1838_Immermann_044_24.txt

sah den Oheim mit Verwundrung an. Diese kleine, kümmerliche Figur mit den viereckigen Knieschnallen, den fahlen Strümpfen, und den schweren Schuhen war also der Millionär, vor dem sich schon Fürsten tief gebückt hatten! Weisses Haar lag um das Antlitz, welches grau war, wie der Anzug, und nur ein Paar helle, kluge Augen verrieten einen nicht gewöhnlichen Geist. Er machte dem Oheim eine Verbeugung, und nannte nach einigen einleitenden Redensarten seinen Namen. Der Oheim stutzte nur leicht, nahm seine Brille, betrachtete den Verwandten durch die Gläser, wie eine zu prüfende Ware, und sagte: "Sieh da! Du bist also der Neffe. Nun, nun, du siehst ja recht ordentlich aus. Wir haben dich längst erwartet; nach deinem Briefe konntest du schon vor acht Tagen bei uns sein. Wie gerätst du denn hieher? das ist ja ganz aus dem Wege."

"Wenn ich vom Wege abgekommen bin, so habe ich mich wenigstens zur Erfüllung einer Pflicht verirrt. Ich war diese Nacht hindurch bei Ihren Kindern; soviel ich über die Sache urteilen kann, hat es mit der Tante keine Gefahr."

"Das glaube ich auch", sagte der Oheim. "Sie wird sich erkältet haben. Nach einer Badekur ist man immer sehr reizbar. Kinder wissen sich denn nicht zu helfen, am wenigsten auf Reisen."

Hermann erfuhr nun, dass die Tante Wiesbaden gebraucht, dass der Oheim den Tag ihrer Rückkunft berechnet habe, und ihr heimlich entgegengereist sei. "Ich mag sonst die Überraschungen nicht, und mein Plan war mir unterwegs schon leid geworden, nun ist es mir aber doch lieb, dass ich ihn ausgeführt habe", sagte er. "Wie hast du sie denn getroffen und erkannt?"

"Ich habe sie nicht gekannt."

"Und ihnen doch geholfen? – Nun, nun, das ist ja recht hübsch, du scheinst ja einen recht guten Charakter zu haben."

"Ich wurde, wenn etwas Gutes an meiner Handlungsweise war, sogleich dafür belohnt", versetzte Hermann. "Ich muss Ihnen nur gestehn, lieber Onkel, dass ich mich in Cornelien verliebt habe. Mein Mühmchen wird ihren Mann einmal glücklich machen, sie ist schon jetzt ein vollkommnes Hausmütterchen."

Dem Oheim schien dieser Scherz wenig zu gefallen. "Sie ist nicht dein Mühmchen", sagte er, "sondern die Tochter meines verstorbnen Buchhalters; wir erziehn sie nur."

Ferdinand kam. "Das ist dein Vetter", sagte der Oheim. "So?" versetzte der Knabe gedehnten Tones, und hielt Hermann, der ihn küssen wollte, gleichgültig nur die Wange hin.

"Wie geht es draussen?" fragte Hermann. "Warum wolltest du hier Zimmer haben, lieber Ferdinand?"

"Weil der Förster uns sagte, wir sollten uns aus seinem haus machen, wir könnten zu dem Herrn gehen, der sich unsrer so sehr angenommen, und ihn so schnöde behandelt habe."

Hermann sah bestürzt vor sich nieder. "Bester Onkel", rief er, "es empörte mich, dass der Gefühllose die armen Kinder und die Kranke verlassen hatte, und ich musste ihm sagen, was mir mein Herz eingab!"

Der Oheim schüttelte den Kopf, und versetzte: "Neffe, ich kann dir nicht beistimmen. Die Leute tun jetzt kaum für Geld etwas, leistet einer ausnahmsweise einmal etwas umsonst, so muss man zufrieden sein, und ja nichts mehreres von ihm verlangen. Der Transport hätte meiner Frau doch sehr schaden können. Es ist recht gut, dass ich noch zur rechten Zeit gekommen bin; der Förster wird sich, wie ich denke, wohl wieder bedeuten lassen."

Fünfzehntes Kapitel

Die Chaise fuhr vor. "Willst du mit?" fragte der Oheim. Hermann entschuldigte sich mit einem Geschäfte, welches ihn am Orte zurückhalte. "Das ist ein andres", versetzte jener. "Geschäfte sind immer die Hauptsache. Auf guten Erfolg! Wir sprechen uns ja noch, dann kannst du mir sagen, wann du kommen willst. Ich verlange nach deinem Besuche, ich muss wegen der Gelder, die ich für dich verwalte, mit dir abrechnen, auch habe ich geheime Sachen von deinem seligen Vater an dich abzuliefern, da du nun das Alter erreicht hast, in dem du sie nach seiner Disposition bekommen solltest. Mein Bruder war ein Mystiker; man muss den Toten ihren Willen tun."

Die Chaise rollte davon. Noch immer wollte die Stunde des Duells nicht schlagen. Das unbeschäftigte Warten auf etwas, was, man mag es nehmen wie man will, doch unangenehm bleibt, bringt eine Pein ganz eigner Art hervor. Die Vergangenheit verschwindet, die Zukunft ist bedeckt, und nur das widrige Gefühl einer faden Gegenwart schneidet sich mit stumpfer Gewalt in die Seele ein.

Diese nagende Empfindung zehrte an Hermanns Gemüt. Obgleich fest entschlossen, Blut und Leben für die Rettung eines unglücklichen Wesens einzusetzen, musste er sich bekennen, dass der Schmelz von dem Abenteuer abgestreift sei, seitdem er nicht mehr hoffen durfte, den Lohn seiner Anstrengungen in einem gütigen Lächeln der Fürstin sich zu gewinnen. Die Kinder hatten ihren Vater, die Kranke war unter Obhut, er kam sich in allen Beziehungen, die ihn seit gestern umsponnen hatten, so überflüssig vor. Ja, er begann zu zweifeln, dass er irgendwo nötig gewesen sei. Die Gestalt seines umherirrenden Mündels verflüchtigte sich zu einem luftigen Märchenbilde.