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gefasst", versetzte der Prediger. "Es sollte mich nicht wundern, wenn hier in unsrer friedlichen Gegend plötzlich ein Vulkan den feurigen Schlund auftäte, oder ein Erdbeben unsre Häuser in ihren Grundfesten erschütterte, so wilde begebenheiten haben einander gedrängt und überstürzt."

"Grosse Besitzungen ohne Herrn, ein guter, zu allen Freuden des Daseins berechtigter Mensch in Nacht und Kindheit des Geistes gestürzt!" rief Wilhelmi. "Verborgne Schuld abgelaufner zeiten grausam an das Tageslicht gerissen, und keine Sonne der Hoffnung aufgehend über den Gräbern des Herzogs, des Oheims, der Tante, Ferdinands, Flämmchens! Wir sehen gleichsam in einer Gruppe und abgekürzten Figur um uns her das ganze trostlose Chaos der Gegenwart."

"Wäre in unsrer Brust nicht der Glaube an ein Gleichgewicht der Dinge unvertilglich, so müsste uns das Leben wie ein gewisses Spiel vorkommen, welches die Schulknaben zu treiben pflegen", erwiderte der Prediger. "Sie schreiben auf die erste Seite ihrer Grammatik: 'Wer meinen Namen wissen will, schlage Pagina da und da auf.' Dort wird wieder nach einer andern Seite hinverwiesen, und so weiter. Endlich, wenn der Suchende sich nach und nach durch das ganze Buch vor und zurück hindurchgearbeitet hat, bleibt der Name mit einem albernen Scherze aus."

Dreizehntes Kapitel

Beide Männer machten häufige Spaziergänge in der Gegend, um die trüben Gedanken, von denen jeder bedrängt war, zu verscheuchen. Wilhelmi hätte wohl reisen können und sollen, denn seine Frau ermahnte ihn in rasch einander folgenden Briefen zur Heimkehr, aber das anhängliche Gemüt des sonderbaren Manns litt nicht, dass er gerade jetzt das Kloster verliess. Er wollte wenigstens warten, bis Hermann aus seiner selbstgewählten Einsamkeit hervorginge, und dann, wenn der Unglückliche derselbe geblieben war, mit weinenden Augen von dem verlornen Freunde scheiden.

Auf diesen Gängen kamen sie auch einmal in die

Nähe des Hünenborns, und der Prediger, welcher seinem Begleiter von dem dort befindlichen Naturspiele erzählt hatte, musste sich dazu verstehn, ihm auf die Höhe zu folgen. Wilhelmi nahm vorsichtig den Stein von der kleinen Kindesgruft, schüttelte aber, da er hineingeblickt hatte, unmutig das Haupt, denn er sah nur ein gewöhnliches Skelett und einige unscheinbare Tropfsteingebilde umher. "Ich bin durch Ihre Erzählung so neugierig gemacht worden", rief er, "und nun werde ich nichts gewahr, was nur von fern dem mir so sehr gerühmten Wunder ähnlich sieht."

"Die Feuchtigkeit wird vertrocknet sein, deren Tropfen in allen Farben des Regenbogens geglänzt haben mögen, wenn die Sonne ihre Strahlen in die Höhlung warf", antwortete der Prediger. "Über uns spannt sich heute ein trüber Himmel aus, der nichts beleuchten kann. Tag und Stunde machen viel, und eigentlich ist dieses um so mehr ein Wunder zu nennen, wenn die Schönheit nur einmal und nur einem sichtbar wird."

Wilhelmi deckte verdriesslich den Stein über, und war auf dem Rückwege ziemlich schweigsam, so dass der Prediger, der kein stummes Zusammensein ertragen mochte, mehr redete, als gewöhnlich. "Erinnre ich mich des Entzückens meines verewigten, keinesweges zur Schwärmerei geneigten Freundes, so werde ich mir mancher Gedanken noch bewusster, die mich auch sonst wohl bei dem Hinblicke auf die sogenannte leblose natur verfolgt haben. Sie stellt gleichsam in sich ein zweites Evangelium auf, welches neben dem geoffenbarten freundlich hergeht, und sich von diesem nur dadurch unterscheidet, dass in ihm alles sichtbar und äusserlich wird, während in jenem die Entfaltung des göttlichen Lebens, soll sie nicht auf kindische Täuschung oder katolisierende Bilderei hinauslaufen, nur innerlich und unsichtbar geschieht. Auf solche Weise mag die natur uns die wahre Ergänzung der Offenbarung darbieten sollen; mir wenigstens hat sie in dieser Art oft Trost für mein Bedürfnis gegeben. In dem Schauspiele, welches der Oheim mir schilderte, sprach sie gleichsam das Geheimnis der Erlösung aus. Wie diese nicht dem Gerechten, sondern dem Gnadenbedürftigen zuteil wird, so hatte sie jenes, aller Wahrscheinlichkeit nach in grosser Sünde empfangne Kind erwählt, um es mit himmlischer Pracht im tod zu verklären."

"Das sind Meinungen, welche das Konsistorium doch ja nicht hören darf", sagte Wilhelmi.

"Die Zeit der Konsistorien ist wohl auch vorbei", versetzte der Prediger. "Ich glaube, dass die Herrn, wenn sie versammelt sind, das Gefühl der Auguren haben, und sich grosse Mühe geben müssen, einander mit ernstaften Gesichtern gegenüberzusitzen."

Man hatte unter diesen Gesprächen das Kloster erreicht, und der Prediger trennte sich an der Pforte von Wilhelmi. Dieser ging, über die Reden des Geistlichen nachdenkend, in sein Zimmer, wo eine Überraschung auf ihn wartete, die ihn für das vermisste Wunder reichlich entschädigte. Am Fenster stand Hermann mit frischen, gesunden Wangen, hellen Augen und rief dem Eintretenden entgegen: "Wo bleibst du so lange? Ich habe dich viel zu fragen, du sollst mir auf vieles Antwort geben."

Zweifelnd, zwischen Furcht und Freude, nahte sich ihm Wilhelmi, und betrachtete prüfend den Verwandelten. "Was ist mit dir vorgegangen? Du siehst anders aus, als ehedem", sagte er endlich.

"Ich glaube, es wird noch alles gut", erwiderte Hermann mit dem alten zuversichtlichen Tone seiner Jugend. "Lies, was ich in diesen Tagen aufschreiben musste, um mir meine geschichte deutlich zu machen."

Er reichte ihm die Blätter, an welchen ihn Wilhelmi im verschlossnen Zimmer so emsig hatte schreiben sehen. Sie entielten die Erzählung jener