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sie mir. Sie kniete unter der Trauerweide, und hielt die Junge in den Armen, die matt und kraftlos ausgestreckt lag. Zwischen ihnen lag das neugeborne Kind auf Zweigen des Baums. Die Mutter weinte bitterlich, und blickte zuweilen so nach dem kind, dass es mir durch Mark und Bein ging. Die Alte sagte, ich solle es begraben, und wollte es in ihr buntes Kopftuch einwickeln, was aber die andre verbot. Sie sagte, so wie es sei, solle es in die Erde kommen; die sei gut und sanft, alles andre tauge nichts. Ich höhlte hierauf an der Mauer mit meinem Werkzeug eine Grube in der Erde aus, und baute darüber ein kleines Gewölbe von Steinen. Das Frauenzimmer nahm das Kind auf, herzte es, dann gab sie es mir. Sie wollte auch einen goldnen Ring dem kind mitgeben, besann sich aber, und sagte seufzend: 'Den will ich doch noch behalten.' Hierauf brachte ich das Neugeborne in die kleine Gruft, bedeckte dieselbe mit Schieferplatten und schaufelte Erde darumher, dass alles eine Festigkeit bekam, und die Tiere den Leichnam nicht herauszerren, oder die Regenwässer mein Gebäude nicht zerstören möchten."

Nach dieser Erzählung, die der junge Mensch mit einfachem Wesen, in guten schicklichen Worten vorgetragen hatte, schwiegen der Oheim und der Prediger eine geraume Weile. Endlich sagte letzterer: "Ihr habt unrecht getan, Eurem Pfarrer die Sache nicht sogleich anzuzeigen. Wer weiss, welcher Frevel hier dennoch in die Erde versenkt worden ist!"

"Und wo blieben jene Personen?" fragte der Oheim.

"Ich musste sie nach unsrem dorf bringen", versetzte der junge Bauer. "Dort verweilten sie einige Tage, bis die Junge soweit gestärkt war, fahren zu können. Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre, und sie zogen von dannen, ohne zu sagen, wohin. Von ihren Gesprächen habe ich auch nicht viel verstanden. Sie redeten Deutsch, aber es waren lauter Sachen, die mir unbekannt waren."

"Wüsstet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden?" fragte der Oheim.

"Ei warum denn nicht!" rief der junge Mensch. "Dort in der Ecke ist sie."

Wirklich sah man in einem Winkel der zertrümmerten Mauer eine rundlichte Erhöhung von Erde, welche frischer war, als der Boden umher, denn kein Grashalm hatte noch in ihr Wurzel geschlagen.

Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhügel warf, und dem jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien, woran ihn die Gegenwart seines Freundes hinderte, so rief dieser: "Tun Sie, was Sie nicht lassen können, nur erlauben Sie mir, dass ich mich solange entferne, denn meine Priesterpflicht ist, die Ruhe der Gräber zu schützen, nicht, sie zu stören."

Er ging. Sobald er den rücken gewandt hatte, sagte der Oheim zu dem Bauer: "Tue mir den Gefallen und öffne die Gruft, denn ich bin äusserst neugierig, die Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren."

Jener hatte Bedenken, die der Oheim indessen zu überwinden wusste. Er trennte mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen, nahm, nachdem sie blossgelegt worden waren, den obersten ab, und rief, in die Höhlung blickend, verwundert aus: "Wie das glänzt!"

Der Oheim liess sich zu dem platz geleiten. Die Abendsonne warf glühende Strahlen in die kleine Gruft, und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares Schauspiel wahr, in dessen Anblick er lange mit stummem Ergötzen versunken stand. Auf allen Punkten der Wände, welche das Grab umschlossen, war der vom nahen wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln, Zacken, Büscheln und Spitzen hervorgequollen, und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen Gestalten, welche, tropfenbehangen, im Sonnenlichte farbenreich glänzten, eine funkelnde Zaubergrotte, in deren Mitte die Überbleibsel des Neugebornen lagen, zum reinlichsten, weissesten Skelette verzehrt, derart, wie man kleine Tierkörper verwandelt wiederfindet, welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden Ameisenhaufen beisetzte. Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die Einflüsse dieses Bodens in so kurzer Zeit völlig aufgesogen, nur die zarten Knöchlein waren bisher nicht zu überwinden gewesen. Auch sie besetzten und umzogen zarte Kristalle, ähnlich dem Flitter und Schmelz, womit die Andacht an heiligen Orten die Gebeine der Märtyrer zu zieren liebt, und so lag das Leuchtende zwischen den leuchtenden Wänden. Der Oheim wollte die Hand nach den von der natur geweihten Resten ausstrecken, zog sie aber zurück und sagte: "Nein! dies ist zu schön, als dass man es nicht, so wie es ist, lassen müsste."

Er befahl, den Deckstein wieder aufzulegen, und gebot dem Bauer, noch sorgfältiger, als zuvor geschehen, die Erde umherzuschütten, damit das schöne Phänomen so lange als möglich bewahrt bleibe.

Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege. Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen. Endlich sagte er: "Wenn uns die Kirchengeschichte lehrt, dass der Mensch auf dem Wege zum Göttlichen sich fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt, so hält die natur in ihrer regelrechten Tätigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft. Sie haben mich an einen Ort geführt, wo eine aberwitzige Schlangenbrüderschaft ihre Toten begrub, und an demselben Orte entdeckte ich etwas, was meiner Sinnesart die ihr gemässe religiöse Erhebung gab."

Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsäumt, Erde von jenem platz mitzunehmen