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mir weinend um den Hals, sagte, dass er da und dort gewesen sei, aber nirgends Ruhe finde, dass ich ihm ein Plätzchen bei mir gönnen möge, wo er sterben könne.

Meinen Schreck werden Sie ermessen. Ich sprach mit meiner Frau, die sich kaum zusammennehmen konnte, da sie ihn so ausser sich sah, und verstört. Wir brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter, baten ihn, sich zu schonen, seine Sinne zu sammeln, dann werde sich ja alles finden, was auch vorgefallen sein möge.

Er liess sich diese Obsorge gefallen, und sass einige Tage vor sich hin. Als ich glaubte, er sei so weit beruhigt, dass man mit ihm reden könne, suchte ich zu erforschen, was sein Innres so gewaltsam aufgeregt hatte. Ich bekam jedoch keine andern Antworten von ihm, als, dass er der verworfenste aller Menschen sei, dass nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse; ob ich den Ödipus kenne? – Da ich sah, dass ihn mein Andringen schwer leiden machte, so gab ich es auf und habe auch nachmals nicht versucht, sein Geheimnis zu entdecken.

Nur so viel ist mir aus unwillkürlichen Äusserungen klargeworden, dass das Bewusstsein einer Schuld, die furchtbar gewesen sein muss, seine Brust zerfrisst, dass sich auf dem Landhause Flämmchens das Schlimme begeben haben mag, und dass dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat, welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist.

Ich glaubte, Beschäftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefühle seiner selbst bringen, und äusserte ihm diese Meinung. Er ergriff sie mit leidenschaft und rief: 'Du hast das Wahre getroffen. Beschäftigung mangelt mir. Gibt es nicht manches, was einem die bösen Träume verscheuchen mag: Philosophie, Religion, Kunst, Staatswissenschaft? Versuchen wir es mit diesen erhabnen Mächten und Geistern der Zeit, deren einer uns gewiss hülfreich sein wird!'

Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt berührt, der die Krisis zum Ausbruch bringen musste. Es begann eine Zeit, an welche ich mich nicht gern erinnre, denn ich musste in ihr wahrnehmen, ohne helfen zu können, wie die Seele eines Freundes sich jammervoll auflöste. Er eilte in die Kirchen, schrieb Predigten nach, sass zu den Füssen des Philosophen und las in dessen Büchern bis spät in die Nacht. Er durchstrich die Säle der Galerie; studierte Kunstgeschichte, ging die Staatsmänner seiner Bekanntschaft um praktische arbeiten an, die sie ihm auch, seinen Zustand bemitleidend, wenigstens zum Schein gewährten. Aber alle diese religiösen, philosophischen, ästetischen und praktischen Aufspannungen, welche mit einer stürmischen Hast, ja mit Wut betrieben wurden, konnten dem Geängstigten, Versinkenden keinen Anhalt geben. Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode übrig, worin er die rührendsten und zerreissendsten Klagen dem Papiere vertraut. 'Ach', ruft er in einer dieser Ergiessungen aus, 'dem befleckten Gemüte steht alles fern! Gott und die natur, Schönheit und Wahrheit, Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten, öden geist, wie dünne Schatten vorbei, welche er nicht zu fassen, an denen er sich nicht anzuklammern vermag!'

So sich abarbeitend, die Kräfte gegeneinander treibend, verfiel er nach und nach in den Zustand, wo nun alles ruht und tot ist, den wir trauernd anschaun, worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen, und von dem wohl keine Heilung zu erwarten ist."

Nachdem Wilhelmi mir diese Eröffnungen gemacht hatte, beobachtete ich den Unglücklichen in allen Stunden, welche meine öffentlichen Geschäfte mir frei liessen. Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit sichtbar, die ich je wahrgenommen habe.

Hermann war körperlich gesund. Die Blässe seines Antlitzes, die Mattigkeit seiner Augen hinderte nicht, dass alle Lebensfunktionen bei ihm den natürlichen, regelrechten gang nahmen. Er ass und trank hinreichend, seine Füsse trugen ihn auf meilenlangen Wandrungen, die er in der Umgegend anzustellen pflegte, ohne dass bei der Heimkehr eine Erschöpfung an ihm zu verspüren gewesen wäre; er schlummerte tief und ruhig. Auch war er keinesweges wahnoder blödsinnig; er las viel, hörte Gesprächen von allgemeinerem Interesse gern zu, und liess seine Bemerkungen vernehmen, die immer verständig, zuweilen scharfsinnig, hin und wieder selbst tief waren. So gab er einst, da wir viel über Schicksal und Selbstbestimmung geredet hatten, den Begriff der Freiheit dahin an, dass sie die Form der notwendigkeit sei, und führte diesen Satz auf eine Weise durch, welche uns alle in Erstaunen setzte.

Dennoch war er im Kerne des Seins gestört, ja getötet. Das Leben, welches in Freude und Leid, in Begehren und Verabscheuen, in Liebe und Hass, in den Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht, war in ihm durch eine schreckliche Erinnrung ausgelöscht. Er weinte und lachte über nichts, ein stehendes gleichgültiges Lächeln machte seine Züge zur Maske. Er wollte nichts, und wendete sich von nichts hinweg, er hatte keinen Freund und keinen Feind, die besonderen Verhältnisse andrer waren für ihn so wenig vorhanden, als seine eigenen, mit einem Worte: Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu sein. Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele, wie ein leeres Gefäss noch auf, ohne die Federkraft zu besitzen, sie in ihr Eigentum zu verarbeiten, und daraus die Nahrung zu Entschlüssen zu saugen.

So lebte er, scheinbar ein Mensch, aber ohne Anteil, und in der Tat den