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der Ungerechten zertreten, ohne dass ich schuld daran habe", auf sein Lager.

Sechstes Kapitel

Am folgenden Morgen bat Hermann die Frau des Predigers um die Erlaubnis, dem Begräbnisse zusehn zu dürfen. Sie wollte davon nichts wissen, weil ihn der Oheim zu gesicht bekommen könne. Er versprach, auf dem obersten Teile der Anhöhe hinter büsche verborgen bleiben zu wollen.

Um ihren Mann über das Anliegen zu befragen, ging sie in dessen Studierzimmer. Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen wollen, ausser dem Gebete eine kurze Rede am Sarge zu halten, und schritt, Inhalt und Ausdruck in Gedanken erwägend, auf und ab. Er war im Zustande der Meditation von allen andern Dingen immer gänzlich abgekehrt, antwortete daher seiner Frau, ohne recht zu wissen, wovon sie redete, auf ihre Frage zerstreut: "In Gottes Namen, störe mich nur nicht ferner!"

Der Kranke rief, als er die Einwilligung vernahm: "Das ist mir recht lieb! Ich muss mehr Zerstreuung haben. Seitdem mit meinem Rocke etwas vorgegangen ist, bin ich so unruhig!"

Nach einigen Stunden hörte der Prediger erst, wozu er seine Beistimmung gegeben hatte. Er war darüber sehr erschrocken, und wollte durchaus, dass der Kranke von seinem Vorhaben abgebracht würde. Indessen musste man es gehen lassen, denn Hermann verriet in Farbe und Mienen wieder einen heimlichen Zorn, sobald seine Pflegemutter versuchte, ihm jenen gang auszureden.

Im haus des Oheims herrschten sehr verschiedenartige Beschäftigungen. Cornelie übte mit den jungen Mädchen den Psalm ein, welcher an der Gruft gesungen werden sollte, und wand mit ihnen die Kränze, zum Schmuck des Eingangs bestimmt. Der Oheim war dagegen mit seinen Geschäftsleuten in die weltlichsten Beratungen versenkt. Der Vorteil, welcher dem ganzen Fabrikbetriebe und also nach der gestifteten Einrichtung auch ihnen teilweise durch den Anfall der Standesherrschaft zuwuchs, war unermesslich. Kaum hatten sie das Erwachen ihres Herrn und Meisters abwarten mögen, ihm alles das, was die Nacht hindurch in ihren Köpfen gegärt, vorzutragen; um seinen Frühstückstisch versammelte sich schnell eine zahlreiche Gruppe von Ratschlagenden, Entwürfeverkündenden, welche ihre Gedanken auch sogleich dem Auge durch Listen, Rechnungen, und schnell gefertigte Risse anschaulich zu machen sich bestrebten. Einer der Rührigsten wurde noch an demselben Vormittage nach jenen Gütern abgefertigt, um namens des nunmehrigen Eigentümers Besitz zu ergreifen. Nutzte man die Kräfte, welche durch den neuen Erwerb gewonnen worden waren, in bisheriger schwunghafter Weise, so liessen sich einem solchen Geschäfte kaum noch Grenzen ziehen, nur in England waren die Ähnlichkeiten für derartige Gewerbsgrösse aufzufinden. Diese Betrachtungen rührten zu dem Vorsatze, eine bedeutende überseeische Abzweigung des Kapitals zu bewirken.

Der Oheim nahm an der Unterredung lebhaft teil. Jedem Menschen ist eine Signatur in die Seele eingeschrieben, und die Entfernung von diesem Urzeichen der Lebensentfaltung bleibt immer nur eine scheinbare. Auch er hatte eine unruhige Nacht gehabt. Mit siegender Gewalt nahmen ihn die Bilder der neuen Tätigkeiten gefangen, und drängten die stillen entsagenden Vorstellungen zurück, mit welchen er bis zum Ende seiner Tage auszureichen gemeint hatte. Besonders war ihm der blick verlangend über das Meer gerückt; er wünschte sehnlich eine Herstellung von seinen Gebrechen, um sich noch die Anschauung jener fernen erzeugnisreichen Gegenden gewinnen zu können.

Zwischen diesen Verhandlungen langte eine Botschaft Teophiliens an. Sie hatte den Schlüssel zu dem Erbbegräbnisse der Grafen in Verwahrung, und diesen heute den Männern herausgeben müssen, welche den Sarg der Tante von seiner vorläufigen Ruhestätte zu erheben bestimmt waren. Nun bat sie den Oheim schriftlich, allen ferneren Ansprüchen auf die Gruft ihrer Ahnen zu entsagen, welche ihm von keinem Nutzen mehr sein könne, da er für sich und die Seinigen ein eigenes Gewölbe errichtet habe.

Der Oheim sagte, nachdem er den Brief gelesen hatte: "Da uns das Schicksal gewaltsam in das Leben zurückdrängt, so wollen wir immerhin den Toten die Toten überlassen. Es ist mir lieb, den Grillen dieser untergegangnen Frau eine Nachgiebigkeit erzeigen zu können. Vielleicht versöhne ich sie dadurch mit mir." Er setzte sich nieder, stellte eine verzichtende Erklärung, wie sie dieselbe begehrt hatte, aus, und überliess die Gruft der erloschnen Familie dem letzten Sprösslinge zur uneingeschränkten freien Verfügung.

Nach dem Mittagsessen, welches man noch mehr, als gewöhnlich, abgekürzt hatte, begaben sich die Männer, welche den Sarg tragen wollten, eilig den Schlossberg hinauf. Der Oheim verweilte eine kurze Zeit bei Cornelien, deren Augen über das zerstreute und der Feier des Tages abgekehrte Wesen trübe geworden waren. Man sah es allen nur zu deutlich an, dass sie das Totenfest abgetan wünschten, um sich den so mächtig andringenden irdischen Hoffnungen mit ganzer Seele hingeben zu können. In ihrer reinen Trauer über diesen grellen Widerspruch der Menschen und Dinge nahm sie den Oheim, als sie mit ihm allein war, beiseite, und sagte zu ihm: "Nicht wahr, Vater, wir fahren nach der Bestattung mit dem Prediger spazieren, und bleiben auch den Abend für uns?"

"In deiner sanften Frage liegt für mich ein schwerer Vorwurf", versetzte der Oheim. "Wenn es wahr wäre, dass zwischen den Seelen der Menschen ein wesentlicher Unterschied bestände, wie manche haben lehren wollen! Wenn nur einige zur Erhebung, zum Leben des Geistes bestimmt wären, andre dagegen unwiderruflich in den Schlamm und Tod versinken müssten, und alle Mühe, von diesem eingebrannten Male der Nichtigkeit sich zu reinigen, umsonst aufwendeten!"

"Welche Gedanken!" rief Cornelie.

"Ich will wenigstens hienieden