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des Mädchens sehe ich, dass sie keine Metze, keine Närrin ist, die mit Phrasen umgeht; der Lapidarstil, in dem sie an Dich schreibt, zeugt von einer starken Seele. Und ein solches Wesen hat mein Freund entwürdigt, und sein Kind soll ein Bankert heissen?

Dem soll nicht so sein. Du nennst mich kalt, der Kalte wird Dir seine Kälte beweisen. Wenn Du diese Zeilen empfängst, bin ich schon unterwegs. Ich werde vor Babetten hintreten und sie fragen, ob sie meine Hand annehmen will, und ob ich ihre Schande mit sche ich nicht zu treffen; diese Sache ist nur zwischen dem Mädchen und mir; Dein Anblick würde mir nur unnütze Schmerzen machen.

Antworte mir nicht, danke mir nicht, lass uns überhaupt eine Zeitlang, bis die Gemüter sich einigermassen beruhigt haben werden, für einander nicht vorhanden sein. Ich weiss, was ich tue, opfre mich für Dich, gebe ein Leben und seine Freuden dahin, Dir zu helfen. Ein solches Gefühl will geschont sein, und wird durch jedes Anrühren, auch durch das wohlgemeinte, nur noch quälender aufgeregt. In seinen Tiefen werde ich mit der Zeit, wo nicht Trost, doch Beschwichtigung schöpfen.

Was mir schon jetzt Halt und Stärke gibt, ist die Empfindung, dass ich ja gewusst habe, wie alles sich fügen würde. Graf und Bürger sollen die Hand einander nie zu so engem Bunde reichen, sollen bleiben, wohin der Stand einen jeden gestellt hat. Den einen treibt sein Geschick in das Weite und Freie, den andern weiset es in ziemlich enge Schranken. Überspringen sie die gezognen Grenzen, so hat sich der, welcher den Fehltritt erkannte, da er ihn beging, über die schlimmen Folgen nicht zu beklagen, die früh oder spät eintreffen müssen.

Nachschrift des Senators Hermann

1816

Du empfängst in diesen Briefen, mein Pflegesohn, ein verhängnisvolles Geschenk. Ich darf es Dir nicht vorentalten, denn wenn Du nicht wüsstest, wer Du bist, und von wem Du abstammst, so könnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen, unbewusst könntest Du Frevel begehn, vor denen die natur zurückschaudert. Dass eine Schwester von Dir lebt, weiss ich mit Bestimmteit, sie heisst Johanna, und wird auf dem schloss ihres Vaters erzogen.

Gern hätte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart, welche Dein Herz zerreissen, und Dich vielleicht auf lange Zeit unglücklich machen werden.

Nach meinem Willen sollst Du die Briefe, welche wir damals wechselten, erst lesen, wenn Du Dein männliches Alter erreicht haben wirst. Du wirst dann die Stärke haben, der Eltern Schuld zu wissen, und doch an diesem Wissen nicht unterzugehn. Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten. Wir haben ein unglückliches Leben zusammen geführt, aber ich muss ihr das Zeugnis geben, dass sie die edelste und bravste Seele war, welche ich je gekannt.

Was mich betrifft, so wird Dir hoffentlich Deine sen bin. Ich habe mein Gelübde gehalten, und dieser Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit. Meine Tage sind gezählt, ich fühle das; Melancholie hat meine Lebenskräfte verzehrt, und mich vor der Zeit zum Greise gemacht.

Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhältnis mit meinem Bruder zu erhalten, der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird. Er ist eigen und schroff, aber zuverlässig und wacker.

Ich glaube, Du Armer, dass Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn. Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen, sah ich an Dir ein Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen. Mögen denn gute Geister sich Deiner annehmen, wenn die sorge in das Grab sank, welche Deine Kinderjahre behütete! Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen.

Fünfzehntes Kapitel

Rasch war Hermanns Besserung vorwärtsgegangen. neu war ihm die Welt geworden, er nahm von ihr zum zweiten Male Besitz, ausgerüstet mit allen Erfahrungen der früheren Zustände. Unglück und Glück hatten ihre, bis zum Überlaufen vollen Schalen auf seinem haupt ausgeleert; Stimmungen, wie sie durch solche Wechselfälle erzeugt werden, entziehn sich der Schilderung. Er fühlte, dass sein Geschick ihn jeder selbstsüchtigen Tätigkeit für immer entrückt habe, und dass er dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei.

"Wir würden nicht glauben, dass dergleichen erlebt werden könnte, hätte es uns nicht selbst betroffen", sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi. "Wie hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten, lächerlichen und schrecklichen, verfolgt! Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein, und muss mich nun in den Dreissigen als Anfänger und jungen Schüler bekennen."

"Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit", versetzte Wilhelm!. "Sie duldet kein langsames, unmittelbar zur Frucht führendes Reifen, sondern wilde, unnütze Schösslinge werden anfangs von der Treibhaushitze, welche jetzt herrscht, hervorgedrängt, und diese müssen erst wieder verdorrt sein, um einem zweiten gesünderen Nachwuchse aus Wurzel und Schaft Platz zu machen. Wohl dem, der hiezu noch Kraft und Mark genug besitzt! Ich sage dir, blicke fröhlich vor dich hin, denn du kannst es."

"Das tue ich auch", erwiderte Hermann. "Mir ist fromm zu Sinne, obgleich ich nicht bete und den Kopf nicht hänge."

Auch er machte einen einsamen gang nach dem Hünenborne. Dort nahm er die Decke von der Gruft des Kindesseines Kindesund stand lange in die Betrachtung dieser Überbleibsel eines Lebens versenkt, welches, ihm unbewusst