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einer Windmühle hindurchgegangen, oder wohl gar geritten seien, und ebenso möge es gelingen, das Blei zu erobern, aber freilich könne der Kopf mit in den Kauf kommen. Er verhielt sich nach diesen Gesprächen still, und wir vergassen bald die ganze Sache. Nun erschien plötzlich der junge Mann, der bei Ihnen wohnt, und sobald er den sah, wurde er wie von einer rasenden Wut befallen. Er blickte bald ihn, bald die Maschine mit grimmig funkelnden Augen an, und schoss pfeilschnell auf den Arm zu, da er und der bleierne Ring im Niedersteigen waren. Das taube Eisen fasste ihn, seine Kleider mussten sich in das Gestänge verwickelt haben, denn dreimal wurde er im wilden fürchterlichen Umschwunge gegen die Balken, und von diesen wieder in die Lüfte geschleudert. Augenblicklich liess ich hemmen, aber schon war es geschehen, und wir hatten, als die Maschine stillstand, nur die zerbrochnen Gebeine aus ihren Klammern und Fugen zu nehmen."

"Eilen wir hinwegzutun, was die Blicke der Menschen beleidigt!" sagte der Prediger, liess die jammervollen Überbleibsel erheben, und in eine Kiste legen. Auch diese wurde im Mausoleum, neben dem Sarge der Mutter beigesetzt.

Unten im dorf fand er alles wie ausgestorben. Niemand liess sich blicken, jeder fühlte eine dunkle Furcht vor herandrohenden Schreckgerichten. Im Herrenhause war Bestürzung, Weinen und Wehklagen. Cornelie lag darnieder und fieberte.

Die Leiche des Oheims hatte man auf einem Bette ausgestreckt. Als der Prediger ihm in das Gesicht blickte, fuhr er zurück, und gebot, es mit einem Tuche zuzudecken; die Miene des Toten sei von einer eignen, den Lebendigen nicht heilsamen Beschaffenheit.

Er trat in sein Haus. Dort sass Hermann, wie gewöhnlich, ruhig über den Büchern. "Sie haben Ihren Oheim getötet!" rief er ihm mit strengem Tone zu. Gelassen versetzte Hermann: "Warum schelten Sie mich? Ich meinte es gut; konnte er sich nicht zufriedengeben, da er hörte, dass der wilde Knabe ihn nichts angehe?"

Achtes Kapitel

Eine solche Wendung war den Mächten, welchen das menschliche Dasein nur zu leicht verfällt, gelungen. Voraussicht, Klugheit, Berechnung waren zuschanden gemacht worden, ein furchtbarer Blitz hatte sein grelles Licht auf die Nichtigkeit frommer Zuneigung geworfen, den fürsorglichsten Mann riss das Schicksal mitten aus ungeordneten Verhältnissen in Verzweiflung hinweg. In einem haus, worin nur der Verstand galt und anerkannt wurde, hatte der widersinnigste Aberglaube seine Flügel, bis zum Wahnwitz treibend, schwingen dürfen, und über Lippen, die nicht wussten, was sie sprachen, war das Geheimnis der Familiensünde elementarisch gesprungen.

Diesen Ausgängen war hier niemand gewachsen. Die Arbeit stockte, mutlos schlichen die Geschäftsleute umher. Man musste an die Bestattung der Leiche denken, und auch da zeigte es sich, dass der Zorn jener dunkeln gesetz, welche in ihr volles Recht hier eingesetzt zu werden forderten, noch nicht vorüber sei.

Teophilie, von welcher man den Schlüssel zum Erbbegräbnisse wiederverlangte, weigerte sich, ihn zu geben, und berief sich auf die Entsagungsurkunde, welche der Oheim an seinem letzten Lebenstage ausgestellt hatte. Man bewog den Prediger, zu ihr zu gehen, der denn auch alle Beweggründe der Milde und Versöhnlichkeit anwendete, ihren Willen zu beugen.

Sie liess ihn ruhig ausreden und sagte dann: "Ich ehre diese Grundsätze des Friedens, aber man kann verschiedne Wege gehen, die alle recht und gut sind. Auch die Vergeltung hat ihre Ehren. Ich bin die Rächerin meiner Familie. Er hat uns im Leben aus unsrem Eigentume getrieben, dafür versage ich ihm die Ruhe bei meinen Toten. Immer noch eine sehr glimpfliche Rache, sollte ich meinen. Das Geheimnis, welches ich wusste, wäre mit mir zu grab gegangen, der Schlaf verriet es einem fremden Ohre; nun wurden Versprechungen gewechselt, und Briefe den Flammen übergeben, um es ja recht sicher zu bewahren. Aber ein kindischgewordner Geist plaudert es wider Willen und Absicht dem Sterbenden aus, und stösst ihm damit das Herz ab. Ich finde etwas Grosses und Göttliches in diesem Hergange; er erinnert an alte Märchen, worin Bachwellen und rauschende Baumzweige das Tiefverborgne an den Tag bringen."

Da er sah, dass sie nicht zu überreden war, so stand er ab; man beschloss, kein Aufsehn zu erregen, indem man Zwang gegen sie versuchte. Die Menschen hatten durch die stattgehabten Ereignisse alle Besinnung verloren. Einer schlug vor, den Oheim im Mausoleum zu bestatten, wie er ja selbst verfügt habe, und die andern billigten seinen Rat, zu dessen Ausführung alles in Bereitschaft gesetzt wurde.

Aber die natur hat zuweilen in ihrem tiefen Busen ein Gefühl für Wahrheit, und will nicht dulden, dass das ganz Unschickliche geschehe. In der Nacht wurden die Bewohner des Dorfs von einem Getöse erweckt, in welchem sie bald das Rauschen stürzender Fluten erkannten. Man machte sich mit fackeln und Windlichtern hinzu, und sah bei deren Scheine den Bergweg zum schäumenden Wasserfalle verwandelt. Unten im dorf flossen die Wogen zu einem Bache ab, der an manchen Stellen gürteltief war.

Als es tagte, nahm man ein grauses Schauspiel wahr.

Durch die Eingangspforte des Mausoleums, wie durch einen Brückenbogen, schoss der weissschäumende Strom bergab, und hatte Mauerstücke, Bäume, ja auch die Behältnisse, welche die Gebeine der Mutter und des Sohns bargen, mit sich fortgerissen. Diese lagen, kläglich umgeworfen, von Schlamm und Graswust widerlich umsäumt, am Abhange des berges. Ein teil