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. Er hatte sich geäussert, dass er ein grösseres Wohlsein verspüre, von Besuchen, die er wieder abstatten, ja von einer Reise, die er unternehmen wolle, gesprochen. Der Landphysikus ist sogleich berufen worden, hat den Körper untersucht und den Ausspruch gefällt, dass ein Schlagfluss den Tagen des Herzogs ein Ende gemacht habe. Diesem ärztlichen Gutachten spricht nun jedermann nach; ich aber habe meine besonderen Vermutungen.

Ich brachte in Erfahrung, dass er seine Angelegenheiten in einer Ordnung hinterlassen habe, die beispiellos sei. Selbst die gewöhnlichen Rechnungen, welche sonst in jedem grossen Hauswesen das Jahr hindurch unbezahlt stehnbleiben, sind bis auf die kleinsten Posten quittiert vorgefunden worden. Nun meine ich, dass der natürliche Tod niemand so in Bereitschaft antreffen kann.

Ist mein Argwohn richtig, so hat er verstanden, die Repräsentation, welche seine Schritte von jeher bestimmte, bis an das Ende zu führen. Es ist ihm möglich geworden, dem Überdrusse am Dasein die beabsichtigte Folge zu geben, dennoch alle zu täuschen, und anständig, wie er gelebt, zu sterben. Ich selbst, der ich mich unter einem Vorwande in sein Zimmer geschlichen und mich überall umgesehen habe, konnte nichts Verdächtiges entdecken.

Die Herzogin, welche sich unfern im Bade * befand, eilte auf die erste Nachricht mit Kurierpferden herbei. Ihr Schmerz ist grenzenlos und exzentrisch; vielleicht schärft ihn das geheime Bewusstsein begangner Vernachlässigungen, zu denen eine überfeinerte Seelenstimmung sie verleitet hat. Man liess ein Wort vom Begräbnisse fallen, worauf sie, wie ausser sich, ausgerufen hat, dass davon keine Rede sein dürfe, dass der Leichnam über der Erde bleiben solle, von ihr gepflegt und behütet. Wie man diese Laune des Kummers überwinden werde, steht dahin.

Was die übrigen hiesigen Verhältnisse betrifft, so werden Sie selbst das Richtige erraten, da Sie die Menschen genugsam kennen. Sie sind nun allhier der Herr und Meister, und Ihnen wendet sich ein jeglicher bereits in seinen Gedanken zu. Man hat mich verschiedentlich um günstiges Vorwort bei Ihnen angesprochen; ich denke, Sie werden in eigner person prüfen, und die Spreu vom Weizen zu sondern wissen."

Da der Oheim in seinem Schweigen beharrte, und durch die Nachricht ungewöhnlich erschüttert zu sein schien, sagte der Prediger: "Ich kann es wohl fassen, wie ein grosses Glück unsre natur zu ängstigen vermag. Wir sind doch alle eigentlich nur auf die Gewohnheit eingerichtet, und wollen, wenn sich etwas Ausserordentliches ereignen soll, dieses uns lieber durch Dulden und Schmerz, als durch Genuss und Freude aneignen."

"Sie erraten den Grund meiner Stimmung nicht", versetzte der Oheim. "Jene Todespost verrückt mir mein Konzept, darum setzt sie mich so in Unruhe. Nie habe ich geglaubt, den Herzog überleben zu müssen. Ich war eingerichtet auf Abreise, ich zählte die Stunden bis dahin, nun kommt ein Ereignis, welches auf längeres Verweilensollen deutet. Denn wenn eine vernünftige Macht unsre Schicksale beherrscht, so wird sie mir nicht eine Vermehrung meiner Besitztümer um das Doppelte zuwerfen, in dem Augenblicke, wo sie mich zum Scheiden reif erklärt. Ich werde also fortvegetieren, vielleicht noch lange, bis ich dieses neuen Geschäftes Herr geworden bin."

Fünftes Kapitel

In der Nacht, welche diesem Abende folgte, lag Ferdinand in der Hütte des alten Kammerjägers, mit dem er seit längerer Zeit geheimen, vertrauten Umgang pflog. Spät war er zu ihm gekommen, hatte hastig mehrere Gläser des geistigen Getränks, an welches er sich in dieser wilden Gesellschaft gewöhnen musste, hinuntergestürzt, und war dann nach heftigen und unbändigen Reden eingeschlafen.

Der Alte, welcher auf der einsamen Klippenhöhederselben, wo einst die leidenschaftliche Begegnung zwischen Hermann und Ferdinand sich ereignet hatteabgesondert von aller menschlichen Gemeinschaft hauste, trieb schon eine geraume Zeit in der Gegend sein Wesen. Er bot allerhand Kräuteröle und Essenzen feil, vertilgte die Ratten und Mäuse, und da er zu seinen Mitteln und Hülfsleistungen immer noch einen biblischen Spruch obenein in den Kauf gab, so hielten ihn die Landleute für einen vertriebnen Priester, und erzählten sich die wildesten Geschichten von ihm. Woher er gekommen war, wusste niemand; da er indessen einen Erlaubnisschein zu seinem Gewerbe hatte, keinen belästigte und nichts Übles tat, so musste man ihn unangefochten gehen lassen. Zuweilen hielt er sich in der Nähe der Fabriken auf, sah starr nach dem Herrenhause und murmelte unverständliche Worte für sich hin. Da aber hier ein jeder mit seinem eignen Tagewerke genug zu schaffen hatte, so achtete niemand dessen, was ausser dem Arbeitswege lag, und der murmelnde Alte war ihnen schon zur gewöhnlichen Erscheinung geworden, aus der keiner ein Arg hatte.

Er leuchtete dem Schlummernden, dessen Züge von stürmischer leidenschaft zuckten, mit der Lampe scharf ins Gesicht, blickte nach einem auf dem Tische liegenden blanken Messer, und sagte: "Jetzt könnte ich es tun, und den Samen der Feinde vertilgen! Sie sind hinter sich getrieben worden, sie sind gefallen und umgekommen vor dir. Denn du führest mein Recht und meine Sache aus, du sitzest auf dem Stuhl, ein rechter Richter. Du schiltst die Heiden und bringest die Gottlosen um, ihren Namen vertilgest du immer und ewiglich."

Er griff nach dem Messer, legte es aber wieder hin, und rief: "Stehet nicht geschrieben? Wer einen Menschen schlägt, dass er stirbt, der soll des Todes sterben. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde