Sinne vorwärts stösst. Dieses wird nach einem unbekannten Plane das unendliche Werk wieder aufbaun, dessen stete Erschaffung und Herstellung Gott dem Menschen anvertraut hat: sein eigenes Geschick."
Neuntes Buch
Cornelie – 1828–1829
Über allem Zauber Liebe!
Erstes Kapitel
Cornelie stützte das Haupt des Oheims. "Ist dir diese Lage recht?" fragte sie ihn mit sanfter stimme. "Ja, mein liebes Kind", versetzte der Alte. "Wie wohl tut mir der Atem deiner Sorgfalt! Es ist recht schön von dir, dass du von der grünen Wiese hereingekommen bist, einen hinsterbenden Greis zu pflegen."
"Du wirst dich erholen, Vater", sagte Cornelie. "Nein, meine Tochter", antwortete der Oheim, "wir werden bald voneinandergehn. Ein arbeitsames Leben zehrt auf; es ist ein sonderbares Gefühl, deutlich das Kapital seiner Kräfte überschlagen zu können, aus deren nicht zu berechnendem Reichtume man in der Jugend mit so verschwenderischen Händen schöpfte. Ich habe diese Empfindung jetzt oft."
Der Dirigent einer Abteilung des Gewerbebetriebs trat ein, um die Meinung des Prinzipals über eine neue Anlage einzuholen. "Verfahren Sie hierin ganz nach eigner Einsicht", erwiderte der Oheim, nachdem er sich die Sache hatte vortragen lassen. "Sie müssen sich nach und nach gewöhnen, selbständig zu handeln."
"Welche Besorgnisse Ihnen auch Ihre Gesundheitsumstände einflössen", sagte der Mann nicht ohne Rührung, "Besorgnisse, die, will es Gott, sich als ungegründet ausweisen werden, so seien Sie überzeugt, dass Ihre Weisheit unsre unverbrüchliche Richtschnur immerdar bleibt, dass keiner von uns an eine Zukunft nach Ihnen denkt."
Eine andre tür ward gewaltsam aufgerissen, Ferdinand stürmte herein, die Jagdtasche an der Seite, die Flinte über den rücken geworfen. Er warf ein paar Feldhühner Cornelien zu Füssen, und rief: "Da hast du einen Braten in die Küche!" – Dann entfernte er sich ebenso laut, wie er gekommen war, ohne von dem Kranken Notiz zu nehmen. Dieser schickte ihm einen kummervollen blick nach; der Geschäftsmann sah seufzend vor sich nieder, Cornelie weinte still in einer Ecke des Zimmers. "Fürchten Sie nichts", sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde. "Ich werde Verfügungen treffen, dass die Schöpfungen unsrer redlichen Mühe, die Anstalten, zu deren Begründung sich Kenntnisse, Fleiss und gegenseitiges Zutraun so vieler Männer verbinden mussten, nicht zusammenstürzen, wenn zwei Augen sich schliessen, dass sie wenigstens nie von den Launen eines unbändigen Jungen abhangen sollen."
Als jener das Zimmer verlassen hatte, sagte Cornelie: "Er wird gewiss noch anders und besser, Vater."
"Nein", erwiderte der Kranke, "ich täusche mich nicht mehr mit leerer Hoffnung. Die wilden, verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt, ich muss ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen, denn es ist fruchtlos, gegen des Menschen natur anzugehn. Liederlich wird der Bube nun auch, ich habe das leider erfahren. grosser Gott, wie war es möglich, dass zwei stille, einfache Menschen, wie meine Frau und ich, ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten?"
Cornelie suchte den Leidenden zu beruhigen, und der Abend ging in Gesprächen mit dem Prediger, der sich, als es dunkel geworden war, wie gewöhnlich einfand, friedlich hin.
Der Oheim hatte, als er die Abnahme seiner Kräfte merklicher werden sah, von manchen seiner Eigenheiten abgelassen; sein Wesen war von Tage zu Tage gütiger und milder geworden. Die Geschäfte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in den Händen der Untergebnen, und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen lag, so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate wenig Anteil mehr. Dagegen hatte sich seine Neigung für die Pflanzen zu einer wahren Zärtlichkeit gesteigert, und eine andre Jugendrichtung, die Liebe zur Chemie, stellte sich ebenfalls wieder ein. Dieser verdankte er die erste glückliche Wendung seines Schicksals. Er hatte als junger Mensch eine grosse Schiffslast für völlig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht, und sie durch eine geschickte Behandlung in verkäuflichen Zustand gesetzt, dadurch aber in wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht. Nun, in seinen letzten Lebenstagen, sass er wieder, wie damals, sooft es seine Umstände erlaubten, im Laboratorio vor dem Ofen, glühte und schied, ohne einen weiteren Zweck, als die Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen. Besonders eifrig untersuchte er die Mischungen der Bodenfläche seiner Besitzungen, da er, wie er scherzend sagte, doch zu wissen wünsche, welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst verbinden werde.
Eines Tages liess er den Prediger, diesem sehr unerwartet, rufen. Nach einigen vorbereitenden Reden eröffnete er demselben, dass er seinen Umgang und Zuspruch wünsche, da er das Herannahen des Todes fühle. Der Prediger, ein verständiger Mann, welcher einen Rückkehrenden von der konsequentesten denkart, welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten, vor sich sah, begriff wohl, dass er auf die gewöhnliche Weise hier nicht einwirken dürfe, dass er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu erforschen habe. Er tat daher einige geschickte fragen, welche den Oheim auch wirklich dahin brachten, sich über sein Innres ohne Rückhalt auszusprechen.
"Zuvörderst muss ich Ihnen versichern", sagte er, "dass ich mich vor dem tod durchaus nicht fürchte. Nur für den Müssiggänger kann dieser Rechnungsabschluss beschwerlich sein; wer es sich immerdar hat sauer werden lassen, empfindet