neuen Dinge, welche ich da sehen würde. Den Abschied von Hermann hatte ich bis zuletzt aufgeschoben. Nun aber konnte ich doch ohne den nicht von ihm gehen, da ich allen Leuten im haus Lebewohl gesagt hatte. Als ich zu ihm trat, und er mir still glückliche Reise wünschte, seine Hand den Druck der meinigen nicht erwiderte, da war es mir auf einmal, als ob eine Decke von meinen Augen hinweggetan würde. Ist es Ihnen nicht auch begegnet, dass Sie, in träumerischer Vergessenheit vom Wege abgekommen, plötzlich bei dem Anblicke eines Baums, eines Felsens stutzen mussten, und Ihren Irrtum einsahen. Und sollen denn solche Male nur immer unsrem geist, unsrem Herzen fehlen?"
"Dies ist in der Tat die ausserordentlichste leidenschaft, welche ich jemals gesehen habe!" fuhr Wilhelmi heraus. "Dem Gesunden versagten Sie sich, als ein gewährendes Wort ihn vielleicht gerettet, vor den Verwicklungen bewahrt haben würde, die seinen Zustand herbeigeführt haben mögen. Nun wollen Sie dem Kranken erstatten, was dieser nicht entbehrt, denn Sie sind ihm so gleichgültig, wie wir andern alle. Bedenken Sie, welche Unschicklichkeit Sie zu begehen willens sind. Wollen Sie etwa, wie Flämmchen einst, verkleidet, als sein Diener bei ihm bleiben?"
Eine Purpurröte überzog Corneliens Antlitz, ihre zarte Brust wurde von heftigen Atemzügen bewegt, sie hob die Augen gegen Wilhelmi auf, und sagte mit zitternder stimme, aus welcher aber der tiefste Ernst hervorklang: "Wenn es sein müsste, so würde ich allerdings das tun, was Sie, mich zu verspotten, da gesagt haben. Warum ich hier meine Frauenkleider ablegen sollte, weiss ich nicht. Da Sie einmal so unbarmherzig mit Geheimnissen umgehn, zu deren Vertrauten ich Sie nicht gemacht habe, so will ich auch ohne Rückhalt aussprechen, was ich fühle, und dessen ich mich nicht zu schämen habe. Nun denn, ich habe dem Gesunden mein Ja nicht geben wollen, weil es nicht reif war, und die Liebe ihre Zeitigung noch nicht erlangt hatte. Man erzählt mir hin und wieder von Büchern, worin geschrieben stehen soll, dass jenes Gefühl im ersten Augenblicke des Sehens und Treffens entstehe. Wenn es sich dergestalt verhält, so mag das eine Liebe sein, die auch in einem Augenblicke wieder vergeht. Ich aber denke, dass die Ergebung der Seele an eine zweite auf Leben und Tod etwas so Schweres und Wichtiges ist, um wohl einen innerlichen Schauder, eine tiefe Bangigkeit und ein langes scheues Bedenken vor so strenger Gefangenschaft hervorbringen zu können. Ich habe alle diese Kämpfe durchmachen müssen; nun sind sie überwunden, und ich bin sein, wie er auch andern erscheinen möge. Gott hat ihn gemacht und wird ihn wiederherstellen, wenigstens soll meine Hoffnung darauf nicht untergehn, so lange ich atme. Niemand hat er jetzt als mich, sie fliehn ihn alle, verabscheun ihn auch wohl, ich aber liebe ihn und will ihm Diener und Freund und Schwester sein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die der arme eingebüsst hat. Das verspreche und gelobe ich hier, und werde mich fürwahr nicht zwingen und misshandeln lassen, so hülflos ich auch bin!"
Ein Tränenstrom hatte die letzten Worte begleitet; schluchzend verliess sie das Zimmer. Alle waren sehr betreten und Wilhelmi gereute von Herzen seine hypochondrische Heftigkeit, welche er seit der Wandlung seiner Verhältnisse ganz überwunden hatte, und die doch nun auf einmal wieder zu so ungelegner Zeit ausgebrochen war. Er liess abspannen und beschloss mit den Freunden, einige Tage auf Corneliens fernere Entschliessungen zu warten. Sie hofften, dass das schöne gute Kind, zu ruhiger Überlegung gediehen, von selbst in die gebahnte Strasse des Herkömmlichen wieder einlenken werde.
Man erfuhr, dass sie nach der Meierei gegangen sei, wie sie öfters tat, um ihre alte Schaffnerin zu besuchen. Es wurde daher auch noch nichts Schlimmes geargwöhnt, als sie zu Mittage ausblieb, weil sie oft bis gegen Abend dort zu verweilen pflegte. Indessen begann es zu dämmern, ohne dass sie zurückkehrte. Zugleich war das Wetter schlecht geworden. Nun entstand doch einige Unruhe. Ein nach der Meierei gesandter Bote überbrachte, dass sie dort nicht gewesen sei. Wilhelmi war äusserst bestürzt. Augenblicklich mussten nach allen Richtungen hin Leute mit fackeln und Laternen sich auf den Weg machen. Er selbst begleitete einige, welche in die gefährlichsten Gegenden des Forstes und Gebirgs spähend zu dringen befehligt waren.
Cornelie war in ihrem Kummer dem wald zugeeilt, unter dem Schirme der grünen Bäume die Ruhe wiederzufinden, aus welcher die rücksichtslosen Menschen sie so unbarmherzig gescheucht hatten. Ihr Innres war wider ihren Willen an das grelle Tageslicht herausgekehrt worden, sie empfand eine innige Scham über die Entweihung des Heimlichsten, und einen tugendhaften Zorn gegen die Roheit, welche sie dazu genötigt hatte. Jedoch machten sich diese widrigen Gefühle in keinen Worten und Ausrufungen Luft, sie seufzte und weinte nur still für sich hin.
Sie wollte wirklich nach der Meierei gehen, und dort so lange bleiben, bis ihr das bündigste Versprechen gegeben würde, sie in ihrer Freiheit nicht zu beschränken. Indem sie mit schnellen Schritten vorwärts eilte, wurde sie plötzlich von einem kläglichen Stöhnen gehemmt, welches in geringer Entfernung abseits vom Wege erklang. Dem Schalle folgend, fand sie eine Alte auf dem abgehauenen Stumpfe einer Rüster sitzen, der ein junges totenbleiches Frauenzimmer im Schosse lag. Die Finger, das Gesicht, die ganze Gestalt der Jungen waren abgezehrt, ihre arme Brust keuchte von schneidenden Schmerzen.