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Sache zusammen. Was dem Flüchtling in der Irre begegnete, werden wir späterhin erzählen.

Freilich fehlte viel, dass Hermann der Zusammenhang der Dinge so unschuldig erschienen wäre. Die zärtlichen Blicke des Mädchens, die Verleumdungen des Wirts, seine eignen übereilten Äusserungen gegen die Herzogin hatten gewissermassen den Verführungsroman zusammengebaut, in welchem er selbst mit den Goldstücken der erlauchten Geberin als Held und Ritter der Unschuld glänzte. Sein Abscheu gegen die Schauspieler vollendete in ihm die Überzeugung von der Ruchlosigkeit des Pflegevaters.

Dreizehntes Kapitel

Freilich konnte er nicht zum besten auf diesen Stand zu sprechen sein. Er hatte, wie viele junge Leute heutzutage, ein Stück geschrieben; wenn wir nicht irren, war es eine Tragödie. Nach dem Urteile derer, die es gelesen haben, fehlte es demselben keinesweges an Geist. Wenn es als Dilettantenarbeit auch vielleicht ohne eigentliche wirkung vorübergegangen wäre, so hätte das Teater dem Verfasser dennoch wohl den Gefallen tun können, es unter die Fracht aufzunehmen, womit unser Bühnenschiff von Tag zu Tage segelt. Er erfuhr aber die Tücke jener Sphäre, sobald er sich mit ihr einliess. Entusiastische Versichrungen, brennender Eifer für seine Dichtung, Lauwerden, kritische Zweifel, gänzliches Erkalten, treuloses Zurückziehn, Widerruf des gegebnen Worts unter ersonnenen Vorwänden: alle diese Dinge musste er in kurzer Frist erleben, wodurch er in die übelste Stimmung versetzt wurde. Seine jungen Leidensgefährten halten sich nun bekanntlich nach solchen Wechselfällen dadurch schadlos, dass sie das Dasein der deutschen Bühne überhaupt leugnen, und neuen Erscheinungen, welche sich die Gunst der Meinung gewinnen, aus allen Kräften rezensierend entgegentreten. Bei Hermann nahmen aber alle Erfahrungen mehr eine moralische Wendung. Er hatte eine so reine Begeisterung bei seinem Werke gefühlt, dieser war so schmählich vergolten worden! Sein Hass, seine Verachtung wandte sich nicht bloss gegen das Institut, sondern er begann auch die Persönlichkeit der Schauspieler gering zu schätzen. Es gab nichts, dessen er sie nicht fähig gehalten hätte, und jede Anschuldigung war er geneigt zu glauben, sofern sie einen aus dieser von ihm verworfnen Kaste betraf.

So vorgestimmt und verstimmt ging er zu dem armen Komödianten. Dass ein schlechter Plan schwer zu beweisen sei, dass die Obrigkeit den Kuppler vertreten werde, wenn man nicht

eine entschiedne Niederträchtigkeit darzutun vermöge, diese Betrachtungen zogen ihm durch den Kopf; er sah ein, dass er in einem so verwickelten Falle mit seiner ganzen so früh erworbnen Klugheit werde handeln müssen. Da ihm nun ein andres Mittel schlechterdings nicht einfallen wollte, so geriet er auf den wunderbarsten Gedanken. Er beschloss nämlich, sich anzustellen, als habe er selbst die Absichten auf das Mädchen, welche er bei dem alten Spiessgesellen des Pflegevaters voraussetzte, letzteren dadurch in eine Falle zu locken, und wenn er hineinging, wenn er durch unvorsichtige Äusserungen sich blossstellte, dann im Namen der Tugend mit ihm zu machen, was er wollte.

Der Komödiant hatte die sorge um sein entlaufnes Unkraut grade etwas beiseite gesetzt, und an das Deklamatorium gedacht, welches endlich doch zustande kommen sollte. In diesem wollte er unter anderem Lear auf der Heide produzieren, und zwar, die wirkung zu verstärken, im Kostüme. Er erwartete den Johanniter als Zuhörer zu einer probe, und ging, für sich rezitierend, die stube auf und ab. Sein Negligé war das tiefste; er befand sich nämlich noch im Hemde, hatte aber, um das Mantelspiel einzuüben, die Enveloppe seiner seligen Frau umgeworfen.

Grade bei den Worten an die Elemente:

Hier steh' ich, euer Knecht,

Ein armer, schwacher, tief gekränkter Greis!

trat Hermann, dessen klopfen nicht vernommen worden war, in das Zimmer. Der Anblick eines barfüssigen Menschen mit der Nachtmütze auf dem kopf, dem die alte kurze Weiberenveloppe kaum die Hälfte der dürren Schenkel bedeckte, brachte unsern Helden einigermassen aus der Fassung; doch nahm er sich zusammen, und stellte sich dem gemisshandelten Könige als einen Kunstfreund dar, der ihm seinen Besuch machen wollte. Er gab sich in der Schnelligkeit den Charakter als Baron, um für sein Kavaliermärchen Grund und Boden zu gewinnen.

König Lear, sehr erfreut über den Besuch eines Mannes, welcher, nach rasch angestellter Schätzung zu schliessen, ihm mehr als ein Billet abnehmen würde, nötigte den Fremden mit äusserster Höflichkeit, ohne Bestürzung über seine Blösse, zum Sitzen, und verstrickte ihn sofort in ein Kunstgespräch, welches freilich nicht geeignet war, nach dem Punkte hinzuführen, den Hermann im Auge hatte.

Konnte dessen Überzeugung, dessen Widerwille gegen den Pflegevater noch gesteigert werden, so geschah es nun. Hermann gehörte zu denen, welche durch eine Physiognomie, durch den Klang einer stimme bis in ihr Innerstes zu verwunden sind. Der Komödiant hatte jenen weichen bürgerlichen Biedermannston, mit welchem sie auf den süddeutschen Bühnen Helden und Väter spielen, in das tägliche Leben hinübergenommen, sein Gesicht war welk und aufgedunsen von Wein, Schminke und teatralischen Rührungen. Hermann ekelte der widerwärtige Ton an, ihn erhitzte der Anblick des alten schlaffen vermeintlichen Lasters, welches wie der deutsche Hausvater sprach, immer heftiger; er unterbrach den salbadernden Komödianten plötzlich, und sagte: "Nun etwas andres, weshalb ich eigentlich gekommen bin." – Er wiederholte mit einem gewissen Akzent, dass er Baron sei, einige Güter in Böhmen und eine herrschaft in Schwaben besitze. Seine Wangen glühten vor Scham und Verdruss. Der gute und anständige Mensch mag sich nicht einmal zur Erdichtung einer Schlechtigkeit hergeben.

Es entstand also eine tiefe Pause. König Lear sah den jungen reichen Baron