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Bergschlosse, tief im wildesten Gebirg. Der Vater, nachdem er unsre Liebe lange toleriert, wollte auf einmal den Strengen spielen, untersagte mir das Haus, sperrte mein Mädchen ein. Gegen Zwang hat sich seit Adams Zeit noch immer die freie Liebe empört; in einer Nacht, welcher Venus den funkelndsten Schein spendete, folgte mir die Getreue, die Holdselige.

Nun führen wir, von Waldkronen umrauscht, zwischen Trümmern und Klippen hausend, ein Leben wie ist, ausser einem alten Pachter mit seiner tauben Magd und einem halb blödsinnigen Knechte keine Menschenseele in diesem Steinklumpen, auch wohnen auf eine Stunde Weges hin keine Leute. Diese Einsamkeit hat etwas Grosses, wundersam Süsses. Wenn die Sonne den Wald in einen grüngoldnen Zauberpalast verwandelt, oder der Sturm, wie der Atem des Geistes, durch die Zweige der Buchen geht, und ich mein Mädchen in den Arm fasse, da dünkt's uns oft, wir seien dieser Zeit entrückt, und lebten in den Tagen der Fabel.

Die Liebe lebt ihre eigne geschichte, und braucht der Aussendinge nicht. Babette besorgt die Küche, ich spalte ihr das Holz, oder suche mit der Jagdflinte ihr einen Braten zu erlegen, und wenn ein Gericht wohl geraten ist, oder mein Weidwerk gute Beute gab, so sind das grosse Ereignisse, an welchen wir lange nachzuzehren haben.

Sie hat mir eines nicht versagen dürfen, was ich Dir zitternd, leise und scheu, wie ein Kind, das vor der Mutter sich fürchtet, vertraue. Wenn Dunkel sich über Berge und Täler goss, und auch die Abendlampe erlosch, dann ruhe ich selig und froh an ihrer Seite. Wehe Dir, wenn Du etwas Übles davon denkst! Nein, heilig und unsträflich teilen wir das liebliche Lager, und tiefe Ehrfurcht vor der Unschuld liegt zwischen uns, wie ein geschliffnes Schwert. Es war nur so eine Laune und Grille von mir; zu proben, ob man nicht lieben kann, wie die Engel sich lieben. Und siehe da, die probe ist gelungen. Ach, wie süss sie zitterte, da ich zum ersten Male von meiner erstürmten Befugnis Gebrauch machte, und wie ruhig sie nun mir am Busen entschläft!

VI. Derselbe an Denselben

* den 20. Oktober 1795

Lieber, man ist oft nicht in der Stimmung, andern zu antworten. Nimm es mir also nicht übel, wenn ich auf Deine fragen nichts erwidre, als die Bitte, mir mit guter Art meinen Taufschein zu verschaffen, dessen ich zur Ausführung eines notwendigen Vorhabens bedarf.

Ich habe Babetten meinen Stand und Namen entdecken müssen, Du kannst mir also das verlangte nur unter meiner wahren Adresse hieher senden.

Der alte Kaplan ist mir ergeben, er wird reinen Mund halten, wenn Du den Schein unter dem Siegel der Verschwiegenheit von ihm forderst. Ich mag nicht an ihn schreiben, denn aus allerhand Anzeigen schliesse ich, dass mein Vater und meine Frau mir auf der Spur sind, und ein Brief von mir könnte leicht durch eine schadenfrohe Zufälligkeit ihnen bekannt werden.

VII. Babette an Hermann

* den 24. Oktober 1795

Ein unglückliches Mädchen, elender als Worte es zu nennen vermögen, beschwört Sie bei der Pflicht der Wahrheit, und Sie erinnernd an die letzte Stunde, welche alles uns vorhält, Gutes und Schlimmes, ihr zu sagen, ob ein Edelmann, namens von Müller, der auch Graf * heissen soll, bereits vermählt, und Vater eines Sohns sei?

VIII. Graf Heinrich an Hermann

* den 6. November 1795

Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens, welche Du mir überschicktest. Sie weiss alles, und wir mögen uns nur die Haare ausraufen, mit den Nägeln unser Antlitz zerfleischen, und dem Kitzel unsres Vaters, der warmen Stunde unsrer Mutter fluchen, welche ein Tier mehr: Mensch genannt, in die Marterkammer, Leben, trieben.

November sollte das ganze Jahr hindurch sein, so schwarz, stürmisch und regnerisch, wie dieser! Der Mai ist eine Lüge, und jeder Sonnenblick ist eine! Da sitzen wir nun; Babette in ihrer stube, die sie vor mir verschlossen hält, und ich in meiner, und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder, und zerstampft das Gras mit seinem Stocke. Unsinn der Welt, Chaos, weites, wüstes Narrenhaus! Die natur erbaut auf Gefühlen den ganzen grossen Tempel des Seins, und wenn wir ihnen folgen, lohnt sie uns mit Verzweiflung ab.

Ich will versuchen, Dir zu erzählen, wenn meine von Weinen geschwollnen Augen, meine zitternden Finger mir erlauben, den Brief zu Ende zu bringen.

Der Zustand Babettens war unzweideutig geworfliehn, dort mich mit ihr zu verbinden, und für meine deutschen Verhältnisse fortan tot zu sein. Was an diesem Vorsatze unerlaubt war, erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Sünde, das Mädchen meines Herzens dem Jammer preiszugeben.

Ich sprach mit ihr davon, arglos willigte sie in alles, schöpfte auch keinen Verdacht, als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte, liess meine Vorwände gelten. Den Taufschein erbat ich mir von Dir, damit kein Priester der Trauung Hindernisse in den Weg legen könnte.

Da muss mein böser Stern unsern Freund Miller in die Nähe des Neckars führen. Du weisst, wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte, wie mir seine übertriebne Empfindsamkeit zuwider war. Er hört durch Zufall von mir, und beim wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir. Ich empfange ihn kalt, verlegen, er macht