1838_Immermann_044_217.txt

göttlichen Einrichtungdas Bild der vollkommnen Menschheit durch zwei darzustellenim genügendsten Masse erfüllte; auch über das Grab hinaus reichten ihre Einflüsse und Wirkungen. Die Gattin scheidet, und der Zurückbleibende richtet seine Blicke beharrlich der Entschwundnen nach. fest die Zügel der ihm überwiesenen irdischen Angelegenheiten haltend, blüht ihm doch nur noch Genuss in der sehnsucht nach ihr, welche seine Augen nicht mehr schauen; sein Gemüt entbrennt zu dem schönen Werke in Erz und Marmor, welches nun vollendet vor uns steht, die sterbliche Hülle der teuren Schlafengegangnen aufzunehmen, an deren Seite er selbst dereinst ruhen will. Sanften Trost empfindet er in diesen Beschwichtigungen, womit unser von Wolken überdecktes Auge sich die Ewigkeit und ihre Geheimnisse anzunähern versucht. Wenn andre Menschen von dem Weine und Brote leben, dessen sie geniessen, so lässt sich von unsrem Freunde behaupten, dass ihn die Erinnerung speiste und die Hoffnung tränkte.

Nehmet denn, ihr Ehelich-Verbundnen, oder die ihr in diesen Stand treten wollt, von solchem Vorgange ein Muster der Nachahmung! Jenes stille Heiligtum, welches heute seine Weihe erhält, der Sarg und der lebende Freundsie mögen in eurem Herzen Gelübde erzeugen, würdig des Wortes, welches der Apostel sprach: 'Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst.' In dieser allesumfassenden Liebe zu einem zweiten Wesen ist der Inbegriff jeglicher sittlichen Veredlung gesetzt, der Mensch löset sich von der Selbstsucht ab, und empfängt dadurch sein Innres erhöht und gereinigt zurück. Ja, meine Freunde ..."

Ein dumpfes Geräusch, wie von dem verworrnen Durcheinanderreden vieler Menschen, liess sich in der Ferne vernehmen. Es kam aus der Gegend, wo der Weiher lag. Der Prediger hielt betroffen inne. Die Menschen wendeten sich nach dem Schalle.

"Es muss etwas an der Maschine zerbrochen sein, man hört sie nicht mehr", sagte der Oheim. "Gehe einer hin und sehe zu. Welche widrige Unterbrechung!"

Einige Arbeiter schwangen sich den steilen Pfad hinauf, der nach dem obern Teile des berges und nach dem Weiher führte. Doch nur wenige Augenblicke vergingen, so kamen sie wieder herabgestürzt, totenbleich, mit entsetzten Gesichtern. Der Maschinenmeister folgte ihnen, und fiel mit einem Jammergeschrei am Wägelchen seines Herrn nieder. "Was ist geschehn?" fragte der Oheim erschreckt. "Hat das Werk Schaden genommen?"

"Ihr Sohn liegt zerschmettert oben auf dem Berge!" rief der Mann, seiner nicht mächtig.

Entsetzt drang die Menge herzu. Man bestürmte ihn mit fragen, wie dieses furchtbare Ereignis sich begeben habe; er war unfähig, zu antworten. Sprachlos starrte ihn der Oheim an, seine Augen standen ohne Bewegung in ihren Höhlen, seine Lippen verloren die Farbe, sein Haupt ruhte an Corneliens Brust.

"Den Sarg in die Gruft, unsern Vater nach haus!" rief das Mädchen, welches inmitten dieser Schrecknisse die Besinnung noch hatte, deren die andern beraubt waren. Indem man sich anschickte, ihrem Befehle zu gehorchen, rief von den Klippen über dem Mausoleum eine laute stimme: "Halt!" und Hermann trat auf ein vorragendes Felsenstück. Die Bauerburschen, welche den Wagen des Oheims zogen, hatten mit demselben eine Wendung nach vorwärts gemacht, so dass Hermann dem Alten gerade gegenüberstand.

"Tröste dich, Onkel!" rief der Unselige hinunter. "Ferdinand ist dein Sohn nicht, die Tante hatte ihn vom Grafen, darum verschrieb dir der die Standesherrschaft, damit die Güter dereinst an sein Blut kämen; frage nur Teophilien, sie weiss alles, aber die Liebesbriefe haben wir verbrannt."

Cornelie fiel nun selbst ohnmächtig in die arme ihrer Freundinnen. Auch bedurfte das Haupt des Oheims keiner Stütze mehr; nur die ersten Worte hatte er aus Hermanns mund vernommen, dann sank er mit einem tiefen Atemzuge in sich zusammen, erdrückt von diesen Schlägen, und der Ruf der Umstehenden: "Er stirbt!" wurde Wahrheit.

Langsam zogen die Burschen den Wagen hinunter nach dem haus. Schweigend, unter der Last dessen, was sich begeben hatte, schaudernd, ging die Menge von dem Berge. Es war etwas Grauenvolles, diese vielen hundert Menschen zu sehen, deren Lippen das ungeheure Schicksal versiegelt, deren Herzen es versteinert hatte.

Auf einen stummen Wink des Predigers, welcher mit dem Unglücksboten auf dem Berge geblieben war, wurde der Sarg hastig in das Mausoleum geschafft. Er stieg mit dem Maschinenmeister den Klippenweg hinauf. Sie näherten sich dem Weiher. Die Maschine stand. Zu ihren Füssen lagen die blutenden Gebeine eines, der ein Mensch gewesen war. Ein unseliger Anblick!

Nachdem der Prediger sein Entsetzen bewältigt hatte, fragte er den andern: "Wie ist dies zugegangen? Reden Sie jetzt, dass wir alle Tatumstände feststellen, und nicht noch Unschuldige zur Verantwortung gezogen werden mögen."

"Gott weiss es, ich nicht", erwiderte der bewegte Mann. "Schon vor einigen Stunden hatte er sich bei uns hier eingefunden, und war spähend um die Maschine hergegangen. Er machte uns auf den gelockerten und halb zersprungnen bleiernen Ring dort aufmerksam, welcher an jenem das Pumpenwerk in Bewegung setzenden arme hängt, in seinem unverletzten Zustande bestimmt, die Widerstandsmittel gegen etwanige Explosionen der Dämpfe zu verstärken. Seine Frage, ob es wohl möglich sei, dieses Blei dem Balken, wenn er eben niedersteige, mit raschem Griffe zu entreissen, hielten wir für Scherz. Wir antworteten, dass es ja auch Menschen gegeben habe, die zwischen den sausenden Flügeln