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, von ihm entsprungen, und, ihm unbewusst, auch schon wieder in die dunkle Nacht zurückgesunken war, aus welcher die Geburten der Erde auftauchen. Er legte den Ring zu dem Skelette, und liess dann ein fest umschliessendes Gewölbe aufmauern, die Hand und den blick der Neugier für immer von diesen Gebeinen abzuwehren. – "Das ist gut", sagte Wilhelmi, der davon hörte; "nun sind die bösen Geister der Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt. Der Mensch bedarf solcher symbolischer Handlungen, um sich von einer Last gänzlich zu befreien." Er selbst hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt, wo sie in gehöriger Kost und Pflege ihre noch übrigen Tage zubringen sollte.

Unter den Angehörigen und Bekannten des Hauses herrschte die grösste Freude. Alle nahmen den herzlichsten Anteil. Der gute Prediger und seine Frau, die Geschäftsleute, welche noch da waren, empfanden ein reines Behagen. Wilhelmi erhielt von seiner Frau unbeschränkten Urlaub, bei Hermann zu bleiben, bis dessen sämtliche Angelegenheiten geordnet wären. Der Arzt schickte einen Brief, der ein Dityrambus war auf die Trüglichkeit medizinischer Prognose. Selbst die alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt, dem Genesenen die Hand zu schütteln. Auch Teophilie hatte sich glückwünschend genaht. Ihr schien leicht und frei um das Herz zu sein, dass Hermann nun hier waltete. Sie sah verjüngt aus. Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlüssel zum Erbbegräbnis zurück.

Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon wieder einzufinden, welcher keinem Gemälde des Menschlichen fehlen darf.

Hermann musste, sobald er mit ruhigem Blicke seine wunderbare Lage übersehen hatte, über die ihm angefallnen Reichtümer sehr nachdenklich werden. Das alles gehörte ihm vor der Welt und von Rechts wegen, und doch war dieses Recht nur ein Schein, denner war nicht der Neffe seines Oheims. Durfte er gleichwohl der Wahrheit in diesem Falle die Ehre geben, das Verborgne entüllen, und die Asche auch seiner Mutter noch im grab beunruhigen? Sein Innerstes empörte sich dagegen2.

Im Widerstreite der Pflichten wollte er wenigstens tun, was möglich war. Er liess daher der Herzogin den Rückkauf der Standesherrschaft unter Bedingungen anbieten, welche das Geschäft einer Schenkung so ziemlich nahe brachten. Wilhelmi, welcher die Unterhandlung leitete, hatte ihm aber bald die ablehnende Antwort der Dame zu eröffnen, da sie sich mit der ausgeworfnen Apanage begnügen könne, und jede Verwicklung in die Dinge der Erde scheue.

Auch einem Besuche, zu dem er um die Erlaubnis gebeten hatte, versagte sie sich. "Schwerlich wird sie dich jemals wiedersehn mögen", äusserte Wilhelmi bei dieser gelegenheit; "Frauen ihrer Art haben eine Unwiderruflichkeit der Stimmungen, ähnlich der Gnadenwahl. Wer ihnen einmal unangenehm geworden ist, bleibt es, auch wenn sie sich von der Nichtigkeit ihrer üblen Meinung überzeugt haben. Sie wird es dir nie vergeben, dass du Flämmchen auf ihrem schloss bei dir gehabt hast, obgleich sie durch den Arzt nun wohl wissen mag, dass die Sache damals die schuldloseste von der Welt war."

Cornelie zog sich, je mehr Hermann der Welt und den Menschen anzugehören begann, wieder sichtlich von ihm und in ihr Innres zurück. Sie mied die Gesellschaft und ihn, wo sie konnte. Eine stille Verlegenheit war an ihr bemerkbar; es schien ihr an dem Orte, wo ihr Herz, durch gewaltsame Angriffe erschüttert, sich verraten hatte, unwohl zu sein. Hermann blickte zu ihr, wie zu einem höheren Wesen auf, er wagte keinen Wunsch, er erlaubte sich keine vertrauliche Benennung, er gestattete sich nicht, ihre Hand zu ergreifen.

Eines Tages sagte sie zu Wilhelmi, dass sie bereit sei, mit ihm abzureisen. Er stutzte. "Nun wollen Sie von hier fort? Nun?" fragte er. "Veränderliches Kind!"

"Und warum nicht? Ich bin hier nicht mehr nötig. Er ist gesund. Also lassen Sie mich in die Dienstbarkeit wandern, der ich von jetzt an doch verfallen bin."

Wilhelmi sann nach. "Wir wollen der Standesherrschaft einen Besuch abstatten", sagte er, "mein Freund und ich. Von dort kehre ich über diesen Ort nach * zurück, und dann können Sie mich begleiten, wenn Sie noch bei Ihrem Vorsatze beharren."

Er ging zu dem Prediger und hielt mit diesem und mit dessen Gattin Beratung. Darauf schrieb er einen langen Brief an Johannen. Hermann hatte diese erst sehen wollen, wenn noch einige Zeit verflossen wäre. Er sehnte sich, und scheute sich doch, mit der Schwester wieder zusammenzutreffen.

Letztes Kapitel

Wieder glänzte der klare Herbstimmel über Park, Schloss und Hügeln, wieder blühten die Georginenbeete der Fürstin, und die Abendsonne verklärte abermals die gelbroten Kronen der Bäume. In grossem Ernste hatten die beiden Freunde den Tag über alle die Zimmer, Säle, Stätten und Plätze durchwandert, welche sie nun unter so gänzlich veränderten Umständen wiedersahn.

Jetzt sassen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette. Dort lag noch ein von der Herzogin vergessnes Buch aufgeschlagen. Hermann nahm es, und drückte sein tränenfeuchtes Auge auf die Blätter, welche ihre zarte Hand berührt hatte. Wie ward ihm, als er einen blick hineinwarf! Es war wieder ein Band von Novalis und das Märchen von Hyazint und Rosenblütchen, welches ihm einst im Försterhause so prophetisch begegnet war.

Er seufzte und legte das Buch weg. Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte: "Im Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an