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Wirt zu bestellen. Dieser Winter ist zur Anfertigung meines Testaments bestimmt, und ich darf Ihnen von dessen Inhalte so viel voraussagen, dass ich damit umgehe, eine Art von Fideikommiss zu errichten, um meinem Sohne die Zerstörung des Werks, welches ich mit meinen Freunden gegründet habe, für immer unmöglich zu machen. Es ist sonderbar, dass man noch in seinen letzten Tagen zu Schritten kommen kann, die man bei andern früher nie billigte. Ich war von jeher der entschiedenste Gegner solcher Tötungen des freien Eigentums, und sehe nun doch ein, dass es Fälle und Verhältnisse gibt, welche dazu gebieterisch nötigen."

Der Prediger wollte ihm die Todesgedanken ausreden; jener versetzte aber: "Lassen Sie mir doch meinen Kalkül, in dem für mich etwas Angenehmes liegt. Wenn ich sterbe, so wird es sein, wie ein kaufmännischer Jahresabschluss, wie eine gewöhnlich Comptoirhandlung. Alles wird darnach im hergebrachten Geleise bleiben, kein Stuhl braucht deshalb verrückt zu werden.

Wir können uns in Beziehung auf den sonderbaren Akt, der mit nichts, was wir sonst erfahren, Ähnlichkeit hat, von einmal gangbar gewordnen Vorstellungsweisen nicht losreissen, so wenig sie auch auf die Sache passen", fuhr er fort. "Was heisst das: An der Seite seiner Gattin im grab ruhn? Ist es nur denkbar, ja wäre es nicht die grösste Ungereimteit, anzunehmen, dass mit der Gemeinschaft der Gruft irgendeine Empfindung für die Individuen verbunden sein sollte? Und dennoch muss ich Ihnen gestehen, dass ich voll wahren Entzückens an diese Vereinigung mit meiner Frau denke, und dass ich dann das Bild des süssesten, seligsten Schlummers nicht aus dem Sinne verbannen kann, so sehr mir sonst jede Schwärmerei auch widersteht."

"Lassen wir, was wir nicht begreifen, auf sich beruhn, es hat wohl immer seinen Wert", erwiderte der Prediger. "Gewiss ist es menschlicher und natürlicher, fügt sich in den ganzen Zusammenhang unsrer Vorstellungen leichter ein, den Tod nicht so für sich, sondern gewissermassen als Fortsetzung gewöhnlicher menschlicher Zustände zu betrachten. Und auf diesen Zusammenhang der Vorstellungen kommt doch alles an. Es gibt kein Volk, welches nicht die letzte Rast in Verbindung mit dem menschlichen Geselligkeitstriebe, oder mit den Zuneigungen des Verstorbnen für bestimmte Plätze, da er noch lebte, brächte, und jenem Triebe und diesen Neigungen eine Schattendauer über das Grab hinaus beilegte. Nur die abgeschwächte Grübelei, das erkältete Gemüt wird gleichgültig gegen die letzte wohnung; in den zeiten der Stärke beherrscht jener freundliche Wahn, wenn man ihn so nennen will, das Volk und jeden einzelnen. Ich halte nun sehr viel von dem Spruche: 'An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen', und meine, dass das, was die Menschen im Zustande der physischen und moralischen Gesundheit denken oder auch nur träumen, das uns eigentlich Gemässe sei, womit wir uns zu begnügen haben."

Ein Geräusch im Nebenzimmer unterbrach diese friedlichtraurigen gespräche. Die Vorstände der Fabriken traten herein, und an ihren Mienen liess sich abnehmen, dass etwas Bedeutendes vorgefallen sein musste. Der Oheim, verwundert über den späten Besuch, fragte nach der Ursache, worauf ihm einer ein grosses Schreiben, ohne zu reden, mit bedeutenden Blicken hinreichte. Der Prediger sollte es lesen; er besah Siegel und Aufschrift und sagte: "Nach dem Postzeichen kommt es aus der Standesherrschaft."

"Ich will nicht hoffen", rief der Oheim ahnend aus, "dass dort sich etwas begeben hat!"

"Allerdings", versetzte einer, "wir haben, was wir haben wollten."

Der Prediger hatte das Schreiben eröffnet und sagte: "Man meldet Ihnen das Ableben des Herzogs, und jene grossen Besitzungen sind nun ebenfalls die Ihrigen."

Die Geschäftsleute konnten ihre freudige Bewegung nicht unterdrücken; der Oheim entliess sie mit einem stummen Winke, und sass, die hände im Schosse gefaltet, das Haupt gesenkt, lange Zeit schweigend da. Der Prediger hatte einen zweiten Brief erbrochen, der von jemand herrührte, welcher sich im Interesse des Oheims auf die erhaltne Todesnachricht sogleich nach dem schloss begeben hatte, um etwanige Veruntreuungen der Offizianten und Diener zu hindern. Er berichtete die näheren Umstände über das Ende des Standesherrn. Mit Weglassung des Unwesentlichen schalten wir folgende Stelle seines briefes unsrer geschichte ein:

"So versank der Herzog von Tage zu Tage in eine immer tiefere Schwermut. Er hatte seine Geschäfte dergestalt vereinfacht, dass er sie fast allein besorgen konnte. Nur die notwendigste Bedienung litt er um sich, seine Mittags- und Abendmahlzeiten waren einsam, aller Gesellschaft hatte er entsagt. Wenn ihm jemand leise Vorstellungen über diese Absonderung zu machen wagte, so versetzte er, dass ihn seine wankende Gesundheit zu einer so regelmässigen Lebensweise nötige; jeden Gedanken an einen Schmerz der Seele suchte er durch seine Erklärungen bei andern sorgfältig zu entfernen. Über die Abtretung der herrschaft an Sie auf den Todesfall sprach er sich mit völliger Ruhe und Fassung aus.

Wer ihn aufmerksamer betrachtete, musste die Angabe über seine körperlichen Umstände bezweifeln, denn das äussere Ansehen deutete durchaus nicht auf etwas Krankhaftes. Aber oft kam er nach haus, am arme eines Landmanns, hinfällig, wie es schien, und sagte dann, dass ihn ein Schwindel unterwegs betroffen habe, und dass er zu Boden gestürzt sein würde, wenn ihn der Führer nicht aufgefangen hätte.

Gestern hat man ihn denn tot, auf dem Fussboden seines Zimmers ausgestreckt, gefunden. Noch zwei Tage vorher war an ihm eine merkliche Erheiterung sichtbar geworden