüge zu erkennen", versetzte sie. "Ich habe früher geglaubt, es sei Täuschung, aber unzählige Erfahrungen haben mich endlich überzeugt, dass mir die Genealogie auch da erscheint, wo sie andren Menschen nicht sichtbar wird. Es ist kein gutes Geschenk der natur. Leider", fuhr sie schamhaft fort, "sehe ich so manchen geheimen Fehler, wo die Welt nur Pflicht und Tugend erblickt. Ach, es ist nicht alles eines Bluts, was einen Namen trägt. Lass mich dir nun auch ein Geständnis tun. Als ich unsrem Kranken zum erstenmal ins Gesicht sah, erschreckte mich die grösste Ähnlichkeit mit Johannen. Ich war bestürzt! Ich möchte so gern mit dir nun ein ruhiges, geordnetes Leben führen; wir haben schon so viel Verdruss von jener, ich ahnete neue Störungen, die nie ausbleiben, wenn man sich mit Menschen verworrnen Schicksals einlässt, deshalb bat ich dich, uns den Jüngling fernzuhalten."

Ihr Gemahl stand einige Minuten nachdenklich. "Du irrtest dich gewiss. Mein Vater war ja leider so offen gegen mich über seine Fehltritte. Er hätte mir diesen auch gestanden. Und überdies ... es ist nicht möglich!"

"Nein", sagte sie, "und wir wollen nicht mehr daran denken. Ein unerwartetes Ereignis hat ihn uns, wenn nicht wider, doch ohne unsern Willen gebracht. Ob darin etwas Besondres zu finden ist, weiss ich nicht, aber ich fühle, dass wir ihn pflegen, und für ihn sorgen müssen, wenn er es verdient. Das Los eines Menschen gilt mehr als Ahnungen und Träume."

Sie sprach das einfach, sanft, wie sie pflegte. Ihr Gemahl sah umher; es war niemand in der Nähe. Er umfasste sie, und schloss sie mit der zärtlichsten Liebe in seine arme. "bleibe die Genossin meiner Entwürfe, die Freundin meiner innersten Gedanken! "sagte er gerührt. Sie ruhte beglückt am Herzen des Manns, der ihres Lebens Stolz und Freude war.

Sie standen unter der Gruppe des Amor und der Psyche, und die reinen Sterne sahen auf diese Umarmung nieder.

Zweites Kapitel

Der Arzt zog am runden Tische sein Büchelchen hervor, und las:

Der Lieutenant und das fräulein

Anekdote aus meiner Praxis

Als ich in der Hauptstadt meinen Kursus machte, lernte ich einen Offizier von der Garnison kennen, der mir wegen seines gesetzten Wesens sehr zusagte, und von allen seinen Kamaraden als ein ruhiger Charakter bezeichnet wurde.

Dieser ruhige Charakter war schon seit einigen Jahren mit einem Frauenzimmer von desto unruhigerer Gemütsart verlobt. fräulein Ida hatte alles Feuer zugeteilt bekommen, welches die natur bei der Erschaffung des Lieutenants Fabian erspart hatte. Lebendig, galt sie bei ihren Tänzern für geistreich, und konnte allerliebst sein, wenn ihre Partien auf vierzehn Tage hinaus versichert waren. Anfangs spielte sich das Verhältnis überaus artig fort, er wurde von ihrer Beweglichkeit in Bewegung gesetzt, sie gewann durch seinen Ernst mehr Haltung, woran es ihr früherhin zu ihrem Nachteile bisweilen gebrochen hatte. Das Unpassende, was das Publikum sonst wohl in Lieutenantsverlobungen findet, fiel hier weg, da die Braut ein artiges Vermögen besass, und nur der Eigensinn der Mutter die Heirat bis zu dem Zeitpunkte verschob, wo der Schwiegersohn einen höheren Rang, und die Kompanie erlangt haben würde.

Indessen musste der Monarch wohl noch eine grosse Anzahl verdienstvollerer oder älterer Lieutenants besitzen. Das Patent blieb länger aus, als man gedacht hatte, und da die Mutter ihre Tochter durchaus nicht ohne einen klingenden Titel von ihrem Herzen weggeben wollte, so dehnten sich die Tage der Hoffnung zu Jahren der Erwartung aus. Ein zu langwieriger Brautstand hat aber die bedeutendsten Unannehmlichkeiten. Die Liebe ist für Stunden, die Ruhe für das Leben; wer kann aber der Ruhe geniessen, solange die Früchte noch auf dem Halme stehen? Das Gefühl gleicht nach so gedehntem Harren einem schönen Weine, den man im offnen Glase hat fade und abschmeckend werden lassen.

Grade kurz vor der Zeit, wo dieser bedenkliche Mangel an Geschmack im Verhältnisse der Liebenden eintrat, lernte ich den Lieutenant kennen, und ward durch ihn im haus seiner zukünftigen Schwiegermutter eingeführt. Ich sah noch die letzten Sommertage der Zärtlichkeit, bald aber nahm ich eine gewisse Kälte zwischen den Brautleuten wahr, die nur mit einem unangenehmfeurigen Wesen abwechselte. Sie liess sich wohl, wenn er dicht bei ihr stand, durch einen andern den Mantel holen, und betonte den Befehl; er rannte mitunter in der zierlichsten Gesellschaft nach heimlich-raschem Zwiegespräch in die