Die Verluste erzeugten Missmut und Anklage, aus solchen übeln Stimmungen entsprangen Sonderungen und Parteien, jeder glaubte am besten zu tun, wenn er nur in seiner Sphäre isoliert-tätig sei, und darüber kam bald der Zusammenhang des Ganzen abhanden, welcher doch allein den Gedanken des Oheims erhalten konnte. Schon erklärte einer und der andre, dass er sein Schicksal weiter zu suchen gedenke, und alle fühlten sich von einer Gemeinschaft bedrückt, die noch vor kurzem ihr Stolz gewesen war.
Inmitten dieser Einbussen und Spaltungen lebte der Herr der Reichtümer sein dämmerndes Pflanzenleben fort. Man war übereingekommen, so lange als nur möglich ihn für geistig gesund gelten zu lassen, um die Einmischung des staates, die alle als das grösste Übel fürchteten, abzuhalten. Seine Unterschrift musste daher jedes wichtigere Geschäft bekräftigen; er gab sie, ohne zu fragen, was er unterschreibe? Nur die grosse Rechtlichkeit aller dieser Leute verhinderte, dass sich schlimmes Unheil an ein so seltsames Verfahren heftete. Aus der Predigerwohnung war er wenige Tage nach dem tod des Oheims in das Haus gezogen, welches ja nun das seinige war. Dort lebte er in stillen Hinterzimmern, den ganzen Tag über lesend, schreibend oder mit sich selbst redend. Vor dem Verkehr mit unbekannten Menschen hegte er eine grosse Scheu, und mied deshalb die Gemächer nach der Strasse, während er dagegen mit den Hausgenossen sich leicht und zutraulich zu benehmen wusste. Diese wichen ihm aber aus, wo sie konnten; seine Erscheinung war ihnen zuwider, und sie vergaben ihm den Tod ihres Herrn nicht. Nur Cornelie ging leise und mild neben ihm her, sorgte für seine Bedürfnisse, ohne gleichwohl irgendeine tiefere Bewegung blicken zu lassen.
Unvermutet kam eines Tages der Arzt angefahren. Er hatte, auf der Heimkehr begriffen, den Brief des Predigers erhalten, und den Umweg mehrerer Meilen nicht gescheut, den wiedergefundnen Kranken zu besuchen, und zu ergründen, ob vielleicht jetzt zu helfen sei. Mehrere Tage verweilend, sprach er nach genauer Beobachtung Hermanns gegen einige Vertraute die Unheilbarkeit des Übels aus, da sich keine Reizbarkeit zeige, und folglich kein Mittel eine Erregung oder Krisis hervorbringen werde. Auf diese Nachricht nahmen mehrere Vorsteher ihre Entlassung, und die noch zurückblieben, wurden mehr von einer notwendigkeit gefesselt, als durch einen Wunsch bestimmt.
Wilhelmi reiste ab und zu, wie seine Häuslichkeit es ihm nur gestatten mochte. Dieser treue Freund litt unendlich bei der Betrachtung des Unglücklichen.
Über Cornelien, zu deren Vormunde der Prediger bestellt worden war, sprach er mit diesem einen Plan ab, welcher wenigstens ihre nächsten Jahre sicherstellte. Seine Frau wünschte, bei erweiterter Familie, eine Gesellschafterin, der sie Kinder und Haus mit Zutraun übergeben konnte, wenn Zirkel, Teater oder Reisen sie selbst abberiefen. Wer war zu einer solchen Stelle geeigneter, als das schöne, sanfte, feste Mädchen? Als beide Männer ihr diese Kondition vorschlugen, willigte sie ohne Zaudern ein. Wilhelmi bestimmte den Tag der Abreise, Cornelie ordnete ihre kleine Habe, und schien ganz ruhig und gefasst zu sein. Nur fiel es denen, die sie näher kannten, auf, dass sie jede Stunde, welche ihre häuslichen Geschäfte ihr frei liessen, zu einsamen, oft weit wegführenden Wandrungen durch die Gegend benutzte.
Ging sie, so schwand auch der letzte frische Ton aus dem blassen Nebelbilde stumpfer aussichtsloser Tage. Der Zustand der Menschen hier und in der Standesherrschaft war ein kaum zu beschreibender. Man spricht von einem Schattenreiche; hier hatten die Toten eins auf Erden hinter sich zurückgelassen.
Zehntes Kapitel
Der Wagen stand gepackt, Wilhelmi, bereit zum Einsteigen, wartete im Mantel, die Reisemütze auf dem haupt. "Wo bleibt sie?" fragte er etwas ungeduldig. "Sie pflegt sonst, die erste, fertig zu sein, was hat sie drinnen noch zu schaffen?"
"geben Sie acht. Sie reisen allein!" rief die Frau des Predigers, welche mit ihrem mann, Lebewohl zu sagen, gekommen war.
"Wie?" riefen voll Erstaunen der Prediger und Wilhelmi.
"Ihr Männer seid so daran gewöhnt, eure Absichten durchgesetzt zu sehen, dass ihr zuweilen die nächsten und grössten Hindernisse nicht wahrnehmt", erwiderte die Frau.
Wilhelmi schickte jemand in das Haus ab, und liess Cornelien bitten, sich zu beeilen. Der Bote kam sogleich mit der Meldung zurück, dass Mademoiselle ihren Koffer wieder begehre, da sie hier bleiben werde. unwillig eilte Wilhelmi nach ihrem Zimmer. Der Prediger und seine Frau folgten.
Sie fanden Cornelien beschäftigt, Reisehut, Umschlagetuch und andre Dinge, die sie noch hatte mitnehmen wollen, in den Schrank zu tun, wobei ihr Hermann half. "Sie geht nicht!" rief er den Eintretenden entgegen, und sein blasses, unteilnehmendes Gesicht hatte einen Ausdruck, wie wenn in tiefster Nacht der Höhle oder des Schachtes aus dem entlegensten Gange der Strahl des kleinen Lämpchens aufdämmert. Es war nicht Freude, aber dieser blick sagte, dass das Wesen, welchem er angehörte, einst Freude gefühlt habe, und sie vielleicht dereinst wieder fühlen werde.
"Was soll das bedeuten?" fragte Wilhelmi unmutig. "Haben Sie mich zum besten?"
"Geh auf dein Zimmer, Hermann", sagte Cornelie ruhig. Er ging. "hören Sie mich an, ehe Sie mich schelten", fuhr sie fort. "Ich war willens, mit Ihnen zu reisen, den Dienst in Ihrem haus anzunehmen; ich freute mich auf die grosse Stadt und alle die