, wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens gewesen war.
Drittes Kapitel
Es war ihnen aufgefallen, dass Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses zeigte, dem Oheim töchterlich aus dem Wagen zu helfen, wie sie sonst pflegte, wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurückkehrte. Unerwartet fand sie der Prediger in seiner wohnung, und trat erschreckt zurück, da er an ihrem gesicht Spuren der äussersten Bestürzung wahrnahm.
Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust, und sagte unter Weinen und Schluchzen, dass sie bei einem Gange nach der Meierei im Holze jemand angetroffen habe, den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen sei. Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er, dass dieser Wiedergefundne Hermann sei, der sich ganz anders, wie ehemals, benehme, und auch verändert aussehe.
Das arme Mädchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewusst, und ihn vorläufig im haus des Predigers untergebracht. Sie öffnete ein Seitenzimmer, deutete mit abgewandtem Antlitz hinein, der Prediger betrat dasselbe, und erkannte in einem mann, der früh gealtert war, den Unglücklichen, dessen er sich von seinen früheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte. Jener las in einer Bibel, die er dort aufgeschlagen gefunden hatte, und begann, sobald er den Prediger wahrnahm, eine geschichte des Alten Testaments zu erzählen.
Der Prediger, den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte, liess ihn dennoch ausreden, und sagte dann: "Dem mag so sein, aber nun entdecken Sie mir, was Sie uns unerwartet wieder zuführt?" Hermann strich sich über die Stirn, als müsse er sich erst besinnen, dann versetzte er gleichgültig: "Ich muss doch irgendwo bleiben. Ich bin an vielen Orten, hier und da gewesen, meine Kleider fangen an, abzureissen, ich habe auch wenig Geld mehr. Nun erinnerte ich mich, dass hier herum Verwandte von mir wohnen, deren Verbindlichkeit es nach römischem und deutschem Rechte ist, für einen dürftigen Angehörigen zu sorgen." Er setzte hierauf, ohne zu stocken, die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der Verwandten auseinander, und führte die betreffenden Gesetzstellen mit der grössten Sicherheit an. Der Prediger, welcher gar nicht wusste, was er aus diesem Benehmen machen sollte, musterte ihn mit erstaunten Blicken. Der Anzug des Unglücklichen war äusserst sauber, die Wäsche sehr weiss, aber alles bis auf den Faden abgetragen. Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kümmern; er setzte sich, da der Prediger in seinem Schweigen verharrte, wieder zur Bibel und las darin ruhig weiter.
Cornelie weinte im Nebenzimmer heisse Tränen. "Wie mager seine hände sind, wie bleich das Gesicht ist, und an den Schläfen hat er graue Haare!" sagte sie zum Prediger. "Ist es wirklich so, wie ich denke", fragte sie mit leiser, von innigen Schaudern unterbrochner stimme; "hat er den Verstand verloren?"
"Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden", versetzte der Prediger. "Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskräfte, aber es ist, als ob ein totes Buch, und nicht ein lebendiger Mensch rede. Machte es denn auf ihn keinen Eindruck, als er dir unvermutet begegnete?"
"Nein", erwiderte Cornelie. "Ich war, wie vom Schreck gelähmt, als er unter den Bäumen in dieser Gestalt mir entgegentrat. Er aber reichte mir, als sei er täglich mit mir zusammen, freundlich die Hand und bot mir den gewöhnlichen Gruss. So liess er sich auch von mir willenlos hieherführen."
"Wir müssen nun überlegen, wohin wir ihn bringen, da er doch hier unmöglich bleiben kann", sagte der Prediger.
Cornelie wurde blass, ihre Lippen zuckten, die Tränen, welche schon in den guten treuen Augen versiegt waren, überströmten wieder ihre Wangen. So stand sie eine Weile schweigend da. Endlich fiel sie dem Prediger zu Füssen, drückte seine hände flehentlich gegen die zarte Brust und rief: "Stossen wir ihn nicht hinaus in die Fremde! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen, dass wir ihn behalten sollen?"
Der Prediger wusste von den Hausgeschichten so viel, dass er das Bedenkliche dieser Entschliessung einsah. Er stellte Cornelien vor, wie unangenehm es dem Oheim sein müsse, wenn er erfahre, dass jemand, der ihm zuwider sei, von seinen nächsten Umgebungen beherbergt werde, und wie jede Gemütsbewegung den dünnen Lebensfaden des Greises zerreissen könne.
"Das fasse ich wohl", versetzte Cornelie ruhig, "und dennoch müssen wir unsre Pflicht tun. Er scheint still und sanft zu sein, wir werden ihn hier in der Verborgenheit hüten können, alle Sorgfalt will ich anwenden, dass dem Oheim seine Anwesenheit nicht bekannt werde."
Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben. Da rief Cornelie plötzlich mit einer Lebhaftigkeit, die ihn von dem schüchternen, bescheidnen kind in Erstaunen setzte: "Wohlan, treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle, so nehme ich ihn auf, so soll er in meinem Stübchen wohnen, und ich will mich auf dem Söller betten. Auf die Landstrasse lasse ich ihn nicht jagen."
Der Prediger sann nach, und erklärte sich zuletzt bereit, den Armen wenigstens vorläufig bei sich zu behalten. Dagegen musste ihm Cornelie die tiefste Verschwiegenheit geloben.
Hermann nahm die Nachricht, dass er bei dem Prediger bleiben solle, wie alles, gleichgültig auf. Sein Wirt beobachtete ihn in den nächsten Tagen