aber ich muss doch fort. Die schöne Frau, mit der Du mich oft zusammen sahst, bezeigte sich gefälliger gegen mich, als ich anfangs selbst erwarten durfte, das hat nun Folgen gehabt, und so weiter. Die Tränen des armen Weibes fallen wie glühende Tropfen auf meine Seele, aber kann ich ihr helfen? Was geschehen konnte, ist geschehen, und so muss denn dieses Kapitel meiner Lebensgeschichte vorderhand abgeschlossen sein.
Ich sehe Dich saure Mienen machen, und höre Dich über Freigeisterei schelten, alter treuer Moralist. Höre tig und eng, dass es eine Umkehrung aller gesetz der natur wäre, den Mann zum Sklaven einer einzigen Neigung machen zu wollen. Vielmehr hat sie, die ewigwahre, hier schon das richtige Verhältnis angedeutet, indem sie dem weib die Frucht gab, die ihr verbleibt, während der Mann von allen glücklichen Stunden nur ein bald erblassendes Andenken sich erhält. Bequemen wir uns, die wir Erde und Himmel mit unsrem geist umfassen, eine Zeitlang zu den Füssen einer Frau zu girren, so dächte ich, dass ihr das genügen könnte, und mehr begehren, heisst das Unmögliche verlangen.
Dass ich verheiratet bin, dass ein Junge von mir bereits das Abc lernt, was ist's nun weiter? Mein Vater wollte es gern, dass ich, fast noch Student, unterdukken sollte, weil er davon, was weiss ich? welche Mirakel der Besserung erwartete, und mir war es angenehm, dass ich, der ich in so vielem ihm hatte entgegen sein müssen, in diesem Punkte ihm einen Gefallen tun konnte. Hierauf traten wir vor den Altar, das kalte fräulein Celeste sagte Ja, der warme Graf Heinrich sagte Ja, ein bezahlter Pfaffe sagte Amen, und ich war ein Ehemann worden. Wir haben einen Sohn gezeugt, pflichtmässig, wie die Herrnhuter, und es müsste ganz verkehrt zugehn, wenn der Bube nicht ein Ausbund von Tugend und Ordnungsliebe wird, da bei seiner Erschaffung alles im regelrechtesten Gange verblieben ist.
Und damit sollte das Leben eines Menschen beschlossen sein? – Verdammt sollte er sein, den Feuerstrom seines inneren in rostigen Formen erstarren zu lassen? Du wirst mich davon nicht überreden. Du nicht, keiner wird es. Du denkst es auch nicht.
Um eines bitte ich Dich. Halte mich in dieser Materie für keinen Don Juan, der tierisch umherwütet. Immer ist mein Herz bei der Sache, nie wende ich Verführerkünste an, die ich hasse, wie den Abgrund der Hölle. Wir sind schwach, das ist das ganze Geheimnis. Das Himmelsfünkchen: Seele ist in einem Ballen Fleisch und Blut verpackt, haben wir das zu verantworten? Der Gott, welcher uns so hinfällig schuf, wird mit unsrer Hinfälligkeit Mitleid haben, wird von tönernen Gefässen nicht die Härte des Marmors erwarten.
Auch die Lolo habe ich wahrhaft geliebt, und der unglückliche Ausgang wird eine Narbe in mir zurücklassen, die gewiss so bald noch nicht verharscht.
bleibe Du mir nur, der Du mir bist, dann steht alles gut.
III. Derselbe an Denselben
Heidelberg, den 1. Mai 1795
O Hermann, wie grünt und blüht es hier! Diese Pracht ist nicht zu beschreiben, man muss in ihr mit allen Sinnen wühlen. Ich wohne dicht unter dem schloss. Nur wenige Schritte, und ich bin mitten unter dem Schnee der Mandelbäume, Kastanien und Apfelstämme. Siehst Du, wieviel besser die Erde auch hierin ist, als der Himmel! Er sendet ihr kalte Flocken zu, und sie wirft ihm von ihrer Brust die warmen duftenden entgegen. Obgleich kein Liebhaber von Werter, da ich aller Sentimentalität abhold bin, und glaube, dass das Vaterland Männer nötig habe, nicht solche schwärmende Siechlinge, so kann ich doch hier nur seine Worte nachsprechen: "Man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meere von Wohlgerüchen herumschweben, und alle seine Nahrung darin finden zu können."
Deinem Briefe lässt sich leider anmerken, dass Du in der freien Reichsstadt Bremen stark eingepfercht bist. Was soll nur das Geschwätz von Graf und Bürger, und dass die Verhältnisse doch einmal zerstörend zwischen uns treten würden? Wenn das geschieht, wenn in mir je eine Empfindung von den sogenannten möge mich der Donner des Allmächtigen im nämlichen Augenblicke vertilgen! Herzbruder, wir haben einer des andern Blut getrunken, unsre Seelen sind nicht mehr zwei, es sind saiten derselben Harfe, auf welcher die Akkorde des hohen Liedes von ewiger Freundschaft dröhnen.
Sässest Du nur hier bei mir unter den Mandeln, und der Baum bewürfe uns beide mit Blüten, da würden Dir schon die Grillen vergehn. Von Klopstock habe ich ein paar Zeilen, die mich ganz glücklich machen. Da sie Dich mit angehen, so sende ich sie Dir, und Du magst sie behalten, so schwer es mir fällt, mich von diesen teuren Schriftzügen zu trennen. Aber was teilte ich nicht gern mit Dir!
Zwei Worte Dir ins Ohr, aber sprich davon nicht weiter: Ich liebe! – Du lachst und rufst: Nichts Neues! – Sachte, Kind, Kind, das ist etwas ganz andres. Lange behilft sich der Laie mit den äussern Bildern des Altarschreins und meint, die Schönheit an ihnen zu besitzen, und nun werden die Flügel aufgetan, und da sieht er erst, welche Herrlichkeit sich auf Erden begeben kann.
Worte sind Worte, und Phrasen geben kein Gefühl von den Dingen. Also nichts dergleichen. Nur so viel sei Dir gesagt, dass hier ein