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wanderte ja auch in der eingebüssten Brieftasche mit dem Philhellenen gegen Hellas.

Man bestimmte Ort und Stunde, der Johanniter versprach auch, da im Städtchen keine Waffen zu bekommen waren, aus seinem Vorrate für diese zu sorgen.

Sie schieden voneinander in den Formen hergebrachter Artigkeit. Der Komödiant kam aus seinem Verstecke hervor, noch immer im Hemde, und sagte zum Freunde: "Ich verstehe mich auf den Wahnsinn aus so manchen Sachen her, aber diese Art der Tollheit ist mir fremd, dass der Liebhaber den Vater bei der Gurgel packt, wenn man eben die Einwilligung erteilt."

"Das geht mich alles nichts an, und ist mir ganz einerlei", versetzte der alte Ritter. "Ich habe mit Ehren gelebt und gedient, und auf meine Ehre, er soll einen Aderlass bekommen, dass es ihm nie wieder einfallen wird, einen Mann, wie ich bin, zu beleidigen."

Vierzehntes Kapitel

Mit der unbehaglichsten Empfindung kehrte Hermann nach dem wirtshaus zurück. Dort erfuhr er, dass die fürstlichen Personen frühmorgens abgefahren seien, und wohl nicht wiederkommen, sondern vom Falkensteine den näheren Weg, eine Stunde von der Stadt, nach ihrem schloss einschlagen würden. Auf ein hastiges Erkundigen, ob nicht nach ihm gefragt worden sei? wurde verneinend geantwortet. Jener schlotternde Hausknecht, der grade, um eine häusliche Verrichtung abzumachen, hinzugetreten war, und die Anfrage Hermanns vernommen hatte, sagte gähnend, es sei allerdings nach dem Herrn gefragt worden, aber von einem kauderwelschen Jungen, welcher bei ihm hinten im Stalle gewesen sei, und gemeint habe, der Herr nehme ihn in Dienst. Die Beschreibung des Anzugs passte auf Flämmchen. Sie hatte hinterlassen, dass sie vor Abend wieder nachfragen werde. Hermann gab den Befehl, sie, sobald sie sich zeige, in eine abgelegne kammer zu bringen.

Er musste nun erwarten, wie die Sache sich weiter entwickeln würde. "Nicht einmal nach mir fragen zu lassen, und sie sehen mich doch vielleicht nicht wieder!" rief er. "So sind die Vornehmen!" – Er zog wehmütig die Rolle hervor, welche ihm die Herzogin gegeben hatte, tat die Goldstücke aus dem feinen, roten, wohlriechenden Papiere, welches sie umschloss, wickelte den Schnitzel sorgfältig ein, und steckte die kleine Reliquie in ein Medaillon mit dem Bilde seiner verstorbnen Mutter, welches den Platz über dem Herzen des Sohns nie verliess.

Die Stunden sind launenhafte Dirnen. Sie führen bald einen Schwamm, bald einen Pinsel mit Farbe gefüllt, in der Hand. Mit jenem wischen sie so lange über unsre Freuden hinweg, bis diese erbleicht oder ganz verschwunden sind, mit dem Pinsel malen sie das Bild unsrer Leiden immer deutlicher und schärfer aus. Hermanns Stimmung wurde trüber und trüber, je länger er in der Gaststube sass. Der Wirt wollte ihm nun durchaus ein gutes Zimmer geben, er verbat es, er hätte zwischen den einsamen vier Wänden nicht ausdauern können. So blieb er denn an dem allgemeinen Versammlungsorte der Gäste, und sah dem Getreibe um sich her zu. Dieses Kommen und Gehen, dieses fragen, Bestellen und Abbestellen, dieses Durcheinander von gleichgültigen fragen und schläfrigen Antworten, wie man es in einer solchen stube bemerkt, war ihm recht das Bild unsres unter tausend Widersprüchen sich abhaspelnden Lebens, und er rief: "Am Ende kommt bei der Sache auch nichts weiter heraus, als dass man dem Wirte die Zeche bezahlt, dafür, dass er uns schlechtes Quartier, versalzne speisen, und ein hartes Folterlager gegeben hat!"

Langeweile und Ungeduld führten ihn auf die Strasse. Aus dem Fenster, aus welchem gestern die holde Fürstin geschaut hatte, sah heute ein neuer Gast, ein graues Männchen mit einem weissen hut auf dem kopf. Das Zimmer dünkte ihn enteiligt, er wendete seinen blick ab.

Der Graue rief den Wirt, welcher in der Tür stand, an, und fragte: "Wird der Bote nicht bald kommen?" – "Ich sehe mir die Augen nach ihm aus, Herr Kommerzienrat", versetzte der Wirt. "Das faule Zeug! ehe das im gang ist, kann man gestorben und wieder auferstanden sein."

Er wollte den Wirt nach dem Namen des Fremden fragen, als der trotzige Knabe, den er im Försterhause kennengelernt hatte, sichtbar wurde. Der Knabe kam eiligst die Strasse herab; er lief mehr, als er ging. Ohne von Hermann Notiz zu nehmen, wandte er sich an den Wirt, und erkundigte sich, ob er wohl auf der Stelle zwei Zimmer für seine kranke Mutter und seine Schwester haben könne? Ehe der Wirt Bescheid erteilte, rief der graue Mann aus dem Fenster: "Ferdinand!" Der Knabe sah empör, die Freude loderte über sein Gesicht, mit dem Rufe:

"Vater! Vater!" stürzte er in das Haus, die Treppe hinauf.

Der Wirt sagte: "Das ist der Kommerzienrat aus *tal, der sein Geld mit Scheffeln misst, und der junge Herr ist der Herr Sohn. Wie wird sich der Herr Vater freun!"

Welche neue Überraschung für Hermann! Der Graue war sein Oheim. Unwissend hatte er seiner Familie die Nacht über beigestanden, die liebliche Cornelie war sein Mühmchen! Er ging in das Haus, Vater und Sohn standen schon unten in der stube. "Lass anspannen, Ferdinand", sagte der Oheim, "und gib dem Wirte das für den Boten, den ich nun nicht mehr nötig habe."

Hermann