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ein abermaliges Kindbette seiner Frau die Reise gestatten möchte.

Viertes Kapitel

Das Familiengrabgewölbe war vollendet. Säulen von grauem Marmor stützten ein ernstes Portal, von dessen Stirnfläche ein freundliches: Willkommen! in grossen goldnen Buchstaben leuchtete. Am inneren Eingange lehnten zwei Genien sich als träumerische Hüter auf die umgestürzte Fackel, das Gewölbe selbst war einfach aber würdig mit grossen Werkstücken ausgesetzt, und empfing durch eine Kuppelöffnung, deren Seitenlucken das stärkste Kristallglas verschloss, ein dämmerndes Licht.

Diese Begräbnisstätte hatte der Oheim mit grossen Kosten und vieler Mühe in dem Berge, den seine verstorbne Gattin geliebt, austiefen und schmücken lassen. Je näher er sich selbst so dem Ziele seiner Tage fühlte, desto eifriger wurde sein Bestreben, das Werk noch vollendet, die Asche der ihm so teuren Frau dortin gebracht zu sehen. Nach seinem Willen sollte der Ort und dessen Umgebung zwar etwas Feierliches, aber nichts Düstres haben. Er liess den Platz vor dem Gewölbe mit klarem Kies belegen; Zypressen, Taxus und andres dunkelfarbiges Gesträuch musste die Umsäumung desselben bilden, Mauerwerk, welches in die Runde geführt ward, war bestimmt, den Vorplatz vor dem Verwaschen und Abschiessen durch Regenfluten zu schützen, an dasselbe lehnten sich schönblühende Rankengewächse, damit das Auge nirgends durch tote massen ermüdet werden möchte. In der Tat bekam die Anlage durch den Kontrast der gediegnen Architektur mit der umgebenden BaumPflanzen- und Blumenwelt einen eignen Reiz, so dass jeder sich gern auf den zu beiden Seiten des Portals zum Verweilen einladenden Steinsitzen niederliess.

Noch ganz zuletzt hatte sich ein bedeutendes Hindernis aufgetan. Der Architekt sah nämlich, als das Gewölbe schon völlig ausgemauert war, dass eine reichliche Flüssigkeit durch den Kalk und Mörtel der Fugen hindurchsinterte und den Raum mit verderblicher Nässe zu erfüllen drohte. Bald hatte er auch die Ursache dieses unwillkommnen Einflusses entdeckt. Oberhalb dem Grabesberge lag nämlich ein beträchtlicher Weiher, der vermutlich durch geheime, erst durch die Arbeit im Berge eröffnete Kanäle jene Wässer der Gruft zusendete. Wurde diese Gefahr nicht abgewendet, so stand, davon musste man sich überzeugen, dem Mausoleum eine rasche Zerstörung bevor.

Er machte sogleich dem Oheim die Anzeige, welcher sich auf den Berggipfel tragen liess, die Gefahr, aber auch die Schwierigkeit, entgegenzuwirken, begriff. Die Wände jenes Weihers bestanden nämlich aus Felsen; zwischen denselben blinkte und rauschte das wasser, wie in einer grossen natürlichen Schale. Ein Durchbruch der Felsen, und eine dadurch zu bildende Abzugsrinne würden so viel Zeit hinweggenommen haben, dass inzwischen wahrscheinlich schon geschehen wäre, was man verhindern wollte.

Davon musste man also abstehn; auf andre Weise war die Trockenlegung des Weihers zu versuchen. Rasch hatte der Oheim, der in dieser ganzen Angelegenheit mit der schnellen Kühnheit seiner Jugend verfuhr, das entsprechende Mittel gefunden, und zur Ausführung gebracht. Grosse Züge von Pferden schleppten auf notdürftig gebahnten Wegen eine gewaltige Dampfmaschine den Berg hinan, rüstige Maurer arbeiteten Tag und Nacht, den Ofen zu errichten, dessen Gluten die ungeheuren Kräfte der Dämpfe entwickeln sollten; sobald er stand, stand auch binnen kurzem die Maschine, ein kräftig wirkendes PumpenSaug- und Schöpfwerk, welches in jeder Sekunde mehrere Tonnen Wassers zu enteben vermochte, wurde an den Spiegel des Weihers geführt und mit den Armen der Dampfmaschine in Verbindung gesetzt. Nun glühten die Kohlen des Ofens, nun hoben sich die langen eisernen arme der Maschine, griffen in die Öhre der Pumpenstengel, trieben die Schöpfräder um. Die abgezognen Fluten bildeten den Berg hinunter einen Giessbach, und über den wirkenden Kräften ruhte die dichte, schwarze Wolke, welche dergleichen Stätten zyklopischer Feuertätigkeit bezeichnet.

Sobald der Grund sichtbar werden würde, sollten

Sachverständige prüfen, ob die Quellen zu verstopfen sein möchten. Jedenfalls war vorauszusehn, dass man nach der Seite des Mausoleums zu durch Letten- und Sandsäcke jede Verbindung mit dessen Wölbung werde aufzuheben vermögen.

Dies wurde für so gewiss gehalten, dass der Oheim,

der überhaupt mit krankhafter Ungeduld nach der Beendigung des Werks verlangte, das Austrocknen des Weihers nicht abwarten wollte, um die Beisetzung des Leichnams zu veranstalten. Was ihn in seiner Zuversicht bestärkte, war der Umstand, dass, wie die Wassermasse sich verringerte, auch das Durchsintern bedeutend abnahm, so dass man mit hülfe einer bleiernen Rinne schon jetzt das Gewölbe entnässen konnte.

Er entwarf daher den Plan zu der Feierlichkeit, die

übrigens höchst einfach und schmucklos sein sollte. Seine Geschäftsfreunde und Vorstände hatten sich erboten, den Sarg auf ihren Schultern aus dem Erbbegräbnis der Grafen herabzutragen. Der Prediger sollte mit der Schuljugend folgen, jedoch wegen Länge des Weges auf diesem kein Lied anstimmen. Oben, bei dem Mausoleum wollte der Oheim mit Cornelien und einigen andern jungen Mädchen, deren sich die Verstorbne angenommen hatte, den Zug erwarten. Die Mädchen hatten einen schönen Psalm eingeübt, mit welchem sie die sterblichen Überreste ihrer Wohltäterin begrüssen wollten; unter diesen ernsten Tönen sollte der Sarg in der Gruft niedergesetzt werden, und ein kurzes Gebet des Predigers den Schluss der Bestattung machen.

Am Vorabende unterhielt sich der Oheim mit dem Prediger lange über Dinge, auf welche die Umstände wohl führen mussten. "Ich kann ganz genau meine Lebenskraft berechnen", sagte er, "und sehe voraus, dass ich noch den Winter hindurch vorhalten, und erst im Frühjahre, wo alles Mürbgewordne sich sacht von dannen begibt, abscheiden werde. Es ist mir lieb, dass die natur sich gegen die Eigentümlichkeit meines Wesens gefällig bezeugt, mich nicht unvermutet aus der Mitte ungeordneter Geschäfte hinwegreisst, sondern mir Zeit lässt, mein Haus als ein ordentlicher