Cornelie, dass ich vor ihr niedersinke, sie im Staube verehre und anbete?" fragte Hermann leise. Wilhelmi führte ihn zu ihr.
Als sie die beiden eintreten sah, in deren Gesichtern der Himmel spielte, trat sie, erschreckt von der Ahnung eines überschwenglichen Glücks, einen Schritt zurück. Hermann fiel vor ihr nieder, umfasste ihre Füsse und küsste sie inbrünstig.
"Was soll das!" rief sie erstaunt. "Er ist hergestellt!" jauchzte Wilhelmi.
"Gott! Gott!" jubelte Cornelie mit brechender stimme.
"Hergestellt!" wiederholte Wilhelmi. "Durch dich, du heiliges Kind. Aus den Händen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen."
"Durch mich? Ich weiss ja von nichts", sagte Cornelie, und ihre Hand streichelte wie trunken das Haar des Geliebten.
"Nein, du weisst von nichts, musst auch von nichts wissen", erwiderte Wilhelmi. "Die ewige Gnade erwählte das reine Gefäss, und dieses vollbrachte in Einfalt und Liebe das Werk der Entsühnung." Und nun erst hält sich der Herausgeber befugt, die Papiere der Brieftasche einzuschalten. Aus ihnen wird erhellen, welche Last auf der Brust unsres Freundes drückte, aus welchen Nächten er zum Lichte wieder emporgeführt wurde.
Vierzehntes Kapitel
Inhalt der Brieftasche
I. Graf Heinrich an Hermann, den Vater
Hamburg, den 10. April 1795
Hermann, noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele nach! Als ich die Räder Deines Wagens rollen hörte, barg ich mein feuchtes Antlitz im Tuche, warf mich über den Tisch, und frass meinen Schmerz hinunter. – Nun bist Du fort, ich suche Dich überall, und umarme nur ein ödes Luftbild. Du fehlst mir überall; "das würde ich ihm sagen, diese Empfindung in seinen Busen ausschütten!" spreche ich hundertmal des Tages vor mich hin, ach, Du weisst es nicht, Du Kalter, welches Gefühl für Dich in diesen Adern siedet! Nur die Freundschaft konnte mein Herz ganz ausfüllen, ich zweifle, ob es die Liebe je wird vermögend sein. Ach, dass Du mir fehlst!
Hamburg und Bremen, und Bremen und Hamburg! wirst Du sagen. Fünfzehn Meilen, ist das eine Entfernung? Wie bald können wir wieder zueinander kommen! Und dennoch, wie fern liegt die Aussicht dazu! schen Jahren war das letzte Auflodern der Jugend, Dich werden Deine Verhältnisse, in denen Du schon so ziemlich eingesponnen bist, nach und nach immer mehr wie mit eisernen Zangen fassen, und ich muss ja nun auch wohl zu haus hocken, wenn ich meinen Vater nicht ganz aufbringen, und ihn dazu treiben will, dass er mich auf den Pflichtteil setzt.
Hier bleibe ich noch ein paar Wochen, um dem Meere nahe zu sein, welches mit wunderbarer Gewalt in mir Windstille und Sturmwogen schafft, und dieses eigensinnige, kranke Herz zum Genusse seiner selbst mächtig aufwühlt. Freilich, unter den Krämern wird mir nicht wohl. Gestern wollte mich einer auf ein Schiff mitnehmen, um mir eine Vorlesung über Befrachtung, Segel- und Steuermannskunde zu halten. Ach", versetzte ich, "lassen Sie das; mir wäre nötiger zu wissen, wie wir unsern Lebensnachen an Klippen und Untiefen vorbeibringen, welche Winde ihn weiterführen, vor welchen Strömungen wir ihn zu hüten haben!"
Hermann, unser Schwur, unser heiliger Schwur! Dass sich keiner dem andern in der höchsten Not seiner Seele versagen soll, und gälte es das Opfer des eignen Lebens und Glücks. Wir haben es uns gelobt, als wir das Blut unsrer Adern zusammen in die silberne Schale rinnen liessen, und die Flut dann mischten zu dem Weine, den wir genossen, als Kelch eines weltlichen Abendmahls. So schliessen die Wilden ihre Todesbrüderschaften, und wir haben's ihnen nachgemacht, und wollen immerhin gar gern ausserhalb der sogenannten Kultur mit unsern Gefühlen stehen. Wie dürste ich, meinen Eid durch eine Tat für Dich auszulösen!
Ich habe Klopstock besucht, der sich ganz verjüngte, als ich ihm von unsrer Freundschaft erzählte. So meinte er, habe er nur seinen Schmidt, seinen Ebert, seinen Giseke geliebt, und sei diese Liebe, wie er geglaubt, aus der Welt verschwunden gewesen. Er sprach viel von seiner Jugend, von Halberstadt und Gleim, von Fanny und Meta, und sagte, er könne sich in die jetzige Welt nicht mehr recht finden. Die jungen Meister wähnten, die Kunst treiben zu können, während sie, die Alten, von der Kunst getrieben worden wären. Ich bat um seinen Segen, den er mir auch als Hoherpriester in Tuiskons Heiligtume feierlichgerührt erteilte. Dieser schönen Stunde Anteil fliege Dir, mein Geliebter, auf den Schwingen Idunens zu! Sei mein, wie ich bin
Dein ewiger H.
II. Derselbe an Denselben
Hamburg, den 15. April 1795
Hermann, ich reise. Der Frühling will vor den Seestürmen, die von Cuxhaven herüberwehn, nicht zum Durchbruch kommen, ich gehe also, ihn an seiner Wiege, im Süden aufzusuchen. In Schwaben oder in der Pfalz will ich mich unter Mandelbäume und Kastanien lagern, alte Burgen erklimmen und mich in schönere zeiten träumen. Und wenn ich erwache und sehe, dass das Geschlecht der Edleren von der Erde verschwunden ist, so soll mir die jüngste Blüte die ganze Weltgeschichte ersetzen. Zudem sei Dir vertraut, dass ich von hier fort muss. "Kein Mensch muss müssen", sagt Lessing,