des Gruftgewölbes war eingestürzt, und dem Ganzen drohte dasselbe Schicksal, wenn die Gewalt der immer weiter wühlenden Fluten nicht bald gebrochen wurde.
Die Ursache dieser Zerstörung war nur zu bald entdeckt.
Der Weiher, von der Maschine, an deren Wiederbelebung niemand in der allgemeinen Bestürzung gedacht hatte, nicht mehr ausgeschöpft, und überdies durch Regengüsse in den Bergen über seinen gewöhnlichen Inhalt angeschwollen, hatte mit der ganzen Wassermasse durch die verborgnen Rinnen auf die Auswölbung der Gruft gedrückt, und wahrscheinlich in kurzer Zeit den Widerstand des Gemäuers überwunden.
Es geschah, was geschehen konnte, um die Gefahr einer Überschwemmung von den Talbewohnern abzuhalten. Die Maschine arbeitete wieder unausgesetzt, so dass der Zufluss zum Gewölbe bald vermindert wurde, und man auch von dort dem Elemente entgegenwirken konnte. Das einzige Mittel kräftiger Begegnung war, die Gruft auszuschütten, und den Berg in seiner dichten Ründung herzustellen. Dies geschah mit rastloser Tätigkeit. Felsblöcke, Buhnengeflecht, Lehm- und Schuttlagen mussten die Höhlung füllen, und nach vierundzwanzig Stunden war von dem schönen Werke der Baukunst nichts mehr zu erblicken, als der Marmor der Pforte, welcher unnütz und wehmuterregend aus jenen niedern Stein- und Erdumgebungen hervorblickte. Bei der gewaltsamen Arbeit hatte man natürlich der Wege und Anlagen nicht schonen können, so dass, als die Sache getan war, zertretner Rasen, abgebrochne Stauden, verwüstete Blumenflekke, Sumpf und Nässe den Rahmen um jenes ausgetilgte Denkmal ehelicher Liebe bildeten. Inzwischen wartete der Prediger seines Amtes, liess im Dunkel des späten Abends Mutter und Sohn erheben, und unbemerkt ohne Geleit auf dem Kirchhofe des Dorfs einsenken. Auch war nach diesen letzten trüben Dingen von ihm sogleich ein reitender Bote an den Rechtsfreund des Oheims in der Standesherrschaft abgesendet worden, dort das Gewölbe für die Leiche auftun zu lassen, und sie so dem Hasse und den wütenden Naturkräften zu entrücken, welche sich hier gegen ihre letzte Rast verschworen zu haben schienen.
Traurig und langsam rückte der schwarzbehangne Wagen in kleinen Tagereisen gegen die Grenze jenes adlich gewesenen Gebietes vor, welches nun die eingefallnen und geschlossnen Augen des bürgerlichen Erwerbers nicht schauten, wo keiner dem neuen Herrn mit verehrendem Grusse entgegenkam. Aber in der Nähe des Schlosses erhielt der Verblichne Gesellschaft; auch der Herzog befand sich auf dem letzten Wege zur Gruft seiner Ahnen. Man hatte, die Bestattung möglich zu machen, die Herzogin unter einem Vorwande zu entfernen gewusst, und jene, sobald man erfuhr, dass auch der Oheim dort ruhen solle, beeilen wollen, um fertig zu sein, wenn diese zweite Leiche einträfe. Allerhand Zufälligkeiten verzögerten indessen die Ausführung der Anstalten, und so kam es, dass die beiden Züge in dem breiten Wege, welcher nach dem Erbbegräbnisse führte, zusammentrafen. Der Prediger trat mit dem herzoglichen Kaplane in kurze Beratung, und beide Männer, von einer religiösen Empfindung erschüttert, ordneten an, dass der Tod keinen Vortritt gewähren, sondern seine stillen Untertanen mit gleichen Rechten empfangen solle. Weg und Pforte waren geräumig genug, zwei Särge nebeneinander aufzunehmen, und so gingen die Gegner einträchtig zusammen in die dunkle wohnung ein.
Nach diesen Entscheidungen des Todes und der Nacht wandten sich die Hinterbliebnen in das Leben zurück. In den Fabriken trat aus den Vorstehern eine Kommission zusammen, welche die Geschäfte in der bisherigen Weise und im geist des Verblichnen fortzusetzen sich bemühte. Auf dem schloss des Standesherrn wurde von ihren Bevollmächtigten inventarisiert, auf Feldern und Waldgründen vermessen. Die Maschinen begannen wieder zu klappern, die Arbeiter ihre Packen auf den gewohnten Wegen zu tragen, in den Comptoirs schrieb und rechnete man wie früher.
Wenn sie sich nun aber fragten, wer der Herr der unermesslich angewachsenen Güter sei, und für wen alle diese Arbeit geschehe, so war die Antwort von der Art, dass sie, selbst nach allen den wunderbaren und erschreckenden Fügungen des Zufalls, noch staunen machen musste. Wie man sich wenden mochte, die Lage der Sache liess sich nicht bestreiten. Der Oheim war ohne Testament, kinder- und geschwisterlos gestorben, und Hermann als Neffe daher ohne allen Zweifel sein nächster, gesetzlicher und rechtmässiger Erbe.
An Verderben und Untergang mag niemand, der seine hände rüstig bewegt, denken; wie jedoch unter einem solchen Eigentümer ein fast unübersehlicher Besitz, das weitverzweigteste Geschäft sich steigern, ja nur sich notdürftig erhalten lassen sollte, musste dem klügsten menschlichen Auge verborgen bleiben.
Wilhelmi war angekommen. Auch ihn bewegten die Ereignisse tief, als er ihren gang und Zusammenhang vernahm. Er meinte einen Augenblick, Hermanns Abspannung durch die plötzliche Nachricht von dem märchenhaften Glücke, welches ihn betroffen, aufzurütteln, aber vergebens. Hermann empfing die Meldung, dass er nun ein Millionär sei, wie etwas Bekanntes, woran er, wie er sagte, gleich bei dem Absterben des Oheims gedacht habe.
Neuntes Kapitel
Der Oheim war kaum einige Monate tot, als die Folgen einer Verwaltung durch mehrere bereits sichtbar zu werden begannen. Obgleich der Verstorbne in den letzten Tagen seines Lebens nur wenig persönlich eingegriffen hatte, so war er doch der Mittelpunkt alles Wirkens und Schaffens gewesen, in ihm bestand eine Autorität, durch welche das Zweifelhafte entschieden, jedes Wagnis gerechtfertigt wurde. An einer solchen obersten Gewalt fehlte es nunmehr gänzlich, es zeigte sich hier, was in den Welt- und Staatsverhältnissen immer eintritt, wenn ein grosser König oder ein Held von hinnen geht, und sein Werk von den Stellvertretern weitergeführt werden soll. Unendlich ist der Abstand tüchtiger Ausführung von dem Blitze der Erfindung. Man zagte oder hazardierte, und verlor durch beides.