Ein dünnes und spärliches Gewand bedeckte die entkräfteten Glieder, auch der Anzug der braunen Alten zeugte von grosser Dürftigkeit.
"Wir bekommen hülfe, mein armes Kind", sagte diese zu der Kranken, "siehe da, es bewegt sich durch das Gebüsch eine liebe, schöne Jungfrau her, welche uns beistehn wird."
Die Kranke öffnete die Augen und warf einen geisterhaftscharfen blick auf Cornelien, wie er den Schwindsüchtigen eigen zu sein pflegt, wenn ihre Leiden sich dem Ende nahn. Cornelie hatte bei diesem Anblicke vergessen, was sie selbst bedrückte, trat mitleidig näher, und sagte: "Steht auf, ihr armen Weiber, und folgt mir; ganz in der Nähe sind Menschenwohnungen."
Die Junge machte eine ablehnende Bewegung, und die Alte rief: "Nein, nicht zu Menschen will mein Kind, zu dem Kleinen will sie, welches oben am Hünenborn schlummert; weisst du den Weg dahin, schöne Jungfrau, so hilf mir die Schwache stützen und führen."
Cornelie wandte ein, dass die Kräfte der Kranken nicht hinreichen würden, den beschwerlichen gang bergauf zu machen, diese aber richtete sich empor, sah ihr durchdringend in die Augen und flüsterte kaum hörbar, aber mit melodischem Tonfall in der stimme: "Ja, führet mich zum kleinen grab, es liegt geschützt vom Mauerstein; der Mutter winkt im Schlaf der Knabe, sie soll nun immer bei ihm sein!"
Sie schlugen den Pfad quer durch den Wald ein. Cornelie kannte die Anhöhen recht wohl, zwischen denen der Hünenborn lag, und nahm mit genauer Aufmerksamkeit auf jedes Wegzeichen die Richtung dortin. Während dieser Wanderung, welche wegen der Schwäche, womit die Kranke bei jedem Schritte zu kämpfen hatte, langsam vonstatten ging, fragte die Alte Cornelien leise über die Schulter der Jungen hinweg: "Ist es wahr, was die Leute mir sagten, dass einer, namens Hermann, jetzt hier wohnt?"
Cornelie versetzte unbefangen, laut: "Allerdings, Hermann wohnt in dem Kloster, eine halbe Stunde von hier."
Bei diesen Worten zuckte die Kranke, und ihre Brust flog in heftigen Schlägen. Sie brachten sie kaum noch tausend Schritte weit, auf eine hochgelegne Wiese, als sie vor Ermattung umsank. "Sie stirbt!" schrie die Alte mit herzzerschneidendem Tone. "Es ist am Ende!" sang Flämmchen, denn warum sollen wir verschweigen, dass sie es war? "Die Sonne geht zur stillen Rast, und Nacht empfängt den müden Gast ... Es ist am Ende ..."
Ausgestreckt lag sie am Boden, die Alte vergass vor unbändigem Kummer sogar, die Leidende zu unterstützen. Flämmchen richtete sich mit Anstrengung empor, streifte einen goldnen Ring vom Finger und sang: "Gib ihm den Ring! zum Angedenken nahm ich ihn jener süssen Stunde, als unterging mein Sinn und Denken, im holden lasterhaften Bunde! Er ward getäuscht, verführt, betrogen, ich aber schmeckt' ein einzig Glück ... und unsrer Leiber sanft Verschränken ..."
Sie sank, ihre Augen verwandelten sich, die Atemzüge wurden langsamer, bald stand der Hauch still. Über ihr Antlitz hatte sich eine kindliche, schwärmende Freundlichkeit gebreitet, sie sah schön aus.
Die Alte rührte die erkaltenden Lippen an, warf sich nieder, raufte eine Hand voll Gras und Blumen aus dem Boden und sprach: "Sie ist tot. Diese Halme und bunten Kelche erhebe ich zum Zeichen, dass ich sie aus meiner Hand der Erde und den vier Winden zurückgebe, aus welchen alles Menschengebilde entsteht. Fluch soll mich treffen, wenn ein Priester ihr nahe kommt, oder ein Kirchhof den schönen Leib aufnimmt, oder ein Sarg und Leichtuch sie von dem kühlen guten Rasengrunde scheidet! Auf dieser frischen, blühenden Wiese sei ihr Grab gehöhlt von meinen Händen, und da die Augen der Mutter von Mangel und Elend trocken sind, so beweinet ihr sie, ihr Oberen, Fremden, Unbekannten, denn nicht unbetrauert soll mein Kind von dannen gehen!"
Der Himmel hatte sich verfinstert, und eine tröpfelnde Wolke erfüllte den Wunsch der Alten. Diese setzte sich, in ihr Kopftuch eingehüllt, zu der Toten, die Knie zum haupt emporgezogen, das Haupt in den aufgeschlagenen Armen und im Schosse verborgen, nun ganz einer erstarrenden Niobe ähnlich. Cornelie sprach ihr zu, da jene aber schweigend sitzen blieb, so entfernte sie sich in Verlegenheit, Angst, Schrecken über diese abermaligen unerwarteten Vorfälle.
Ein heftiger Wind hatte sich erhoben, der Regen strömte stärker nieder und machte die Gegend ihr unkenntlich. Sie wollte nach einem Bauernhause, dessen Lage ihr ungefähr bekannt war, gehen, um die Bewohner zur Hülfeleistung bei der Alten zu vermögen, nahm jedoch bald wahr, dass sie, vom Wege abgekommen, zwischen Strauchwerk, Äckern und Angern umherirrte. Vergeblich suchte sie, wandernd und zurückwandernd, eine gebahnte Strasse zu entdecken. Zuweilen stand sie still, um sich zu besinnen, oder ein Geräusch zu vernehmen, welches ihr die Nähe des Dorfs anzeigen möchte, umsonst! nur der Regen rauschte hernieder, nur der Sturm pfiff über die grauen Felder.
Sie betete still, dass keine Verzweiflung sie überkommen möge. Wirklich behielt sie ihre Ruhe, obgleich es dunkel geworden war, die Nässe ihre Kleider längst durchdrungen hatte, und wiewohl sie vor Erschöpfung kaum noch gehen konnte. bereit, die Nacht über draussen, in der wüsten Gegend, unter den herabströmenden Fluten zuzubringen, suchte sie nur noch nach