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Markstein meines Lebens gesetzt ist, und dass Dein Freund viel anders werden wird. Sah doch Petrus auch ein Tuch voll reiner und unreiner Tiere, und war eines so gut, als das andre. In dem Tuche sind wir nun auch aufbehalten, von einem Engel berührt und geheiligt.

O pfui, das ist Gewäsche, nichtssagendes Gewäsche! Kurz und trocken also referiere ich Dir, dass ich hier in einem Weinhügelwinkel am Neckar, hart an der Grenze von Schwaben sitze, und einem Mägdlein helfe Blumen pflanzen und junge Schoten lesen. Gott gebe der Seligkeit Bestand, lasse mich die übrige Welt vergessen und von ihr vergessen sein!

Sie ist die Tochter eines Landpredigers, der mich unter seinen Obstbäumen empfing, wie ein Patriarch des alten Bundes. Ich entdeckte das Kleinod auf einer meiner Streifereien den Fluss hinaufwärts. Auf ihren Wangen blüht die Unschuld, und süsse Unschuld blüht ihr im Herzen, und um sie weht guter Friede und aller holdseligen Dinge die Fülle. Nun habe ich doch einmal einen Busen, der ganz erfüllt ist von mir, und nichts fassen und halten will ausser mir.

Den ersten Mai habe ich diesen Brief begonnen, nun so erhalte ich Deinen vom zehnten Juli, der mich über mein Schweigen ausschilt, und da sehe ich mit Erschrecken nach, und finde meine paar Sätze, die ich diese Monate her auf das Papier gestrudelt, noch unabgesendet vor. So mögen sie Dir denn zukommen, als ein Beweis, dass es Deinem Freunde wohlgeht, denn, wenn man nicht schreibt, und nichts zu schreiben hat, so ist man glücklich.

Denke Dir eine Knospe, frisch und herb aus dem Grün der umhüllenden Blätter brechend, und die ganze Pracht der Blüte im jungen Rot andeutend, und Du hast das Bild von Babetten, weisst, wodurch sie mich so unwiderstehlich fesselt. Fern von städtischer Weichlichkeit ist sie aufgewachsen, kräftig unter den Nussbäumen und Weinranken. Ach, wie wohl tut es, nach so manchem Mischgebräu, was wir haben verschlucken müssen, unsern Gaumen einmal an dem kühlen, klaren Trunke der Quelle laben zu dürfen!

Ich lebe hier unter dem Namen eines Herrn von Müller, der Alte sieht unserm Umgange nach, ich bin mit ihr vom Morgen bis zum Abend, und der Tag ist um, ehe wir uns dessen versehen haben.

Deinen Namen muss sie mir hundertmal des Tages nennen, ich empfange ihn von ihren Lippen wie ein heiliges Geschenk des himmels. Unser ganzes Verhältnis habe ich ihr erzählt, sie liebt Dich, ohne Dich gesehen zu haben, und wenn sie mich küsst, so spricht sie: "Dieser da ist für Dich, und der für Deinen Freund, da Ihr ein Herz und eine Seele seid, so darfst Du nicht eifersüchtig werden." – Neulich sagte sie mir mit ihrer himmlischen Naivetät: "Du bist ein Edelmann und wirst mich armes Schwabenmädel nur verführen; wenn das ist, so möchte ich Deinen Freund am liebsten heiraten, bitte, rede mir beizeiten das Wort bei ihm!"

IV. Derselbe an Denselben

* den 4. September 1795

Was daraus werden soll? fragst Du, und hast den Arsenal der Pflichtenlehre geplündert, mich hier in meinem Versteck mit allerhand Tugendermahnungen zu beschiessen. Freund, wenn ich in ihren Armen ruhe, möchte ich die ganze Welt beglücken, ich bin so froh, wie Jupiter, wenn er von Liebe geschmeichelt. Regen und Sonnenschein den harrenden Geschlechtern der Menschen sendet. Ich könnte dann alles tun, opfern, hingeben, ein weinendes Auge zu trocknen, einer guten Seele eine freudige Minute zu schaffen. Ist das nun Laster?

Sind wir nicht schon unglücklich genug durch unsre Verhältnisse, ist dem wundgedrückten Sklaven auch das versagt, auf eine kurze Stunde die Kette zu lockern, die sein Fleisch schmerzlich presst?

Hat mich mein Geschick gefragt, ob ich dieses reizende Mädchen lieben wolle? Sind wir dafür verantwortlich, was ein geheimnisvoller Zug in uns ohne unser Zutun schafft? Da ich ihre Augen sah, musste ich in sie mit den Pfeilen meiner Blicke eindringen, da ihre Lippen mir winkten, wie konnten die meinigen widerstehen? Da an ihrem Busen die süsseste Ruhesen, mich nicht dort zu betten.

Ich wälze abenteuerliche Plane um. Meine Frau macht sich nichts aus mir, mein Vater hat mich nie geliebt, was bin ich ihnen also? Mein Dasein ist ihnen völlig unnütz, und ich bedarf wieder der Flittern des Standes nicht. Wenn ich mich mit der, die meine Seele liebt, verberge, weit, weit hinter grossen Strömen und undurchdringlichen Wildnissen, und löschte aus im Angedenken der Menschen, ausser in Deinem, in dem unterzugehen, für mich der moralische Tod wäre, härter als der physische.

V. Derselbe an Denselben

* den 8. September 1795

Dass mich meine Narrheit zwingt, alles Dir zu vertraun, obgleich ich weiss, dass Du schmälst; aber ich besitze und geniesse etwas nur, wenn ich es mit Dir teile. Ich merke es Deinen Briefen an, besonders dem letzten, dass Du mit mir zürnest, Du sprichst keine Vorwürfe mehr aus, aber alle Zeilen sind ein Vorwurf. Da wäre es nun an der Zeit, sich auch zurückzuziehn, bis der böse Freund dem andern seine Wonne mit gutem Herzen gönnte. Aber ich kann das nicht, zu meinem Glück oder Unglück ist mir die überströmende Seele gegeben, die nur in schrankenlosem Vertrauen, in unendlicher Hingebung sich befriedigt fühlt.

Ich lebe jetzt mit Babetten auf diesem alten