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wahrloset oder verbildet."

Das Gespräch wandte sich auf die sonderbare Fügung der Umstände, welche unsrem Freunde die hülfe gebracht hatte. Der Weg, welchen die Herrschaften bei der Rückkehr von dem alten schloss Falkenstein einschlugen, führte in geringer Entfernung an dem Tannengehölze durch, in dem Hermann seine Wunde erhielt. Er mochte eine Stunde in seinem Blute gelegen haben, ohne dass ein Chirurgus sich blicken liess. Flämmchen sass ausgeweint, still, verzweifelt bei dem Ohnmächtigen. Da hörte sie von fern den dumpfen Ton der über Kies und Grand fortarbeitenden Kutsche. Sie stürzte durch die Tannen, fiel am Wagenschlage auf die Kniee und flehte um Erbarmen für den Halbtoten. Welcher Schreck für die Herrschaften, als sie den jungen Mann, der ihnen in mancher Beziehung interessant geworden war, in solchem Zustande wiedersahn! Man half sich mit ihm, wie man konnte, und brachte ihn, notdürftig verbunden, langsamen Fahrens nach dem schloss.

Aber welches Unglück, wenn sie später gekommen wären! Wenn die Abendkälte, der Tau den Verwundeten auf dem kühlen Boden getroffen hätten! Wenn der andre Weg, wie der Kutscher anfangs gewollt, eingeschlagen worden wäre! Alle diese Fälle wurden besprochen, in deren Aufzählung besonders die Herzogin die grösste Lebhaftigkeit zeigte.

Ein junger blasser Mann, den Tonsur und schwarze Kleidung als den Hausgeistlichen bezeichneten, hatte sich bisher wenig geäussert. Nun aber, als das Reich der Möglichkeiten solchergestalt durchgemustert wurde, nahm er das Wort, und erklärte mit schwärmerischem Feuer, dass es für den Gläubigen kein Ungefähr gebe, dass Gottes Finger in allem sichtbar sei, und dass auch der Fremde nicht ohne den Ratschluss des himmels sich in diesem schloss befinde.

Der Arzt warf hierauf schalkhaft die Frage hin, welcher Religion der Fremde wohl sein möge?

"Er ist aus einer protestantischen Familie", versetzte Wilhelmi sarkastisch. "Indessen wer kennt den Ratschluss des himmels mit ihm?"

Der Geistliche war still geworden. Der Herzog erklärte, der Ratschluss des himmels werde wenigstens auf keinen Fall sein, den jungen Mann innerhalb des Burgfriedens zu einem andern Glauben zu bringen. Er halte als Grundherr auf seinem Gebiete an den Bestimmungen des Westfälischen Friedens fest, und keine Konfession solle da, wo er etwas zu sagen habe, sich gegen eine andre Zudringlichkeiten erlauben.

Der Geistliche stand auf, und beurlaubte sich, weil die Stunde seiner Übungen gekommen sei. Nach seiner Entfernung entstand die Stille, durch welche ein gebildeter Kreis die Medisance schlechter Gesellschaften bei sich ersetzt, wenn jemand weggegangen ist, dessen Sinn nicht ganz zu den übrigen passt. Endlich sagte die Herzogin: "Sich gegen die Ereignisse ungebärdig stemmen, ist meistens so unnütz. Können wir dem armen, in der Dunkelheit forttappenden Menschen einen andern Rat geben, als: 'Gewöhne dich, in jedem Vorfallen das Walten der himmlischen Mächte voll Ergebung aufzusuchen'?"

"Aufzusuchen! Sehr schön!" versetzte Wilhelmi. "Aber um alles in der Welt nur nicht zu früh, zu gedankenlos es zu finden. Jedwedes, auch das Herrlichste, kann zur Spielerei, zur Redensart werden. Wer wollte gegen das Schönste, gegen einen wahrhaft gottergebnen Sinn polemisieren? Aber zu rasch bei einem Unglücke mit der Unterwerfung unter die allmächtige Hand Gottes fertig zu sein, beweiset mir nur, dass das Unglück dem Betroffnen ein so gar grosses nicht war. Nur mit abgefallnen Wangen, erloschnen Augen, und kummerbleichen Lippen spricht der Mensch jenes Wort würdig aus. Auch die Heiligen haben ihr Haar zerrauft, und in der Asche getrauert! Es ist unsittlich und unfromm, immer sittlich und fromm sein zu wollen. Wenn Sie, meine Fürstin, mir nach einem schweren Leid, wovor Sie Gott bewahren möge, sagen: 'Der Herr ist über mir!' dann weine ich mit Ihnen, wenn ich Ihnen nicht helfen kann. Wenn aber die Mutter, der das Kind starb, spricht: 'Wie sollte ich klagen, da es bei Gott ist?' und acht Tage darauf in ihre gewöhnlichen Gesellschaften geht; wenn der sogenannte Freund dem in weite Ferne, vielleicht für immer, scheidenden Freunde nichts weiter nachzurufen weiss, als: 'Man soll sein Herz an nichts Irdisches hängen!' dann wende ich meine Schritte, und überlasse die gemütlichen Schwätzer ihrer öden Selbstzufriedenheit. Aus dunkler Tiefe, aus tausend Quellen springt das Leben; man soll ja nicht glauben, die unendliche Flut in einem Fingerhute auffangen zu können!"

Er war sehr bewegt. Unter einer kalten, ja abstossenden Aussenseite verbarg sich bei ihm die höchste Zarteit, und eine bis zum Leidenschaftlichen gehende Wahrheit der Empfindung. Vielleicht bedurfte er jener Kruste, um nicht zwischen den Rädern des Alltags zerrieben zu werden.

Der Herzog flüsterte dem arzt zu: "Bringen Sie etwas auf, was uns vor der Fortsetzung dieser Predigt schützt." Worauf jener laut anhob: "Mein Metier verschafft mir nicht so tiefe Seelenanschauungen, wie unser Freund sie uns vorgetragen hat. Indessen sehe ich am Krankenbette doch auch manches Menschliche. Nur, dass ich nicht darüber weine, sondern lache. Ich habe in meinem Gedenkbuche eine Anekdote aufgezeichnet, an welche ich durch diese gespräche erinnert wurde. Wenn für die Teestunde keine bessere Unterhaltung bereit ist, so will ich meine geschichte von den Fügungen des himmels hiemit dazu anbieten."

Man verlangte sie zu hören. Die Herzogin erhob sich. Ein alter Bedienter kam, und sagte Wilhelmi etwas ins Ohr, seinen Zorn, wie es schien, schwer verbergend. Wilhelmi sah