einem Baume, einem Steine, oder einer Erdhöhle zum Schutze gegen die grimmigsten Launen des Wetters. Unaufhaltsam und unwillkürlich quoll in ihrer Seele eine geschichte nach der andern empor, die sie gelesen, von Menschen, die aus den übelsten Lagen gerettet worden waren. Diese Bilder des Trostes umgaben sie mit einer Fülle erquickender Sicherheit.
Auf einmal hörte sie in der Ferne Tritte und eine stimme, die etwas rief, was wie ihr Name klang. Entzückt sprang sie von dem harten nassen Lager, welches sie bereits erwählt hatte, und antwortete. Der Ruf und Menschentritt kam näher, eine Gestalt arbeitete sich über Sturzacker und durch Dorngebüsch. Mit den Worten: "Bist du hier, Cornelie?" fasste Hermann ihre Hand.
"Du, du findest mich?" war alles, was sie vorbringen konnte. "Die andern suchen dich auf den Wegen, welche du sonst zu gehen pflegst", sagte er. "Ich meinte aber, dass, wenn du da wärst, du dich wohl selbst heimgefunden haben würdest, und schlug mich lieber hieher in die Wüstenei."
Der Regen hörte auf, hinter einer Wolke trat der Mond hervor, und beleuchtete den Ort, wo sie standen. Im Augenblicke der äussersten Gefahr war ihr die hülfe geworden. dicht neben einem verlassnen, tiefen, mit wasser ausgefüllten Steinbruche hatte sie ihre Rast genommen, ein Schritt, ja nur eine Bewegung würde sie hinabgestürzt und ihrem Leben ein Ende gemacht haben.
"Du bist mein Retter!" rief sie mit einer Empfindung, welche alles ausgestandne Leid vergütete. "Komm nur, arme Cornelie", sagte er, "du bist ja ganz nass, und wir haben eine gute Stunde nach dem Kloster." Sie hing an seinem arme, zuweilen musste er sie auch tragen, wo angeschwollne Bäche den Weg durchschnitten. Ein stilles Entzücken rieselte durch ihre Adern, sie verspürte nichts von Feuchtigkeit und Frost.
Nach angestrengter Wandrung öffnete sich ihren Blicken das Tal, und die Lichter des Dorfs schimmerten ihnen entgegen. Im Kloster war alles dunkel. Sie tasteten sich nach dem gemeinschaftlichen Familienzimmer, wo Hermann seine Gefundne, die vor Mattigkeit kaum noch stehen konnte, sanft auf das Sofa legte.
Eilftes Kapitel
Niemand war in dem weitläuftigen Gebäude zurückgeblieben; alle suchten noch auf verschiednen Orten und Flecken Cornelien. Hermann zündete Licht an, eilte nach ihrem Zimmer, holte Kleider und Wäsche, ging dann in die Küche, entflammte dort ein mächtiges Feuer, und bereitete ein stärkendes Getränk aus Wein und wärmenden Gewürzen.
Erst nachdem er Cornelien umgekleidet und durch eine Tasse Glühwein erfrischt sah, dachte er an sich, und wechselte auch seinen triefenden Anzug. Corneliens Jugend und Gesundheit überwand solche Anstrengungen leicht. Sie versicherte Hermann, als er nach kurzer Weile in trocknen Kleidern erschien, dass ihr vollkommen wohl sei, und bat ihn, nun auch für sich zu sorgen. Sein Antlitz, von Mühe, Luft und Regen erhitzt, kam ihr gesundet vor, sie schlürfte schmerzlich-froh die süsse Täuschung ein.
Er zog den Tisch mit dem Getränke vor das Sofa, und setzte sich zu ihr. Einige Kerzen, welche sie angezündet hatte, verbreiteten durch den Raum ein liebliches Licht. Sie musste ihm einschenken und bemerkte, dass er ihre Hand, wenn sie ihm die Tasse reichte, scheu und flüchtig, als solle es nur Zufall sein, berührte.
Draussen kam jemand zur Haustüre herein, öffnete das Zimmer, und rief: "Gottlob, da sind Sie ja!" Es war einer der Ausgeschickten, der nach lange fortgesetzter Mühe verzweifelt war, seinen Zweck zu erreichen.
"Geht, guter Mann", rief Cornelie, "versucht, die andern, welche sich um mich bemühn, zu finden, und sagt ihnen, dass ich hier geborgen sei!"
"Nun wird bald das Getöse entstehn", sagte Hermann, "und ich wäre so gern mit dir noch allein geblieben." Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn liebevoll an. "Ich will dir wohl etwas entdecken", fuhr er fort. "Seit ich erfuhr, dass du bei mir bleiben wolltest, und darum so viele Drangsale von den andern ausstehn musstest, ist es mir, als werde ich vielleicht einmal wieder lachen oder weinen können. Vermutlich irre ich mich darin, aber eine Veränderung spüre ich an mir, denn es ist auch wahrhaftig keine Kleinigkeit, dass ein so liebes schönes Mädchen es mit einem armen dummen Menschen, der zu nichts mehr nütze ist, aushalten will. Was hast du davon?"
Ihre arme umschlangen seinen Nacken, er legte sich wie ein Kind an ihren Hals. "Wenn du recht offen gegen mich wärst, mein Hermann", flüsterte sie, "vielleicht könnte dir geholfen werden."
"Das ist nicht möglich", seufzte er, "mir steht nicht zu helfen. Kannst du aus Sünde Tugend, aus Ekel Lieblichkeit, aus Unrat Gold und Perlen machen? Nein, nein, ich bin ein ganz zerstörtes, um und um gekehrtes Bild, da ist auch kein Zug mehr ohne Schrammen, Brandmale und Flecken. Toll bin ich nicht, habe meinen Verstand und ach! ein nur zu gutes Gedächtnis. Aber wenn ich denke, das möchte ich wohl, oder jenes, oder den würde ich liebhaben können und den hassen, so liegt immer etwas dazwischen, worüber ich nicht hinwegkann, was mich in die Kälte und in das Nichts absperrt.