Beschreiben lässt sich der Zustand nicht, schweigen wir davon! Mir wird schwindlicht, wenn ich da hineinblicke."
"Du musst sonderbare Schicksale erlebt haben", sagte Cornelie. – Sie erschrak, und rief: "Mein Gott, wie konnte ich das vergessen? Draussen auf der Wiese liegt ja ..."
"Was liegt draussen auf der Wiese?" fragte Hermann.
"Nichts", versetzte sie, innehaltend, weil sie befürchtete, ihn mit der Erzählung aufzuregen. "Aber eine Bekannte traf ich von dir heute; sie gab mir den Ring für dich."
Sie reichte ihm den Ring. Hermann sah ihn an, stutzte, hielt ihn gegen das Licht, rieb sich die Stirn, ging sinnend im Zimmer auf und nieder, und fragte dann, wie in einem wachen Traume: "Wer, sagst du, hat dir den Ring gegeben?"
"Ein junges, krankes Frauenzimmer. Ihre alte Begleiterin nannte sie Flämmchen. Sie sagte, sie habe ihn einst von dir bekommen."
"Wie?" fragte er, in einen Abgrund von Gedanken versenkt. Er nahm ein Licht, und ging auf sein Zimmer, den Ring immer vor sich hinhaltend, und der wirklichen Welt, so schien es, entrückt.
Zwölftes Kapitel
Geräusch, fröhliches Rufen, Leuchten und fackeln verkündigten das Nahen der zurückkehrenden Hausgenossen. Cornelie trat ihnen im Flur entgegen, und wurde von allen auf das herzlichste bewillkommt. Der Prediger schloss sie in seine arme, Wilhelmi nahte sich ihr schüchtern und bat sie um Vergebung. Sie gelobten ihr, dass ihr künftiges Schicksal nur von ihr abhangen solle.
Alle waren nass und der Erquickung bedürftig. Man versammelte sich, nachdem die feuchten Röcke, Westen und Fussbekleidungen mit trocknen vertauscht worden waren, im grossen Zimmer, wo denn bei einer guten Mahlzeit und einem Glase Punsch die Besorgnisse des Tages und die Mühseligkeiten des Abends vergessen wurden.
Cornelie nahm, sobald es sich tun liess, den Prediger beiseite, und erzählte ihm von dem Finden der Alten und ihrer sterbenden Tochter. Dieser teilte die Sache Wilhelmi mit, und sie entschlossen sich, am folgenden Morgen nach der Wiese zu gehen, welche Cornelie ihnen beschrieben hatte.
Auch von dem Ringe, und welchen Eindruck derselbe auf Hermann gemacht, war ihnen etwas gesagt worden. Wilhelmi klopfte daher, als die übrigen sich zur Ruhe begeben hatten, an Hermanns Zimmer, worin noch Licht zu sehen war, und wollte öffnen, fand aber die tür von innen verriegelt, und bekam auf sein Rufen keine Antwort.
Den Prediger hielten am folgenden Tage Amtsgeschäfte zurück; Wilhelmi machte sich daher, nur von einigen Arbeitsleuten begleitet, auf den Weg nach der Wiese. Dort hatten sie einen Anblick, welcher sie in Erstaunen setzte. Die Alte sass noch, wie Cornelie sie ihm geschildert hatte, ohne Regung, mit aufgezognen Knien, das Haupt im Schosse und in den umfassenden Armen; ein Bild des versteinernden Schmerzes, und neben ihr lag der schöne, blasse Leichnam, vom Regen und Winde tief in wilde Blumen hineingewühlt, welche ihre bunten Glocken über dem erstarrten Antlitze wie leidtragend hin und her wiegten. Wilhelmi erkannte die Züge des Knaben, der ihm auf dem schloss lieb gewesen war, wieder, und fühlte sich ohne Faden in diesem Labyrinte rätselhafter Begegnungen.
Er wollte die Alte erwecken lassen, diese fiel aber bei der ersten Berührung zusammen. Sie war nicht tot, denn ihr Atem ging, wenn auch kaum hörbar, aber in einem bewusstlosen, schlafartigen Zustande.
Ein rüstiger Arbeiter musste sich mit ihr beladen und sie nach dem Kloster tragen; den andern gab Wilhelmi die nötige Anweisung, wie der Leichnam zu bestatten sei. Überwältigt von so vielen ausserordentlichen Dingen, befahl er, dass ganz nach den Worten der Alten hiebei verfahren werden solle, die ihm Cornelie hinterbracht hatte. Schweigend machten die Männer eine tiefe Gruft auf der Wiese, schweigend senkten sie den zarten Leichnam, um den nur ein feines Musselintuch geschlagen ward, ein.
So wurde das wilde, ausgelassne, unglückliche Flämmchen unter Gräsern und Blumen zur Ruhe gebracht. Zwischen ihr und der Erde bildeten keine Sargwände eine Scheidung. Nicht unpassend erschien diese Art des Begräbnisses. Den Elementen hatte sie im Leben näher angehört, als der menschlich-geselligen Ordnung, den Elementen wurde sie nun im tod zu unmittelbarer Gemeinschaft zurückgegeben.
Die Alte hatte man in ein bequemes Bette gelegt. Ihr Starrkrampf, Schlaf, oder was es sonst war, dauerte fort. Der herbeigerufne Hausarzt erklärte, man müsse die natur walten lassen, welche die inneren Organe wohl wieder so weit beleben könne, um an die Stelle dieses Scheintodes ein wirkliches Bewusstsein zu setzen.
Wilhelmi, Cornelie, der Prediger, ja selbst die kalten Geschäftsmänner wandelten umher, halbkrank, von schwärmenden Einbildungen erfüllt. Denn auch Hermann war für sie unsichtbar geworden. Seit jenem Abende hatte er den Verschluss seines Zimmers noch nicht aufgehoben, nur die notwendigsten speisen liess er sich einmal des Tages hineinreichen, und schob dann sogleich wieder den Riegel vor. Wilhelmi beobachtete ihn vom Fenster eines gegenüberliegenden Hauses, und sah, dass er unaufhörlich den Ring anstarrte, dann emsig schrieb, und von dieser Beschäftigung nur wieder zu jener Gebärde überging.
"Was wird aus allem diesem werden?" sagte Wilhelmi eines Tages zum Prediger, mit dem er viel zusammen war. "Wo liegen die Knoten, durch deren Lösung ein verworrnes Gewebe zu ordnen sein möchte?"
"Ich bin auf alles