mir Vorwürfe, aber bleibt, ich rede von einer Reise, die ich sogleich in einem Geschäfte anstellen müsse, er erbietet sich, mich einige Meilen zu begleiten.
Ehe ich noch einen Entschluss fassen, ein unglückliches Zusammentreffen verhindern kann, hat er Babetten gesehen, gesprochen, und mich in ihrer Gegenwart nach meiner Frau, meinem kind befragt.
Wenn auch alle Güter, alle Zauber des Lebens sich vereinigten, mich so hoch zu heben, als ich jetzt tief gestürzt bin, den blick, das Antlitz Babettens werde ich nicht vergessen, womit sie diese Entdeckung anhörte. Die Stunde wird wie ein schwarzer Schatten über meinem Dasein lasten bleiben, und stiegen die Engel mit Schalen voll himmlischer Fluten herunter, meine Seele rein zu waschen. Es war nicht Zorn, nicht Schreck, nicht Bestürzung, was in ihrem gesicht sich malte, es war, ach, wer kann, wer mag das Furchtbare schildern, wenn treue heisse Liebe auf einen Ruck sich in ihr Gegenteil umsetzt?
Die Donner des Schicksals waren durch den Unberufnen nur beschleunigt, abzuwenden wären sie dennoch nicht gewesen. Nach einem grauenvollen Tage, den ich vergeblich flehend vor Babettens verschlossner tür zernichtet zubrachte, drang durch Sturm und Regen ihr Vater hieher, der uns durch seine Späher endlich doch ausgekundschaftet hatte. Briefe von den sogenannten Meinigen hatten sich in seine Pfarrwohnung verirrt, und waren von dem argwöhnischen Alten erbrochen worden. Er kannte also alle meine Verhältnisse. Anfangs wollte Babette auch ihn nicht einlassen, die Gewalt der väterlichen Autorität siegte aber endlich, und es gab eine erschütternde Szene.
Ich erklärte mich zu allem bereit, was nur im Umfange menschlicher Kräfte stehe; man nahm meine Versprechungen nicht an, und der Alte bediente sich harter Ausdrücke gegen mich, die ich seinem Kummer zu vergeben hatte.
So ist denn diese Ruine zur Hölle geworden, die im engen raum drei unselig Leidende vereinigt. Ich bin keiner Entschliessungen fähig, mein ganzes Wesen ist eine blutende Wunde, in welcher die scharfen Messer der grimmigsten Reue wühlen. Hast Du ein Wort, ein Zeichen für mich, was mir Rat oder Lindrung geben kann, so lass es mir werden!
IX. Derselbe an Denselben
* den 8. November 1795
Lies den anliegenden Brief Babettens, und schaffe hülfe! Die Verzweiflung überspringt alle Schranken, wer das Mittel bei sich trüge, uns aus der greulichen Not zu retten, dem könnte ich den Degen auf die Brust setzen, und ihn um das Mittel ermorden. Hermann, unser Schwur, geleistet über den vereinigt-rinnenden Blutwellen der Freunde! Nun ist die gelegenheit da, nun beweise, dass Du ihr Dasein fühlst! Ich sage nicht mehr; Du musst mich verstehen, oder der Bund zweier Männer war eine Posse, eine gemeine Lüge.
Beilage – Babette an den Grafen Heinrich
Sie stürmen und dringen an der tür meines Zimmers, um mit mir zu reden; ich wiederhole, was ich Ihnen schon durch meinen Vater sagen liess, dass ich nimmer mit Ihnen mehr spreche. Was Sie von mir zu erfahren haben, sei diesen Zeilen anvertraut.
Ich habe gestern die Absicht gehegt, mir das Leben zu nehmen, welches mir völlig gleichgültig ist, seit ich weiss, dass Sie ein unehrlicher Mann sind. Ich stieg auf die Spitze des Felsens hinter der Burg, und wollte mich von seiner jähen Höhe hinunterstürzen in die schwarze Tiefe, dass da drunten mein zerbrochnes, blutiges Gebein von den Wogen des Waldstroms fortgeschwemmt werden möchte. Mein alter unglücklicher Vater war mir nachgegangen, und hat mich zurückgehalten.
Was er mir über die Sünde dieses Schrittes, soweit es nur mich allein betrifft, gesagt, habe ich nicht verstanden, denn mein Leben ist so ganz unnütz geworden, dass ich nur glauben kann, ein so verwelktes und zerknicktes Blütenblatt werde am besten dahin getan, wo der Kehricht ist. Allein das zweite Leben, welches mein verfluchter Schoss empfangen, darüber darf ich allerdings nicht verfügen, ohne zur Mörderin zu werden. Hievon haben mich die Reden meines Vaters überzeugt.
Ich soll also nicht sterben und kann nicht leben. Ihren Antrag, sich scheiden zu lassen, und mich zu heiraten, verabscheue ich. Dadurch würde ich mir einen neuen Frevel aufladen, und mich an Ihrem Ehebruche beteiligen.
Meine Ehre will ich gleichwohl von Ihnen wiederhaben, und diese mir zu schaffen, gebiete ich Ihnen. Wie es geschieht, gilt mir gleich, ich bin völlig willenlos, alle Dinge sind mir recht, die geschehn, den einzigen Wunsch, den ich noch habe, zu erfüllen. Was man mir vorschlagen wird, es sei noch so fremd und widerwärtig, ich genehmige es schon jetzt, ohne es zu kennen.
Wenn Sie in dieser Beziehung etwas ausfindig machen, so haben Sie mir es zu melden, ohne Beisatz und Redensart, die mich von Ihnen anwidern, da ich Ihnen nichts mehr glaube, nicht einmal Reue und Scham.
X. Hermann an den Grafen Heinrich
Abschrift
Bremen, den 16. November 1795
Es gibt Dinge, die nichts weiter zulassen, als die Handlung, alles Reden darüber ist unnütz. Was hülfe es mir, Dir meine Betrachtungen über die trostlose geschichte mitzuteilen? Es ist nun dahin gekommen, – was ich immer vorausgesehen, und Dir vorhergesagt habe, – dass Dein Sinn Dich vor einen Punkt führen würde, wo Dir blick und Aussicht, ja Bewusstsein verschwinden müsste.
Aber wie gesagt, hier gilt es die Tat, die Worte sind leere Spreu. Aus den Briefen