1838_Immermann_044_226.txt

abenteuerlichen Nacht auf Flämmchens Landhause, deren Rest er mit Johannen zugebracht zu haben meinte.

Wilhelmi wechselte die Farbe bei der Lesung. "Schauderst du schon jetzt?" sagte Hermann. "Lies erst diese Papiere. Ich habe mir den Rock von der Predigersfrau wiedergeben lassen, und die Brieftasche aus dem Futter genommen. Hier ist der Schlüssel dazu."

Jener öffnete, und durchlief die Papiere, welche das Portefeuille entielt. "Barmherziger Gott!" rief er, und liess einen der Briefe vor Schrecken fallen, "und dieses Bewusstsein hast du mit dir umherschleppen müssen, o du Armer, du Ärmster!"

"Ja", versetzte Hermann. "Nun begreifst du wohl, dass einem dabei übler zumute werden kann, als ihr übrigen Menschen euch vorzustellen vermögt. Aber den Ring, den mir die Wilde, in deren Schosse ich schwelgte, geraubt, sendet mir nicht Johanna, sondern das Flämmchen durch Cornelien, welche die Wahrheit ist und ein herabgestiegner Engel des Lichts. Es haben also, wie ich vermute, die Mächte des himmels nicht zulassen wollen, dass greuliche Fabeln des Altertums auf meinem jüngsten haupt wirklich werden sollten."

Jemand kam und sagte: "Die Alte ist erwacht, nimmt Speise und Trank, wollen Sie nicht mit ihr reden?"

"Komm!" rief Wilhelmi begeistert. "Aus diesem verruchten mund wird uns, die Ahnung sagt es mir, die volle klarheit quellen."

Er nahm ihn mit zu dem Gemache, worin die Alte lag, doch musste Hermann auf dem Gange vor der tür bleiben, welche halb offengelassen wurde.

"Ach!" rief die Alte und richtete sich von ihrem Lager empor, "sind Sie der Hausherr, so tun Sie mir nichts zuleide, das Flämmchen ist, wie ich höre, gestorben, damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan, ich bilde mir nicht mehr ein, mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben, oder vom grab etwas Besondres zu wissen, bin nur noch ein altes, müdes Bettelweib. Bringen Sie mich in einem Spitale oder sonstwo unter, und lassen Sie mir notdürftige Kost reichen, ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Böses tun."

"Alles soll dir vergeben sein, und wir werden für dich sorgen, wie du wünschest", sagte Wilhelmi, "wenn du mir auf meine fragen die Wahrheit bekennst."

"Was Sie wollen!" rief die Alte und legte bekräftigend ihre Hand auf die Brust.

"Nun denn, was ist in der Nacht, worin der Ball bei Flämmchen war, vorgefallen?"

"O Elend! Elend! Muss ich darüber beichten? – Und gerade die Niederkunft war es, welche mein zartes, heftiges Kind so angriff, dass sie seitdem den Keim des Todes in sich trug. Freilich taten die Not und der Mangel, in dem wir umherziehn mussten, als uns die harterzigen Verwandten aus dem haus gestossen hatten, auch das ihrige. Wir besassen zuletzt nur noch die Fetzen, welche unsre Blösse verhüllten, alles andre mussten wir auf unsern Wandrungen losschlagen, um den Bissen für unsern Mund zu haben. Aber den eigentlichen Stoss hatte ihr leichter, feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen, und ich war die Anstifterin von allem und habe mein Kind schlachten helfen!"

Sie krümmte sich, von der furchtbarsten Pein gefasst, konvulsivisch auf dem Lager. Wilhelmi liess diesen Anstoss vorübergehn, und redete ihr dann zu, sich durch ein offnes Geständnis zu erleichtern.

"Ja so, von der Nacht wollen Sie wissen. Nun, ich bin in Ihrer Hand. Der Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt, und das Flämmchen in den Herrn. Sie lachte, schäkerte und tanzte, aber ich wusste wohl, dass es nur ihr blutendes Herz war, welches in diesen Scherzen abstarb. Ich war ergrimmt auf den Herrn, und ein Kind brauchten wir, um die Erbschaft uns zu erhalten, die, wehe mir Unglückseligen! doch nachmals verlorenging, da das Flämmchen zu spät guter Hoffnung ward. In jener Nacht ging alles über- und untereinander. Der Ball und der Wein, den ich genossen, und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz verrückt gemacht, so dass ich einen Plan ausbrütete, verwunderlich wie die Nacht. Der Zufall half denn auch. Die fremde Dame wollte der Ruhe geniessen und bat um ein andres Zimmer, was entfernter vom Tanzsale läge, worin die Musik noch immer fortlärmte. Als das besorgt und sie umquartiert war, kam mir der alberne Kurator in den Weg, und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf, die Dame verlange noch nach dem Herrn. Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet. Unterdessen wartete das Flämmchen, welches ganz in meinen Stricken und Fesseln gebunden war, zitternd vor Angst, Scham und sehnsucht schon an der Stelle der Dame. Er kam zum Flämmchen, nicht zu der Dame; Rausch und Lust haben die Sache vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen."

Ein tiefer Atemzug, ein Ruf der Wonne liess sich draussen vernehmen. Wilhelmi eilte vor die tür und fand seinen Freund auf den Knien liegen, die arme betend emporgehoben, die von den seligsten Tränen überströmenden Augen gegen Himmel gerichtet. Bewegt von der freudigsten Rührung beugte sich der alte Getreue nieder, und drückte schweigend einen Kuss auf Hermanns Stirn. Dann riss er ihn stürmisch an sein Herz, und die Zähren der Freunde mischten sich.

"Wo ist