sorgfältig, und fand, was wir schon aus der Feder des Arztes über ihn berichtet gelesen haben. Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen, liess sich von ihm im Garten helfen, strebte, durch gespräche über naturgeschichtliche Gegenstände, in welchem Fache er sich viel versucht hatte, auf seinen Kranken zu wirken, jedoch vergebens. Jener ging auf alles ein, las die Bücher, die ihm der Prediger hinlegte, und sprach im Zusammenhange über ihren Inhalt, blieb aber in die Letargie versunken, welche alle seine Seelenkräfte umsponnen hielt.
Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglücklichen sorgfältig verborgen. Cornelie war, wenn sie sich allein befand, sehr ernst. Ihr Versprechen, welches sie dem Prediger hatte geben müssen, den Kranken nicht zu besuchen, hielt sie gewissenhaft, nur konnte der Prediger, sooft er abends zum Besuche kam, an ihren ängstlich-fragenden Augen abnehmen, mit welcher sehnsucht sie den Nachrichten von seinem Hausgenossen entgegenharrte. Diese lauteten freilich nicht tröstlich, und meldeten nur ein trauriges Einerlei.
Um den Oheim vor einer plötzlichen Begegnung zu schützen, waren dem Kranken, der noch immer gern weite Spaziergänge machte, seine Wege vorgeschrieben worden. Er musste, wenn er frische Luft schöpfen wollte, von den Fabriken abwärts, auf einsamen, wenig betretnen Wiesen sich ergehen, die am fuss waldiger Hügel lagen. Diese Vorschrift liess er sich auch geduldig gefallen, wie er denn überhaupt alles ohne Widerstreben tat, was seine Pfeger ihm geboten. Nur einmal, als man auch jene Erlaubnis noch für gefährlich hielt, und ihn auf das Haus und allenfalls den Garten beschränken wollte, kündigten sich Zeichen einer geheimen innerlichen Wut an, welche die Besorgnis vor einer verhängnisvollen Szene erwecken mussten, und zu einer raschen Aufhebung des Verbots nötigten.
Am folgsamsten war er gegen die Frau des Predigers, welche, eine gute schlichte Matrone, ihn auch sehr zweckmässig zu behandeln wusste. Während die andern ihn doch mehr oder minder merken liessen, wofür sie ihn hielten, tat diese, als sei sein Zustand nichts Abweichendes, als müsse alles so sein, wie es war.
Es war ihr aufgefallen, dass er von seinem Rocke, welcher, obgleich völlig rein gehalten, doch kaum noch in den Nähten hing, durchaus nicht lassen, ja nicht einmal die Säuberung dieses Kleidungsstücks einem andern übertragen wollte. Jeden Morgen klopfte und bürstete er selbst ihn aus. Irgend etwas Besondres hierunter ahnend, schlich sie eines Abends spät, da Hermann schon fest schlummerte, in sein Zimmer, nahm den Rock hinweg, und untersuchte ihn. Plötzlich fühlte sie etwas Hartes vorn in der Gegend der Brustteile, trennte an der Stelle das Futter vorsichtig vom Tuche, und zog jene Brieftasche hervor, nach deren Eröffnung eine so unglückliche Wendung in den Schicksalen unsres Freundes eingetreten war. Sie war verschlossen. Der Prediger, welcher herbeigerufen und mit dem Funde bekanntgemacht wurde, wollte sie gewaltsam öffnen, seine Frau war aber dagegen und sagte: "Dies möchte, wenn unser Pflegling es entdeckte, ihn aufbringen; seien wir zufrieden, zu wissen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wort des Rätsels steckt, und stellen wir der Zeit die Lösung anheim." Sie nähte hierauf die Brieftasche wieder ein und tat den Rock an seinen Ort.
Am andern Morgen trat Hermann, den Rock über den Arm gehängt, in ihr Zimmer und erklärte, er werde sich einen neuen machen lassen, dieser sei nachgerade gar zu schlecht und dünn geworden. "Ich will dir es nur gestehn, Mutter", fügte er hinzu, "der Rock war mir lieb, weil er so viel mit mir ausgehalten hat, aber es ist etwas damit vorgegangen, und nun mache ich mir auch aus ihm nichts mehr. Hebe ihn wohl auf, meine Geheimnisse sind darin."
"Wenn dem so ist, mein Freund", versetzte sie, "so lass uns die Geheimnisse zusammen erwägen. Dergleichen Dinge werden oft besser, wenn vier Augen darüber kommen."
"Das ist unmöglich", erwiderte er, entblösste seine Brust, und liess sie ein Schlüsselchen sehen, welches er am schwarzen Bande um den Hals trug. "Sieh, dieser Schlüssel ist eigen zu der Brieftasche gemacht, von meinen Vätern – denn du musst wissen, dass ich deren zwei habe – mir vererbt und doch schliesst er nicht mehr dazu. Ich habe es oft versucht, und es wollte immer nicht gehen, auch bin ich überzeugt, dass keine Menschenhand einen dazu verfertigen kann. Also lass du diese Dinge immerhin unter dem schloss."
Er zog sie an sich und flüsterte ihr zu: "Es ist mir recht lieb, dass du mich nicht für verrückt hältst. In meinen guten Tagen traf ich einmal einen Menschen an, den sie in Russland in die Bergwerke gesetzt hatten, und dem nun Mutter, Vater, Brüder und Braut gleichgültig geworden waren. So ist es mir auch ergangen; muss man deshalb blödsinnig sein?"
Sie erzählte ihrem mann den Inhalt dieses Gesprächs. Ihm wurde die Sache immer unheimlicher, da sein geordneter einfacher Lebensgang einen so fremdartigen Bestandteil nicht wohl vertragen mochte. Er schrieb unter der Hand an den Arzt und Wilhelmi, von deren früheren Verbindung mit Hermann er allerhand erkundet hatte. Der Arzt antwortete nicht; er war wieder auf einer gelehrten Reise begriffen. Von Wilhelmi liefen dagegen umgehend einige Zeilen voll des regsten Eifers für den kranken, so lange verschollen gewesenen, Freund ein. Er versprach seinen Besuch, sobald ihm nur