1838_Immermann_044_207.txt

man gewollt, an das Ziel.

Der Ort, auf einer Höhe zwischen heidekrautbewachsenen Hügeln gelegen, war ausserordentlich einsam und musste durch sich selbst schon Gedanken der Melancholie erwecken. Eine niedrige Mauer, die aber an den meisten Stellen zu Trümmern zerfallen war, umschloss einen runden Platz von mässigem Umfange. Was der Prediger für die Überbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte, war die Substruktion eines kleinen achteckigen Gebäudes, von welcher nur hin und wieder noch einige Steinzacken über der Erdoberfläche emporragten. In der Mitte des inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr, in welche ein Bächlein, welches von den Höhen herabkam, und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht hatte, sein wasser ergoss. Um diese Trümmerder Hünenborn, wie der Prediger sagte, von den Landleuten geheissenhatte die sekte ihre Toten rings im Kreise bestattet. Aber die Gräber waren zum grössten teil schon wieder eingesunken, die Kreuze verfault, die Steine lagen umgefallen in aufgerissnen Erdrinnen, oder neigten sich gegeneinander. Über eine ganze Reihe tiefer Höhlungen, durch das Einstürzen mehrerer Gräber entstanden, hatten die Landleute, welche ihren Fussweg nach einem nahen Walddorfe über die Höhe nahmen, eine Notbrücke von Baumstämmen, Leichensteinen und Kreuzen gemacht, deren sie sich bedienten, wenn Regenwasser diese Senkungen ausfüllte. Alles war an dem verlassnen platz eigen, traurig; die Bilder der Vergänglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit berührt. Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte, wo menschliche Leiber verwesen, zu haben; ein kümmerliches Gras bedeckte spärlich den weissgelblichen Grund, hohe fahle dürre Halmen stachen lang und spitzig aus demselben hervor, sonst zeigte sich weder Baum noch Staude; nur über den sogenannten Hünenborn neigte eine grosse Trauerweide, deren Stamm aber auch schon im Absterben war, ihre mattgrünlichen Zweige.

Nachdem der Oheim am arme des Predigers einen gang zwischen den Gräbern hindurch gemacht und sich an den noch erhaltnen Kreuzen, sowie an einigen Steinen rohe Schlangenzeichen hatte vorzeigen lassen, ruheten beide in dem alten Gemäuer unter der Trauerweide. Der Prediger sprach seine Meinung aus, und behauptete, dass jene Bildwerke genau mit denjenigen übereinstimmten, deren sich in den ältesten zeiten die Ophiten bedient hätten. "Was mich Wunder nimmt", sagte der Oheim, "sind die Steine. Sie haben mir erzählt, dass die sekte nur aus armen Leuten bestanden habe; woher nahmen diese das Geld zu so kostbaren Denkzeichen?" – "Auch mir fiel dieser Umstand auf", versetzte der Prediger, "bis ich entdeckte, dass in * noch vor hundert Jahren eine Steinmetzenzunft bestanden hat, ähnlich den mittelalterlichen Gilden dieser Art. Wahrscheinlich hat das Geheimnis, welches jene Zunft in ihre Verhandlungen wob, sich mit dem Geheimnisvollen der sekte, als etwas Wahlverwandtem berührt, Mitglieder des Gewerks mögen zu ihr gehört, oder sich wenigstens zu ihnen hingeneigt, Steine und Arbeit ihren Bestattungen umsonst, oder für die billigsten Preise geliefert haben."

Der Oheim warf aufmerksame Blicke umher, scharrte mit seinem Stabe in dem harten, steinigten Boden und sagte: "Ich müsste mich sehr trügen, oder das Erdreich hat hier eine eigentümliche alkalisch-ätzende Beschaffenheit. Die geringe Vegetation und jene gelben Halmen, welche sich immer an Orten derartiger Bodenmischung finden, bringen mich auf diese Vermutung. Ich hätte grosse Lust, etwas Erde von hier mitzunehmen, und sie zu haus auszulaugen."

Einer der jungen Bauern, welcher achtsam zugehört hatte, und endlich begriff, wovon die Rede war, mischte sich in das Gespräch und sagte: "Der Herr hat ganz recht, unser Gerber braucht, um seine Felle gar zu machen, nichts, als diese Erde; sie tut dieselben Dienste, wie Lohe."

"Es ist schade", sagte der Oheim, "dass nicht in neuerer Zeit hier jemand bestattet worden ist. Bei der Aufgrabung würden sich gewiss nach dem, was ich höre, merkwürdige Resultate finden."

"O", rief der junge Bauer, "davon könnte man die probe auch zu gesicht bekommen! Es ist kaum etwas über ein Jahr her, dass hier ein neugebornes Kind verscharrt wurde, und ich weiss noch genau die Stelle, wo dies geschah."

Ein Verbrechen befürchtend, fuhren beide Männer zusammen; jener aber lachte und sagte: "So schlimm, wie die Herrn glauben mögen, verhält sich die Sache nicht. Ich hatte nahebei im feld etwas zu tun, da sah ich ein junges Weibsbild mit einer Alten, die im gesicht ganz gelbbraun war, vorübergehn. Mich konnten sie nicht erblicken, weil ich hinter einem Busche stand, ich aber bemerkte durch die Spalten der Zweige alles sehr wohl. Die Junge, welche bleich, aber bildschön war, ächzte und stöhnte, man konnte ihr anmerken, in welchem Zustande sie war, und dass ihre Stunde sie überfallen hatte. Die Alte führte sie und sprach ihr zu, und beide gingen nach dem Hünenborne. Ich folgte ihnen, und versteckte mich draussen hinter einem Mauerstücke, das Gesicht abgekehrt, da es doch für mich nicht anständig war, in diesen Nöten den Weibern nahezukommen. Nun hörte ich da, wo Sie jetzt sitzen, kläglich stöhnen und wimmern, und nach einer Weile den lauten Schrei ausstossen: 'Es ist tot!' Ich meinte, jetzt sei es an der Zeit, mich auf ziemliche Weise zu nähern, kroch eine Strecke zurück, richtete mich dann auf, und ging wie von ungefähr auf den Hünenborn zu. Sowie mich die Alte erblickte, winkte