nützen, wie ich kann", fuhr der Oheim fort. "Zu meinen Beschickungen gehörst auch du, Cornelie, du bist die süsseste derselben. Sollte ich aus der Welt gehen, ehe ich dich an der Seite eines Gatten versorgt weiss, so wird dein Los von mir genügend festgestellt worden sein."
Cornelie sank ihm zu Füssen, und sprach mit leuchtenden Blicken: "sorge du nicht um mich, und nicht für mich, mein Vater. So gewiss dies meine Hand, und jenes meine Füsse sind, so gewiss weiss ich, dass, wo ich stehe, oder mich niederlege, wohin ich gehe und trete, ich behütet und geschirmt bin. Wenn das nicht wäre, so hätte ich ja so früh meine Eltern nicht verlieren können. Glaube mir, mein Vater, mir wird es immer wohl gehen, recht wohl. An meinem Herde wird sich der Dürftige wärmen, und unter meiner Pforte werden die Müden sitzen. Darum entziehe du deinem Sohne und den Freunden, die mit dir gearbeitet haben, nichts von dem Deinigen; Cornelien schenke du nur, wenn es denn einmal so weit ist, deinen letzten blick und Hauch, das soll meine Erbschaft sein."
Er fragte einen Eintretenden, welcher meldete, dass der Leichenzug vom Schlossberge herabzusteigen beginne, nach Ferdinand. Jener versetzte, dass er den Knaben aufgefordert habe, ihm zu folgen, dass dieser aber, ohne ihm Antwort zu geben, den Berg nach der Gegend des Weihers zu hinaufgestürmt sei.
Seufzend machte sich der Oheim in seinem kleinen Fuhrwerke, neben welchem Cornelie herging, auf den Weg. Den Vorplatz des Mausoleums bedeckte eine zahlreiche Menschenmenge, welche nicht die Neugier allein, sondern auch so ein dankbares Erinnern herbeigezogen hatte, denn die Verstorbne war die Wohltäterin vieler Bedürftigen gewesen. Die Pforten des Gewölbes waren aufgetan, zu beiden Seiten standen die festlichgeschmückten Jungfraun im Halbkreise. Cornelie gesellte sich, sobald sie mit dem Oheim auf der Höhe anlangte, zu ihnen. Er liess seinen Sessel der Pforte gegenüberstellen, und erwartete den Zug, dessen Annahen die in immer dichteren Haufen den Berg heraufdringenden Menschen verkündeten. In der Mitte des Platzes war mit leichten Stäben ein freier Raum für den Sarg, seine Träger, den Prediger und die Schulkinder abgesteckt worden.
Siebentes Kapitel
Sobald der Sarg niedergesetzt war, und die wogenden Menschenwellen, welche nun nicht allein den Platz oben, sondern auch alle Abhänge des berges überfluteten, sich beruhigt hatten, erhoben die Jungfraun ihre stimme, und sangen den Psalm ab, dessen gehaltne, ernste Melodie die Herzen noch tiefer angerührt haben würde, wenn nicht das vom Weiher herklingende Geräusch der heftigarbeitenden Dampfmaschine den sonderbarsten Gegensatz zu jenen frommen Tönen hervorgebracht hätte. Nach beendigtem Gesange trat der Prediger zum Sarge, verrichtete das Gebet, und knüpfte an dasselbe folgende Worte:
"Ihr seid es von mir schon längst gewohnt, meine Zuhörer, dass ich euch in meinen Vorträgen nicht zwischen die Dornenhecken dunkler Glaubenslehren, nicht auf die kalten leeren Höhen spitzfindiger Grübelei zu führen pflege, weil ich der Meinung bin, dass das Christentum, ist es echter Art, dem Blute gleichen müsse, welches, mit den Werkzeugen des Lebens verbunden, sie in ungetrennter Gemeinschaft durchdringend, ihnen eben gerade das Leben schafft, während dasselbe, von jenen Werkzeugen getrennt, für sich allein nicht bestehn kann, vielmehr dann bald sich scheidet, gerinnt und verdirbt. Ich liebe es daher, euch aus noch so geringfügig scheinenden Gelegenheiten, aus eurer Arbeit und aus eurem Gewerbe, aus den kleinsten Vorfällen eurer Hauswesen, die Quellen der Erbauung zu öffnen, und bestrebte mich, den Gott, welcher jedem erscheinen muss, wenn er das Samenkorn in die Erde legt, oder sein Tagewerk am Webstuhle vollendet hat, vor aller Augen zu entüllen.
Lasst mich also auch an dieser Bahre meines Brauchs pflegen, lasst uns nicht in allgemeinen Todesbetrachtungen, welche ohne Frucht und unnütz sein würden, sondern in dem besonderen Hinblicke auf den Fall, welcher uns hier zusammengeführt hat, unsre Gedanken vereinigen!
Es ist ein Gerede unter den Menschen, dass Mässigkeit, Nüchternheit, Vorsicht, die heilsame Kälte, welche die Schritte erwägt und den Fuss nicht eher zum Weitergehn aufheben mag, bis man habe, wo man ihn niedersetze, dass diese Dinge, sage ich, zwar gute und einträgliche Eigenschaften seien, dass sie aber zu höheren und seltneren Gewinnen nicht hinzuführen vermögen, und dass sie namentlich den Menschen, welcher mit ihnen begabt ist, unfähig zu den sanften und warmen Empfindungen machen, auf welchen die Liebe ihr schönes Gebäude gründet. Man nennt die Verbindungen, welche nicht im Rausche der leidenschaft geschlossen werden, Scheinbündnisse, man glaubt, dass bei ihrer Eingehung nur der Trieb der Gewohnheit oder eine herzlose Berechnung obgewaltet haben könne.
Sehet hier ein Beispiel von der Nichtigkeit dieses Redens und Meinens! Über die Jünglingsjahre längst hinaus, ohne stürmische Aufwallung, bedächtig das Wichtige überlegend, knüpfte der verehrte Mann, um den uns eine fromme Feier versammelt hat, das Band, dessen Unzerreissbarkeit eben diese Feier aussprechen soll. Wohl allen denen, welche einander im Augenblicke der ersten, oft so oberflächlichen Bekanntschaft die Ewigkeit ihrer leichtentstandnen Aufregung versichern, wenn sie mit der Innigkeit verbunden blieben, welche hier dem ruhig gegebnen und empfangnen Worte folgten! Sämtlich sind wir Zeugen gewesen der Zucht und Einigkeit, des Vertrauens und des Glücks, aller der Gnaden und Segnungen, welche diese wahrhaft gottgefällige Ehe schmückten. Aber nicht genug, dass sie auf Erden die Bestimmung der